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Edle Stoffe, genaue Vorgaben
Edle Stoffe, genaue Vorgaben Signau:

Kurz vor dem Bernischen Trachtenfest in Langnau hat Trachtennäherin Olga Kobel aus Signau alle Hände voll zu tun: Schürzen, Hemden und Mieder müssen ausgebessert oder angepasst werden.

«Grundsätzlich habe ich im Frühling immer viel zu tun, da in dieser Zeit die meisten Jodlerfeste stattfinden. Aber im Hinblick auf das Bernische Trachtenfest in Langnau habe ich zu der üblichen Menge einige weitere Aufträge erhalten», hält Olga Kobel fest. Zu diesem grossen Fest gibt es Kundinnen, die ihre Tracht anpassen lassen, da sie diese eher selten tragen. «Nebst kleinen Änderungen wie das Ersetzen einer abgerissenen Spitzengarnitur oder das Verlängern des Rocks gibt es auch grössere, zeit-intensivere Arbeiten, wenn zum Beispiel ein Mieder erweitert werden muss.» 

Ab und zu erhalte sie auch den Auftrag, eine neue Tracht zu nähen. «Für die Fertigstellung benötige ich je nach Wunsch der Kundin rund 40 bis 50 Stunden, die Wartezeit beträgt etwa ein Jahr», rechnet die Trachtennäherin vor. Zurzeit arbeitet sie an einer Tracht für eine junge Frau, die sie an ihrer Konfirmation tragen möchte. Olga Kobel stellt fest, dass vermehrt junge Menschen wieder Freude an Trachten haben und diese gerne tragen. Verstaubte früher die Tracht von der Grossmutter im Estrich oder wurde gar verkauft, hätten zunehmend Junge den Wunsch, diese Kleidung zu restaurieren. «Diese Entwicklung freut mich sehr. Die Trachten kommen so zu neuen Ehren und bleiben ein Stück lebendige Familiengeschichte.»

700 unterschiedliche Modelle

Natürlich sind der Wiederherstellung von Trachten auch Grenzen gesetzt. Olga Kobel legt ein altes, stark abgenutztes Mieder aus Samt auf ihren Nähtisch. «Hier macht es zum Beispiel keinen Sinn mehr, dass ich versuche, dieses zu erhalten. Ich bekomme viele Trachten, bei denen gewisse Bestandteile ersetzt werden müssen, damit sie überhaupt noch getragen werden können», sagt sie. Auch sonst könne sie nicht immer den Wünschen ihrer Kundschaft entsprechen, beispielsweise wenn es um die Wahl von Stoffen und Farben gehe. «Schweizweit gibt es über 700 unterschiedliche Trachten, alleine im Kanton Bern sind es gut 70 Modelle. Für jede Tracht gibt es ganz genaue Vorgaben, wie diese auszusehen hat», gibt Olga Kobel zu bedenken. Die Schneiderinnen müssen sich an die Richtlinien des Verbandes Bernischer Trachtenschneiderinnen und Trachtenschneider halten. Das Ziel ist, den Ursprung der jeweiligen Tracht zu erhalten. Die Vorgaben umfassen die Art des Stoffes wie Samt, Damast oder Cachemir, aber auch die Länge der Röcke oder wie viel Stoff beim Kittel verarbeitet werden darf. Auch für den Schmuck gibt es bestimmte Richtlinien. «Zum Beispiel hat die Berner Festtagstracht ein festes Mieder, im Berner Jura hingegen wird dieses aus einem eher weichen Stoff hergestellt. Bei der letzteren tragen die Frauen zur Zierde oft ein Dreiecktuch über den Schultern.»

Gotthelftracht zur Abschlussprüfung

Seit 34 Jahren näht und ändert die gelernte Wäscheschneiderin Trachten. Nach ihrer ersten Ausbildung arbeitete sie zwei Jahre bei einer Trachtennäherin. Zur Abschlussprüfung nähte sie eine Gotthelftracht. «Ich habe mittlerweile einige Trachten bei mir im Schrank, doch trage ich die Gotthelftracht am liebsten.» Bereits in jungen Jahren interessierte sich Olga Kobel für Trachten; sie war fasziniert von den edlen Stoffen. «Diese Begeisterung hat sich bis heute gehalten. Ich freue mich zu sehen, dass von dieser Leidenschaft auch einige junge Damenschneiderinnen erfasst werden. Zurzeit befinden sich mehrere junge Frauen in der Ausbildung zur Trachtennäherin», berichtet Olga Kobel. 


 

Festliche Gotthelftracht passt für jede Gelegenheit

Die Wurzeln der Tracht reichen bis in die ersten Jahrzehnte des 18. Jahrhunderts. Die Geschichte der Trachtenbewegung begannen allerdings erst vor rund 90 Jahren. Wie dem Gründungsprotokoll der 1929 in Biglen gegründeten Bernischen Trachtenvereinigung zu entnehmen ist, stellt diese sich die Aufgabe, die verschiedenen Volkstrachten im Kanton Bern zu erhalten und neu zu beleben. Für spezielle Anlässe werden heute meistens Festtagstrachten getragen. «Zu diesen festlichen Kleidungen gehören Schürzen aus Seide, das Mieder ist aus Samt und dazu kommt je nach Modell eine Haube zur Zierde», beschreibt Olga Kobel einige Merkmale.

Einfachere Stoffe für den Alltag

Die Berner Festtagstracht, die Müngertracht, das Tschöpli, die Gotthelftracht und die Freudenbergertracht sind bekannte und beliebte Vertreterinnen für festliche Anlässe. «Die wollene Ausgangstracht ist etwas schlichter. Sie kann daher gut bei unterschiedlichen Anlässen getragen werden», erklärt die Trachtennäherin. 

Die Landfrauen- oder Werktagstracht wurde früher an Arbeitstagen getragen. Sie haben ein weicheres Mieder, was eine bessere Bewegungsfreiheit bedeutete. «Diese Kleidung hat ein relativ schmuckloses Oberteil. Die Stoffe sind meistens aus Leinen, Halbleinen oder Wolle, welche robust sind und bei den täglichen Arbeiten einiges aushielten», sagt Olga Kobel. Diese Trachten sind heute weniger in Gebrauch, da eher den festlichen den Vorzug gegeben werde. Auch bei einem Alpauf- oder abzug sieht man kaum mehr einfache Arbeitstrachten. «Gerade die Gotthelftracht passt praktisch zu jeder Gelegenheit und jedem Anlass, und das macht sie zu der wohl beliebtesten überhaupt.»

 

06.06.2019 :: Veruschka Jonutis
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