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Eingesperrt und der Willkür ausgeliefert
Eingesperrt und der Willkür ausgeliefert Administrative Versorgung: Was sie in der Anstalt Hindelbank erlebt hat, bezeichnet Ursula Biondi als Verbrechen. Sie setzt sich unermüdlich für die Rehabilitation der Betroffenen ein.

Der Moment, als am 24. April 1967 die Türe hinter ihr ins Schloss fiel, vergisst Ursula Biondi nie mehr. «Es tönte hohl, dann klirrte ein Schlüsselbund und die Zelle wurde abgeschlossen. Als ich mich umwandte, sah ich, dass die Türe von innen keine Klinke hatte.» Da stand die 17-Jährige – im fünften Monat schwanger – in einem Zimmer von achteinhalb Quadratmetern, die Tür verschlossen, das Fenster vergittert. «Ich kriegte keine Luft mehr, dachte, zu ersticken.» Ursula Biondi erlitt ihren ersten Klaustrophobieanfall. Bis heute befällt sie in kleinen, geschlossenen Räumen Platzangst. Noch viele Stunden sollte die junge Frau eingeschlossen in ihrer Zelle verbringen. «Abends um 18.30 Uhr bis morgens um 6 Uhr und den grössten Teil des Wochenendes sassen wir allein in unseren Zellen.» In den übrigen Zeiten hatten die Frauen zu arbeiten, viele Stunden am Tag, ohne Lohn. «Die Strafgefangenen, die in einem anderen Trakt eingesperrt waren, erhielten wenigsten einen Lohn und wussten, wann sie wieder frei kommen. Sie wussten, wofür sie bestraft wurden. Ich nicht.»

Die Schläge des Vaters

Ursula Biondi hatte kein Verbrechen begangen. Für eine administrative Versorgung, eine staatliche Zwangsmassnahme ohne Gerichtsurteil also, reichte es, dass sie mehrfach von zu Hause ausgerissen war und ledig schwanger wurde. Sie erzählt von einer schwierigen Kindheit. Weil Vorfahren ihres Vaters aus Italien stammten und die Mutter mit der Heirat das Schweizer Bürgerrecht verlor, wurde die ganze Familie als «Tschingge» verschmäht. Die Angst des Vaters, plötzlich ausgewiesen zu werden, belastete die Beziehungen in der Familie. Überhaupt, der Vater. «Zuerst schlug er meine Mutter, später kam ich dran. Wegen jeder Kleinigkeit kassierte ich Schläge. Es herrschte eine ungeheure Spannung in unserer Familie», erzählt Ursula Biondi, das mittlere von drei Mädchen. Die Mutter – überfordert mit der Situation– drohte immer wieder mit Selbstmord. «Es war keine schöne Kindheit.» 

Der Missbrauch durch «Monsieur»

Schön war es auch im Welschlandjahr nicht. Der Hausherr missbrauchte die 15-Jährige. Die junge Frau entwickelte eine Essstörung und kehrte schliesslich zu den Eltern nach Zürich zurück. Dort nahmen die Spannungen zu, Konflikte um Musik, Ausgang und Mode gehörten zur Tagesordnung. Ursula Biondi riss mit einer Kollegin aus, wurde erwischt und ins Töchterheim Sonnenberg in Walzenhausen gebracht. Als sie das siebte Mal von dort floh, klopfte sie nicht mehr bei ihren Eltern an. Sie kam irgendwo unter, lernte einen 24-jährigen Mann kennen und verliebte sich. Die 17-Jährige wurde schwanger. Heiraten war nicht möglich, weil für ihren geschiedenen Freund noch ein Eheverbot galt. Ohne Trauschein zusammenleben, war nicht erlaubt. «Uns blieb nur die Flucht. Mein Freund wäre sonst ins Gefängnis gekommen und ich zur Abtreibung gezwungen worden.» In Genua lebten sie bei einer Familie. Doch Ursula Biondi wurde krank und in die Schweiz zurückgebracht, der Freund heuerte auf einem Schiff an.  

Die Willkür der Behörden

Ihre Eltern stimmten schliesslich den Behörden zu, die Tochter in Hindelbank einzuweisen. Sie lerne dort, einen Haushalt zu führen und einen Säugling zu versorgen, hiess es. Doch das vermeintliche Erziehungsheim entpuppte sich als Gefängnis, für das die Eltern sogar bezahlen mussten. Fortan war sie als Häftling Nummer 94 der Behördenwillkür ausgeliefert. «Was ich in Hindelbank erlebte hatte, prägte mein ganzes weiteres Leben. Was dort ablief, war ein Verbrechen», sagt die heute 69-jährige Frau und erzählt. Beim Putzen fand sie in einer Zelle eine Mitgefangene, die sich die Pulsadern aufgeschnitten hatte. Sie schlug Alarm, doch die sterbende Frau wurde liegen gelassen. «Der Direktor sagte zu mir: ‹Vergessen Sie, was Sie gesehen haben. Das war nur eine Alkoholikerin.›» Losgelassen hat sie dieses Bild nie mehr. 

Gearbeitet wurde Seite an Seite mit den Strafgefangenen. «Sie hatten blaue, wir braune Kleidung», erinnert sich Ursula Biondi. «Es gab Mörderinnen, die immer wieder in allen Details ihre Tat schilderten. Das anzuhören, war grauenhaft.» 

Die Verzweiflung der jungen Mutter

Für die Geburt wurde Ursula Biondi ins Inselspital gebracht. Am 11. August 1967 brachte sie ihr Kind zur Welt. Den Säugling durfte sie nicht sehen, er wurde zwecks Adoption sofort weggebracht. «Ich wusste nicht einmal, ob es ein Bub oder ein Mädchen war.» Schliesslich erreichte sie, dass sie ihren Sohn wenigstens zehn Minuten am Tag in den Armen halten durfte. Vor dem Rücktransport nach Hindelbank wurde er ihr erneut entrissen. «Ich spürte nichts mehr in mir, war innerlich tot. Ich wollte niemanden sehen, zog mich komplett in mich zurück», schildert sie diese schlimme Zeit. «Ich hatte null Perspektive für mein Leben, stand kurz davor, mich umzubringen.» Als sie einen Zusammenbruch erlitt und in der Waschküche zu Boden sank, hörte sie aus weiter Ferne, wie die Strafgefangenen sie auslachten. Da kam Wut in ihr auf. «Von da an kämpfte ich um meinen Sohn.» Drei Monate später erhielt sie ihn, auch mit Hilfe einer Sozialleiterin, zurück. Am 29. April 1968 konnte sie die Anstalt verlassen.

Die Befreiung von Zwängen  

In den nächsten Jahren kostete Ursula Biondi nicht nur ihre persönliche Freiheit aus, sondern befreite sich auch von gesellschaftlichen Zwängen. Sie zog zusammen mit ihrem Sohn und dem neuen Freund nach Genf, wo sie in der Informatik Fuss fasste und später Karriere machte. Als die Beziehung auseinander ging, heiratete sie 1975 einen Autorennfahrer, mit dem sie eine Tochter hatte. «Das war eine verrückte Zeit», erinnert sie sich. Sie machte die Rennfahrerlizenz, tanzte Rock’n’Roll, übte sich im Pistolenschiessen, ging zum Bungee-Jumping und reiste in der Welt herum. «Wenn mich die Vergangenheit einholte, sagte mein Mann: ‹Komm, wir gehen tanzen.›» Doch die Schatten der Vergangenheit liessen sich nicht einfach so wegtanzen. «Ich wusste, dass ich eines Tages in die Koffer, die ich mit mir herumschleppte, werde schauen müssen.» Dieser Moment kam, als sie 50 Jahre alt war. 

Die Rehabilitation der Betroffenen

Mit 42 Jahren kam es zur Scheidung, ein Jahr später trat ihr heutiger Mann in ihr Leben. Er habe ihr Jugendtrauma ernst genommen und sie ermutigt, alles aufzuschreiben. Ursula Biondi stellte sich ihrer Vergangenheit, liess den Schmerz zu, blieb aber nicht dort stehen. «Ich habe erkannt, dass mich Hass und Selbstmitleid nicht vorwärts bringen.» Sie habe bewusst Dinge aus ihrer Vergangenheit, wie der Missbrauch durch «Monsieur», losgelassen. Die Wut, die immer wieder in ihr aufkam, wandelte sie um in positive Energie. «Ich wollte immer vorwärts gehen, mir neue Ziele stecken. Nie habe ich mich aufgegeben.» Sie weiss, dass dies nicht allen Betroffenen gelungen ist. Viele leiden an Panikattacken und Depressionen und einige haben sich das Leben genommen. Ursula Biondi hatte die Kraft zu kämpfen. 2003 kam ihre Autobiografie «Geboren in Zürich – eine Lebensgeschichte» heraus. «Die Reaktionen darauf waren längst nicht nur positiv; viele Leute glaubten mir nicht», erinnert sie sich. Doch sie liess sich nicht entmutigen, gründete eine Anlaufstelle und später, zusammen mit anderen Betroffenen, einen Verein für administrativ Versorgte. Sie setzte sich in verschiedenen Funktionen unermüdlich für die Rehabilitation der Betroffenen ein. Ein Meilenstein war die offizielle Entschuldigung durch Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf am 10. September 2010. 

Die Aufarbeitung des Geschehenen

Ursula Biondi ist es wichtig, dass eine gesellschaftliche Diskussion über die administrative Versorgung stattfindet. In diesem Zusammenhang sei die Arbeit der Unabhängigen Expertenkommission (UEK) sehr wertvoll, betont sie (siehe Frontseite und Kasten). Es müsse aufgezeigt werden, wie es so weit habe kommen können und was den Menschen angetan worden sei. Die grausame Behördenwillkür könne nicht mit der damaligen Zeit entschuldigt werden. Zwangsabtreibungen und -sterilisationen, Gewalt und Missbrauch seien schon in dieser Zeit nicht erlaubt gewesen. «Es ist wichtig, dass die heutige Generation weiss, welches Unrecht uns angetan wurde, denn so etwas darf nie wieder geschehen.»  

 

Das Foto von Ursula Biondi entstand im Auftrag der UEK Administrative Versorgungen und ist im Band 1 der UEK-Reihe abgebildet.

 

Ursula Biondi erzählt in Burgdorf aus ihrem Leben

Die Ausstellung «Ausgegrenzt & weggesperrt» trägt die Forschungsergebnisse der UEK nach aussen und will ein breites Publikum auf die Thematik der administrativen Versorgungen aufmerksam machen. Parallel zur Ausstellung finden Veranstaltungen wie Podiumsdiskussionen, Filmprojektionen oder Lesungen statt. In Burgdorf gastiert die Ausstellung vom 30. April bis 5. Mai auf dem Vorplatz Migros Neumarkt. Zum Thema «Die administrative Versorgung von Frauen» findet am 2. Mai um 19.30 Uhr in der Stadtbibliothek ein Vortrag statt. Dabei werden auch Zeitzeuginnen, darunter Ursula Biondi, von ihren Erfahrungen erzählen und Fragen beantworten.

25.04.2019 :: Silvia Wullschläger
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