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Der Zeit auf der Spur
Der Zeit auf der Spur Sensorium:

Wie nehmen wir die Zeit wahr? Mit der Jahresausstellung «von Zeit zu Zeit» stellt sich das Sensorium im Rüttihubelbad der fast unmöglichen Aufgabe, die Zeit erlebbar zu machen.

«Zeit… Zeit existiert nicht!» Mit diesen Worten begrüsst der Leiter des Sensoriums, Frédéric Blanvillain, die Gäste zur Eröffnung der Jahresausstellung im Rüttihubelbad, Walkringen. An 20 Stationen soll für die Besucherinnen und die Besucher die Zeit fühl- und erlebbar werden. «Obwohl es die Zeit nicht gibt, beschäftigt sie uns. Wie leben und organisieren wir uns mit etwas, das nicht existiert?», führt Frédéric Blanvillain weiter aus. Es gebe keine universelle Zeit, dafür aber zum Beispiel eine persönliche, die ab Geburt zu laufen beginne und unsere Lebensspanne umfasse. Daneben bestehe weiter eine biologische Zeit, die unter anderem das Hungergefühl oder auch das Bedürfnis nach Schlaf regle. Diese Zeit sei unabhängig von einer mechanisch gemessenen. «Im Gegensatz dazu steht die gesellschaftliche Zeit, die es zum Beispiel möglich macht, uns heute zu dieser Stunde hier zu versammeln.» 

Spuren der Vergangenheit

Die Gegenwart ist jetzt, aber wann war die Vergangenheit und wann wird die Zukunft sein? «Für uns Menschen zählt eigentlich nur die Gegenwart, und doch hinterlässt das, was wir erlebt haben, in uns Spuren. Das ist es, was wir Vergangenheit nennen», erklärt Frédéric Blanvillain. Er steht vor einem grossen Pendel, welches über eine rotierende Scheibe mit Sand schwingt. Nach und nach erscheint ein blumiges Muster, welches aber mit dem Ausschwingen des Pendels wieder verschwindet. «Obwohl die Zeit nicht existiert, nimmt jeder Tag etwas von mir – Erinnerungen und Lebenszeit», resümiert er. Was bleibt am Ende von unserem Leben übrig? Waren unsere Worte wichtig oder waren sie flüchtig? «Botschaften, egal wie laut wir sie herausschreien, sind rasch vergessen. Auch wir sind rasch vergessen, wenn wir nicht mehr da sind.» Mit einem nassen Pinsel schreibt er ein paar Buchstaben auf zwei unterschiedliche Steinplatten. «Bei einer Platte wird die Mitteilung rasch verschwinden, bei der anderen haftet sie länger – wie wichtig ist unsere Botschaft?», fragt der Leiter des Sensoriums.

Zeit verläuft nicht linear

Zeit kann man nicht nur sichtbar machen, man kann sie auch schmecken oder fühlen. Wie lange verbleiben beispielsweise der Duft und der Geschmack von Gewürznelken in Nase und Mund? «Einige Gerüche vergehen rasch und andere bleiben lange haften. Düfte bringen sofort auch Erinnerungen mit sich. Obwohl man im Hier und Jetzt ist, wird auf einmal Vergangenes präsent. Beide Zeiten existieren gleichzeitig; die Zeit scheint nicht linear zu verlaufen», philosophiert Frédéric Blanvillain. 

Bei einer weiteren Station stehen zwei Holzkabinen. In der einen bietet sich dem Gast eine wunderschöne Aussicht aus einem Fenster, in der Ecke hängt ein Klangspiel, die Atmosphäre ist angenehm. In der Kabine nebenan steht nur ein Hocker – der Raum bietet keine Ablenkungsmöglichkeit. In beiden Räumen hängt eine Stoppuhr, mit der ein Countdown gestartet werden kann. «Wie lange dauert eine Minute und ist die Zeit elastisch? Wir empfinden eine Minute unter angenehmen Bedingungen oftmals kürzer als unter unangenehmen», stellt Frédéric Blanvillain fest. 

Takten im Gleichklang

Mehrere Metallkugeln hängen in einer Reihe. Mit einem Hebel können die Bälle in Bewegung gebracht werden. Erst scheinen die Kugeln chaotisch und ungeordnet zu schwingen, bis sie sich scheinbar zu einer Welle harmonisch koordinieren. «Hier macht die einzelne Kugel als Ereignis keinen Sinn, erst die Zeit bringt sie in einen sinnvollen Zusammenhang», sagt Frédéric Blanvillain. So sei es auch mit unseren Erinnerungen. 

Um Synchronisation geht es auch bei den Metronomen, die nebeneinander auf einem Brett stehen. Wenn die mechanische Zeit immer gleich laufe, dann sollten sich die Metronome nicht angleichen, spekuliert er und schubst ein Metronom nach dem anderen an. Nach einer Weile scheint sich das anfängliche Durcheinander von Rhythmen zu beruhigen und auf einmal takten die Metronome im Gleichklang. 

Was soll die Zeit überdauern?

Mit ihrem Kern, einer fast futuristisch anmutenden Kapsel, schufen die beiden Künstler, Sébastien Théraulaz und Etinne Studer, einen Beitrag zum Thema Zukunft. «In die Kapsel können die Besucher geschriebene Botschaften für künftige Generationen legen. Der Kern wird dann ausserhalb des Sensoriums vergraben und erst in 50 Jahren geöffnet», erklärt Frédéric Blanvillain die Idee. Man solle also gut überlegen, was einem wichtig sei, den Menschen in der Zukunft mitzuteilen, welche Botschaften es wert seien, diese Zeit  zu überdauern. 

«Wir möchten die Gäste mit dieser Ausstellung dazu anregen, sich Gedanken zu machen, was Zeit für sie bedeutet und was sie mit dieser anfangen möchten.»

28.02.2019 :: Veruschka Jonutis
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