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Es hat mehr junge Hausärzte – aber insgesamt noch immer zu wenige
Es hat mehr junge Hausärzte – aber  insgesamt noch immer zu wenige Konolfingen: Heute können sich mehr junge Ärzte vorstellen, in einer Hausarztpraxis tätig zu sein als vor zehn Jahren. Dennoch zeigt die Fieberkurve des Ärztemangels noch nach oben.

Sebastian Birrer (63), Hausarzt aus Konolfingen, hats geschafft: Er kann seine Praxis an ein junges Ärztepaar übergeben (siehe auch Artikel rechts). Per Anfang Juni werden Anja Hostettler Streit und Sven Streit die Praxis am Burgweg führen. Sie werden sich die Arbeit teilen: An zweieinhalb Tagen hat Anja Hostettler Streit Sprechsunde, an zwei Tagen Sven Streit. Der 38-Jährige ist zudem als Professor am Berner Institut für Hausarztmedizin der Uni Bern tätig. Dort engagiert er sich als Leiter Nachwuchsförderung – daher ist er mit der Thematik des Hausärztemangels bestens vertraut.  

 

Herr Streit, war es immer Ihr Wunsch, als Hausarzt tätig zu sein?

Mir hat diese Tätigkeit schon beim Praktikum während des Studiums gefallen und später während meiner Zeit als Assistent bei einem Hausarzt. Nun hat sich für mich und meine Frau eine gute Gelegenheit ergeben, indem wir die Praxis von Herrn Birrer übernehmen können.  

 

Warum gerade diese Praxis? 

Es war eigentlich Zufall: Wir hatten das Inserat gesehen, das uns sehr angesprochen hat. Das ganze Paket schien massgeschneidert für uns: Die Grösse der Praxis, das aufstrebende Dorf, die Wohnung bei der Praxis und vor allem die Möglichkeit, die Praxis in einem grösseren Zeitrahmen und schrittweise übernehmen zu können. So konnte ich bereits seit 2017 in der Praxis bei Herrn Birrer mitarbeiten und er wird uns in der ersten Zeit nach Übernahme auch noch unterstützen. Das ist für uns ideal.


Eine aktuelle Studie, an der Sie mitgearbeitet haben, zeigt, dass heute mehr junge Ärztinnen und Ärzte diesen Weg einschlagen. Warum?

Ein Faktor ist sicher, dass Studenten früher kaum je einen Hausarzt zu Gesicht bekommen haben – das ist in den Vorlesungen heute anders. Zum andern hat sich die politische Situation gewandelt: Vor einigen Jahren wurde die Rolle des Hausarztes in Frage gestellt. Mittlerweile hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass sich eine breite hausärztliche Versorgung lohnt.  

 

Laut der Erhebung entscheiden sich heute 20 Prozent der Studierenden für die Hausarztmedizin – doppelt so viele wie vor zehn Jahren. Ist der Mangel damit behoben? 

Ich beschreibe die Situation jeweils mit dem Bild eines alten Hauses, das über eine ebenfalls alte Heizung verfügt. Wenn nicht mehr geheizt werden kann, friert man nicht sofort – aber es dauert dann auch eine Weile, bis es wieder warm ist. Aktuell kann man sagen, um bei dem Bild zu bleiben, an den Radiatoren ist wieder etwas Wärme spürbar, mehr aber nicht. 

 

Es braucht also mehr Nachwuchs.

Es müssten sich rund die Hälfte aller Studenten für die Hausarztmedizin entscheiden. Das bleibt eine Herausforderung, obschon die Schweiz derzeit so viele Medizinstudenten ausbildet, wie kaum einmal zuvor. Für die Grundversorgung wären allerdings auch mehr Kinder- und Jugendärzte sowie Psychiater nötig.

 

Es fällt auf, dass fast ausschliesslich junge Ärzte eine Praxis übernehmen, die zuvor als Assistenten bei Hausärzten tätig waren.  

Ich kenne sogar einige Fälle, bei denen ehemalige Assistenten die Praxis übernommen haben. Die Praxisassistenz ist ein sehr wichtiges Mittel zur Nachwuchsförderung – und ein beliebtes. Heuer sind bereits alle 35 Plätze im Kanton Bern vergeben. 

 

Warum gibt es nicht mehr?

Ohne Fördergelder des Kantons lassen sich die Praxisassistenzen finan-
ziell nur schwer durchführen. Wir mussten lange kämpfen, damit der Kanton Bern die Zahl der Assistenzen von 21 auf 35 pro Jahr erhöht hat. 

 

Wo ist der Ärztemangel am grössten? 

Generell schon in den Randregionen. Es ist aber nicht so, dass alle jungen Ärzte in den Städten und den Agglomerationen arbeiten wollen; das hat die Studie auch gezeigt. 

 

Sie teilen sich mit Ihrer Frau eine Vollzeitstelle. Ist das ein Trend?

Drei Viertel der Befragten möchten drei bis vier Tage arbeiten, während sich nur 17 Prozent 4,5 bis fünf Arbeitstage wünschen.  

 

Eine Zeit lang galten grosse Praxen als probates Mittel, um junge Ärzte anzulocken. 

Es wurden Zentren geschaffen mit zehn oder mehr Ärzten. Unsere Studie hat ergeben, dass die meisten eine Praxis von zwei bis fünf Ärzten anstreben. Das ist eine überschaubare Grösse, in der man sich unterstützen kann.   

 

Welche Rolle spielt der Verdienst?

Eigentlich ist es paradox. Aber bei den befragten jungen Ärzten spielt der Verdienst eine untergeordnete Rolle. Sie verlangen eine faire Entlöhnung, die es erlaubt Praxis und Familienleben optimal zu gestalten. Der Tarif ist in den letzten Jahren auch in einigen Punkten zugunsten der Hausärzte angepasst worden. Das wird auch zukünftig wichtig sein, da von den Grundversorgern immer mehr Koordination verlangt wird; etwa Gespräche mit Angehörigen oder Spitex. Für diese Arbeit braucht es auch Zeit.

23.05.2019 :: Bruno Zürcher
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