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Das kann man flicken
Das kann man flicken Wiederverwerten:

Repair-Cafés sind im Trend. Auch in Langnau kann man seine Haushaltsgeräte, Spielzeuge, Kleider und Werkzeuge flicken  lassen – oder selber die Ärmel hochkrempeln.

«Es ist momentan ziemlich ruhig», sagt Annie Tschudin. Die Mitgründerin und Organisatorin des Repair-Cafés Langnau steht am improvisierten Empfang im alten Ilfis Schulhaus. Sie begrüsst Kunden, begutachtet deren Ware, klärt ab, ob etwas reparierbar ist und weist die Ankömmlinge den entsprechenden Experten zu. Diese sitzen hinter Tischen oder stehen an Werkbänken, bewaffnet mit allerlei Werkzeug. Bereit, für die unterschiedlichsten Probleme die richtige Lösung zu finden. Es sind zum Grossteil pensionierte ehemalige Berufsleute, aber auch Berufstätige, die etwas Sinnvolles tun wollen. Ehrenamtlich, denn das gehöre zur Philosophie der Repair-Cafés, erklärt Annie Tschudin. Dennoch ist sie auf Spenden angewiesen. «Jeder Kunde kann so viel ins Kässeli werfen wie ihm die Reparatur wert ist.» Das Geld wird zum grössten Teil für die Miete des Lokals benötigt, der Rest für Kaffee, Zucker oder ähnliches. Meistens reiche es gerade so, erzählt sie.

Ein gäbiger Schirm

Soeben kommt eine ältere Frau mit zwei defekten Regenschirmen herein. Annie Tschudin füllt das obligate Formular aus und reicht die Schirme an Hannes Utzinger weiter, der sich im Werkraum eingerichtet hat. Während sich die Kundin einen Kaffee genehmigt, greift Utzinger zu Zange und Schraubenzieher. Es gilt, eine Speiche wieder zusammenzufügen. Kein Problem für den Allrounder. Auch beim zweiten Schirm findet er die Lösung des Problems: «Weil der Knopf zum Öffnen fehlt, habe ich einfach eine Kerbe gemacht, so dass man den Schirm trotzdem betätigen kann», erklärt Utzinger. Die Kundin ist zufrieden. Vom Repair-Café hat sie durch eine Zeitschrift erfahren. «Ich kam vor allem deshalb, weil der eine Schirm recht teuer war und einfach ein gäbiger ist.» 

Lieblingsstücke bringen auch andere: Bequem und perfekt auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten sei ihre Sportjacke, erzählt eine weitere Besucherin, die am Tisch mit dem Schild «Textiles» steht. Nun sind die Jackenärmel am Saum durchgewetzt. Kein Grund, das gute Stück wegzuwerfen. Wie den meisten Kunden geht es ihr weniger ums gesparte Geld, sondern eher ums Prinzip und da-rum, etwas gegen die Verschwendung zu tun. Wie man die Jacke flicken kann, weiss Esther Berger. Sie ist gelernte Damenschneiderin und Hauswirtschaftslehrerin und erklärt der Kundin das weitere Vorgehen. Es braucht unter anderem neue Klettverschlüsse, die zuerst gekauft werden müssen. Deshalb kann Berger nur einen Teil der Flickarbeit heute machen. Der Rest wird beim nächsten Mal erledigt. Während sie sich an die Nähmaschine setzt, verlässt die Besucherin mit ihren beiden lebhaften Enkeln für eine Weile das Lokal. Es fällt auf, dass an diesem Nachmittag keiner der Kunden seinen Gegenstand – unter Anleitung – selber repariert. Doch, doch, es gebe schon Besucher, die ihre Kleider selber flicken wollten, sagt die Damenschneiderin. Anders sieht es beispielsweise bei Max Gerber aus. Er ist für alles Elektrische zuständig und macht sich gerade an den Eingeweiden eines Verstärkers zu schaffen: «Für solche Reparaturen braucht es Fachwissen und Erfahrung», erklärt er. «Ein kleiner Fehler oder zu viel Druck mit dem Finger genügt und das Gerät ist unbrauchbar.» Gerber begrüsst es aber, wenn die Kunden zuschauen oder assistieren. «Ich gebe ihnen manchmal auch Instruktionen, wie sie die Geräte pflegen können», berichtete Gerber.  

Abfall einsparen

Am 19. Oktober wird der internationale Reparaturtag stattfinden. Schweizweit machen über 30 Repair-Cafés mit, darunter auch jenes in Langnau. Den ganzen Tag über wird jeder reparierte Gegenstand gewogen und die Resultate laufend der Stiftung für Konsumentenschutz gemeldet. Es geht darum, möglichst viele Gegenstände vor dem Wegwerfen zu bewahren und aufzuzeigen, wie viel Abfall so vermieden werden kann. Vielleicht wird in diesem Jahr sogar der letztjährige Schweizerrekord übertroffen. Am Reparaturtag 2018 wurden nämlich über 1800 Gegenstände repariert und somit sage und schreibe 5,6 Tonnen Abfall eingespart.

 

Nächstes Repair-Café Langnau: 19. Oktober, von 10 Uhr bis 16.00 Uhr. Infos: www.repair-cafe.ch

Mit diesem Beitrag beenden wir die Serie «Wiederverwerten».

Ein Flickstübli in Zäziwil

Auch im Kirchgemeindehaus in Zäziwil (Kirchgemeinde Grosshöchstetten) gibt es neu ein ähnliches Angebot wie in Langnau, ein so genanntes Flickstübli. «Wir haben uns überlegt, wie wir den ehemaligen Jugendraum nutzen könnten», erklärt der Leiter der Pfarrkreiskommission Zäziwil-Mirchel, Peter Schär. Ein Treffpunkt solle es werden, aber in welche Form? Schliesslich entstand die Idee, ein «Flickstübli» zu gründen – vorerst insbesondere für die Bewohner von Zäziwil und Mirchel. Das Flickstübli ist unabhängig von den Repair-Cafés, die unter sich vernetzt sind. Im September war die Eröffnung. Mit dem ersten Tag ist Peter Schär zufrieden: «Immerhin konnten wir sieben Gegenstände reparieren, darunter eine elektrische  Heckenschere, Überhosen sowie einen Staubsauger.» Nach wie vor werden  ehrenamtliche Fachleute gesucht. Noch bis im Dezember ist das Flickstübli jeweils am ersten Samstag im Monat geöffnet. Wie es danach weitergehe, hänge vom Erfolg des Projekts ab, so Peter Schär.

17.10.2019 :: Rebekka Schüpbach
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