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Ein zartes Tännchen
Ein zartes Tännchen Oberes Emmental: Weisstannen, Fichten, dazwischen Buchen und vereinzelt Ahorne und Eschen – der Wyttenbachwald, hinter Wasen gelegen, präsentiert sich gesund und vielfältig. Auf den ersten Blick zumindest.

Weisstannen, Fichten, dazwischen Buchen und vereinzelt Ahorne und Eschen – der Wyttenbachwald, hinter Wasen gelegen, präsentiert sich gesund und vielfältig. Auf den ersten Blick zumindest. Eine Weisstanne von einem halben Meter Höhe sucht man indes vergebens. «Es hat zwar da und dort Keimlinge», erklärt Martin Städeli, Bereichsleiter Waldwirtschaft bei der Waldabteilung Voralpen, und zeigt auf den Boden. «Man findet auch grössere Weisstannen mit einem Stammdurchmesser von zwölf Zentimetern und mehr. Die Stufe dazwischen aber fehlt.» Fichten-«Grotzen» hingegen, wie auch kleine Buchen, wachsen viele. 

Die Ursache dieser Entwicklung ist – auf den ersten Blick – schnell genannt: Rehe und Gämsen. Für sie sind zarte Weisstännchen leckeres Futter, während Fichten dank ihrer rund um die Zweige angeordneten Nadeln kaum etwas zu befürchten haben. 

Das Amt für Wald macht alle zwei Jahre ein Gutachten zu den Wildschäden im Wald. Auf der Karte des Jahres 2017 ist der Wyttenbachwald rot eingefärbt: «Untragbar – Bestockungsziel kann nicht erreicht werden.» Die Resultate der heurigen Erhebung hat das Amt noch nicht publiziert.  

Detaillierter Vergleich zweier Flächen

Gemeinsam mit dem kantonalen Jagdinspektorat hat das Amt für Wald einen detaillierten Versuch gestartet. Eine sechs mal sechs Meter grosses Fläche wird mit einem gut zwei Meter hohen Knotengitter eingezäunt. Daneben wird eine identisch grosse Stelle, die über einen vergleichbaren Bewuchs verfügt, mit vier kleinen Pfählen markiert. «Dann kann man ganz genau auszählen, von welchen Pflanzen wie viele wachsen», erklärt Martin Städeli. Der Zaun ist relativ grobmaschig und wird nur Rehe, Gämsen und Hirsche davon abhalten, dort zu fressen; kleinere Tiere hingegen nicht. 

Um die Aussagekraft zu erhöhen, wurden und werden in den nächsten Monaten auch in den Gemeinden Langnau, Trub, Schangnau, Röthenbach, Heimenschwand und Sigriswil solche Versuche aufgebaut; allesamt an Orten, welche in der Wildschadenkarte rot eingefärbt sind. 

Dort, wo im Wyttenbachwald dieser Zaun steht, wurde vor ein paar Jahren ein Holzschlag durchgeführt. Dadurch fällt wieder mehr Licht auf den Boden; sanftes Grün ist mancherorts gesprossen. In die Standortwahl eingebunden war auch der örtliche Wildhüter: «Wir befinden uns zwar nicht voll im Wintereinstandsgebiet. Aber es hat Wild», sagt Thomas Schwarzenbach. Vor allem Rehe und Gämsen. Hirsche würden nur vereinzelt durchwandern. Deren Bestände dürften künftig aber steigen. 

Licht in den Wald bringen

Swen Schütz bestätigt die Beobachtung des Wildhüters: «Hirsche sind bei uns noch kein Thema. Gämse und Rehe aber schon.» Schütz ist Sumiswalder Burgerrat und dort für den Bereich Forst zuständig. Die Burgergemeinde nennt 350 Hektaren Wald ihr Eigen, unter anderem der Wyttenbachwald. Der Forst ist eine wichtige Einnahmequelle der Burger; pro Winter schlägt die Forstequipe um 2000 Kubikmeter Holz. «Wir streben einen vitalen Wald an. Deshalb holzen wir jedes Jahr. Ansonsten gelangt weniger Licht auf den Boden und verunmöglicht die Verjüngung», sagt Schütz, welcher gelernter Forstwart ist und in seiner Freizeit auf die Jagd geht. Hinzu komme, dass dunke Wälder indirekt die Verbissschäden in lichten Wäldern fördere. 

«Die Verbissproblematik hat es vor 30 oder 40 Jahren auch schon gegeben. Und trotzdem haben damals etliche Weisstannen die ersten Jahre überstanden», gibt Swen Schütz zu bedenken. Gründe für die heutige Situation sieht er mehrere: Durch Freizeitaktivitäten wie Schneeschuhlaufen, Mountainbike- oder Motocrossfahren – oft quer durch den Wald – werde das Wild gestört und flüchte in ruhigere Gebiete, was dann grosse Verbissschäden zur Folge habe. «Es gibt zudem Gebiete, in denen sich das Wild schlicht gerne aufhält. Wenn beispielsweise ein kleines Rudel Gämsen während ein, zwei Wochen in einem relativ kleinen Raum bleibt und ein halber Meter Schnee liegt, können die kleinen Weisstannen arg dezimiert werden», sagt Swen Schütz. 

Wenn junge Bäumchen einfach verdorren

Die Burgergemeinde ist in den letzten Jahren aktiv geworden und hat gemeinsam mit Schulen und der Jägerschaft Weisstännchen mit Drahtgeflechten geschützt, erklärt der Burgerrat. Aber: «Wir mussten feststellen, dass viele Tännchen trotzdem eingegangen sind. Vor allem in Gebieten mit Nagelfluh hatten sie wohl einfach zu wenig Wasser», vermutet Swen Schütz. Andere Schutzmassnahmen gegen Verbiss, etwa die Triebspitzen mit so genannten Krönchen zu schützen, würden einen unverhältnismässig hohen Aufwand bedeuten. 

Muss sich der Wald wandeln? «Wir von der Burgergemeinde Sumiswald haben, nachdem wir 2007 den Binding-Waldpreis gewonnen haben, Pflanzversuche gestartet», berichtet Swen Schütz. Linde, Kirschbaum, Douglasie und Lärche sind nur einige der Baumarten, die getestet werden. Mit dem Klimawandel werde sich die Baumzusammensetzung ohnehin anpassen.  

Martin Städeli ist überzeugt, dass der Wald vielfältiger werden muss, um für die Zukunft gewappnet zu sein. Auch müsse die Wildschadenproblematik noch genauer untersucht werden. «Die Wälder im Gebiet Gurnigel litten eine Zeit lang extrem unter dem Wildverbiss – heute werden dort kaum mehr Probleme registriert», sagt Städeli. «Warum das so ist, wissen wir noch nicht genau.»

 

Spezielle Jagdtage in Wäldern mit grossen Verbissproblemen

Für die Rehjagd 2018 wurde erstmals die Möglichkeit der Donnerstagsjagd eingeführt, steht im Jahresbericht des Jagdinspektorats. Die Volkswirtschaftsdirektion kann «in Gebieten mit untragbarer Wildschadensituation» die Jagd auf Rehwild an Donnerstagen zusätzlich zu erlauben. Damit sei man dem Wunsch entgegen gekommen, gezielt in Wälder mit grossem Wildschaden zu jagen, sagt Wildhüter Thomas Schwarzenbach, welcher unter anderem für Sumiswald zuständig ist. Kantonsweit waren die Jägerinnen und Jäger in acht Regionen im Einsatz; so auch im Toppwald bei Oberhünigen und im Gebiet Lüderen–Lushütte–Hornbach. «Es hatte aber gar nicht so viele Rehe», erinnert sich derWildhüter. Laut dem Jahresbericht 2018 waren an den acht zusätzlichen Jagdtagen total über 400 Jäger unterwegs – 57 Rehe haben sie zur Strecke gebracht. Bei der heurigen Donnerstagsjagd habe sich ein ähnliches Bild präsentiert, sagt Schwarzenbach.

Was hält man bei Pro Natura von dieser Sonderregelung? «Die Donnerstagsjagd ist sinnvoller als die Jagdzeit zu verlängern», sagt Katrin Bieri von Pro Natura Bern. «Eine Verlängerung würde die Tiere mehr stressen und wäre dadurch kontraproduktiv.» 

2018 wurden insgesamt 5874 Rehe zur Strecke gebracht und 3770 Tiere als Fallwild registriert. Im Jahresbericht 2018 steht weiter, dass der Rehbestand im Kanton Bern auf 24’500 Tiere geschätzt wird; zehn Jahre früher lag der Wert bei 27’000 Tieren. Im Jahr 2000 wurden 19’500 Rehe gezählt. 

«Den Bestand zu regulieren ist eine Möglichkeit, Wildschäden einzudämmen», hält Katrin Bieri fest, welche den nun gestarteten Versuch begrüsst (siehe Haupttext). «Wichtig scheint mir aber, dass man die gesamte Situation betrachtet und nicht nur bei der Jagd ansetzen will. Auch andere Faktoren wie das Klima, Freizeitaktivitäten und die Bewirtschaftung der Wälder spielen eine Rolle.» 

 

28.11.2019 :: Bruno Zürcher
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