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Beten – na und?

«Guten Appetit!», wünscht die Serviertochter im «goldenen Adler». Heinz Berger nickt, wirft einen geniesserischen Blick auf den heissen Teller mit dem liebevoll angerichteten Tagesmenüe, faltet die Hände und formt seine Lippen zum Gebet: «Vater, segne diese Speise, uns zur Kraft und Dir zum Lob und Preise!» Heinz Berger ist sich bewusst, dass er durch sein öffentliches Beten möglicherweise irritierte Blicke auf sich zieht. Früher wäre ihm das peinlich gewesen. Damals liess er sich in seinem Tun oft von dem bestimmen, was andere über ihn dachten, oder besser gesagt von dem, was er selber dachte, was andere über ihn dachten. Irgendwann wurde ihm das zu kompliziert und er entschloss sich, zu seinen eigenen Überzeugungen zu stehen. Dazu gehörte auch das Gebet vor dem Essen, sei es zu Hause, in der freien Natur oder im «goldenen Adler». Er überliess es seinen Mitmenschen, ob sie ihm beim Essen oder eben auch beim Beten zuschauen wollten. Er selber wollte schlicht und einfach seinem Gott Danke sagen. Seit er vor vier Jahren nach einer schweren Operation wochenlang unter Übelkeit gelitten hatte, war es ihm wichtig geworden, Gott auch für den Appetit zu danken, genauso wie für die Kraft zum Arbeiten und die Möglichkeit, in einem Land zu leben, wo Nahrung in Fülle vorhanden ist. Die Angewohnheit, Gott Danke zu sagen, liess in ihm mit der Zeit ein Grundgefühl der Dankbarkeit wachsen. Dies wiederum machte Heinz Berger beim Personal zu einem beliebten Gast. Frisch gestärkt sparte er nicht an ehrlich gemeinten Komplimenten für den originell gedeckten Tisch, die aufmerksame Bedienung und natürlich das vorzüglich gekochte Essen. Was den Koch in der Küche und die Frauen im Service freute, wollte Heinz Berger auch seinem himmlischen Vater nicht vorenthalten: «Dir zum Lob und Preise!»

11.04.2019 :: Herbert Held, reformierter Pfarrer, Röthenbach
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