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Ein Überlebenskünstler entdeckt das Emmental
Ein Überlebenskünstler  entdeckt das Emmental Wildtiere vor unserer Haustür:

Den Biber bekommt man im Emmental nur selten zu Gesicht – und dennoch fällt er auf: Dort, wo er wohnt, prägt er das Landschaftsbild und gestaltet ganz neue Lebensräume.


 

Seit mehr als einem Jahr ist der Rotbach in Dürrenroth an einer Stelle breiter als sonst: Ein Damm aus grossen und kleinen Ästen staut den schmalen Bach hier zu einem stillen Gewässer. Schaut man sich die vielen abgenagten Holzstümpfe rund um die Stelle an, wird sofort klar: Hier ist ein Biber am Werk. Im Emmental sind Biber-Dämme noch ein besonderes Bild. Das Nagetier ist noch nicht lange in unserer Gegend zu Hause und nicht sehr weit verbreitet. Von der Region Untere Emme und Burgdorf hat sich der Biber in den letzten Jahren aber weiter ins mittlere Emmental vorgewagt, bis nach Dürrenroth, Hasle und Lützelflüh.  

Was nicht passt, wird passend gemacht

Der Biber bewegt sich am liebsten und schnellsten im Wasser – bis zu fünf Minuten lang kann er tauchen. Darum braucht er eine bestimmte Wassertiefe, um sich an einem Ort wohlzufühlen. Ist das Gewässer noch nicht tief genug, staut der Biber das Wasser mit einem Damm aus Holz. Diese Eigenschaft ist es, die den Biologen Peter Lakerveld am meisten fasziniert: «Die meisten Tiere leben und bleiben einfach dort, wo die Lebensumstände für sie günstig sind. Der Biber ist das einzige Tier, das sich seinen Lebensraum selbst erschaffen kann», erklärt er. Der Biber lebt aber nicht in seinem Damm, wie oft fälschlicherweise angenommen wird. «Der Biber gräbt sich im tiefen Gewässer eine Höhle in die Erde, deren Eingang immer unter der Wasseroberfläche ist. Manchmal bricht die Höhle dann gegen oben auf und der Biber deckt sie mit Ästen und Schlamm wieder ab», erklärt Peter Lakerveld, der Leiter von «Aktion Biber & Co Mittelland» der Naturschutzorganisation Pro Natura. Was von oben aussehe wie ein normaler Holzhaufen, sei die Wohnung einer Biberfamilie. 

Leben in Familie und Revieren

Anders als andere Nagetiere lebt der Biber nicht im Rudel, sondern – gemeinsam mit seiner Familie – in einem eigenen Revier, das er gegenüber anderen Artgenossen verteidigt. «Das Revier eines Bibers reicht vom Zentrum, also vom Staudamm und Biberbau aus, etwa je einen Kilometer nach oben und unten dem Gewässer entlang», erklärt Peter Lakerveld. Dadurch, dass immer nur eine Biberfamilie an einem geeigneten Ort lebt, würde sich die Population der Biber selbst regulieren, meint er weiter. Männlein und Weiblein bleiben ein Leben lang zusammen, am selben Ort. Jedes Jahr bringen Biber etwa ein bis drei Junge auf die Welt. Nach zwei Jahren würden die Jungen von den Eltern aus dem Revier verstossen und müssten sich ihren eigenen Lebensraum suchen, erzählt Peter Lakerveld. «Die zweijährigen Biber sind dann den Sommer über auf Wanderschaft. Bis im Winter müssen sie aber ihren Platz gefunden haben, um sich einen Bau errichten zu können.» Wenn die Biber auf ihrer Wanderung andere Reviere durchqueren, könne es schon mal zu Kämpfen zwischen den Tieren kommen. 

Biberspuren an den Bäumen

Der Biber ist ein winter- und nachtaktives Tier. Im Winter ernährt er sich von Baumrinde, das Holz verwendet er zugleich für seinen Wohnbau oder den Damm. Mit seinen starken Schneidezähnen kann der Biber ganze Bäume zu Fall bringen. Anhand der Zahnspuren im Holz könne man erkennen, ob hier auch Jungtiere am Werk seien, sagt der Biologe. So war es auch in Dürrenroth: «Wir konnten feststellen, dass es letztes Jahr hier Junge gegeben hat. Die Jungen kommen zwischen Mai und Juli zur Welt. Es könnte also auch dieses Jahr schon wieder Nachwuchs gegeben haben». Im Sommer frisst der Biber Kräuter, die er auf den umliegenden Wiesen findet. 

Biber sorgt auch für Konflikte

An manchen Orten, wo sich der Biber niederlässt und Gewässer aufstaut, kommt es zu Interessenskonflikten zwischen Tier und Mensch. «Auch hier am Rotbach hat der Biber Teile des angrenzenden Landes überschwemmt. Da hat natürlich kein Landwirt Freude», erklärt Peter Lakerveld. Pro Natura sei immer darum bemüht, Lösungen zu finden, die für Mensch wie Biber stimmen. «Hier in Dürrenroth sieht es gut aus, dass wir eine Lösung finden: Die betroffenen Landwirte bewirtschaften den Gewässerraum extensiv, der Biber kann bleiben und ein Abschnitt des Baches wird revitalisiert, also mit Hecken und Tümpeln wieder zu Lebensraum für Insekten, Amphibien und weitere Lebewesen gemacht», erzählt der Biologe sichtlich erfreut. 

Die natürlichen Feinde des Bibers sind der Wolf und der Bär, welche in Europa keine grosse Gefahr mehr darstellen. Peter Lakerveld erklärt: «Die häufigste Todesursache für den Biber sind Verkehrsunfälle. Weil sie nur im Wasser flink sind und am Land eher träge, fliehen sie nicht, wenn Gefahr droht, sondern bleiben stehen und stellen sich ihr. Das ist in ihrer Natur so verankert.»

Biber-Babys wie Korkzapfen

Der Biologe Peter Lakerveld hat schon viele Biber beobachtet: «Wenn man Geduld hat und sich ein Stück vom Ufer weg ruhig hinsetzt, kann man meist so gegen Abend Biber beobachten.» In Erinnerung geblieben ist ihm der Moment, als er zum ersten Mal Baby-Biber gesehen hat: «Wenn sich die Jungen aus dem Biberbau trauen, können sie zwar schon schwimmen, aber noch nicht tauchen, weil sie zu viel Auftrieb und zu wenig Masse haben. Die Babys schwimmen also wie Korkzapfen auf der Wasseroberfläche auf und paddeln ihrer Mutter nach, das ist sehr herzig!» 

 

 

In der nächsten Ausgabe stellen wir Ihnen den Feldhasen vor.

 

25.07.2019 :: Jana Wyss
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