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Ältere Menschen mit psychischen Problemen besser unterstützen
Ältere Menschen mit psychischen  Problemen besser unterstützen Emmental: Ältere Menschen in einer psychischen Krise haben andere Bedürfnisse als jüngere. Um gezielt darauf eingehen zu können, eröffnet das Spital Burgdorf eigens für sie eine Station. 

Rosa G., 84-jährig, leidet häufig an Kopfschmerzen, auch der Rücken bereitet ihr immer wieder Probleme. Manchmal sind die Schmerzen so stark, dass sie den ärztlichen Notfalldienst in Anspruch nehmen muss. Für den Transport fragt sie jeweils eine Nachbarin, obwohl ihr das unangenehm ist. Den Fahrausweis musste sie vor vier Jahren abgeben. Ihr Mann ist schon vor zehn Jahren gestorben, die Kinder weggezogen. Rosa Gs. Zustand verschlechtert sich, immer öfter leidet sie nun auch an Herzrasen. Das macht ihr Angst, sie ist mit der Bewältigung des Alltags zunehmend überfordert. Nach dem x-ten Aufenthalt auf dem Spitalnotfall vermutet der Arzt, dass eine Depression vorliegen könnte.   

Existentielle Fragen

Dieses fiktive Beispiel zeigt, mit welchen Herausforderungen sich die Alterspsychiatrie befasst und weshalb es dafür ab September am Spital Emmental in Burgdorf eine eigene Abteilung gibt. «Die Ausgangslage ist eine andere als bei einer jüngeren Person», betont Oberärztin Corinne Müller. «Oft spielen noch andere Krankheiten eine Rolle, seien es körperliche Beschwerden oder eine beginnende Demenz.» Es stünden deshalb andere Themen im Vordergrund, nicht selten gehe es um existentielle Fragen wie Sterben, Verlust, Angst vor Krankheit und Einsamkeit. Auch die eingeschränkte Mobilität, etwa wenn der Fahrausweis abgegeben werden müsse, stelle gerade im ländlichen Raum eine Herausforderung dar. Ein weiterer grosser Einschnitt sei die Pensionierung, führt die Oberärztin weiter aus. Mit dem Ausscheiden aus dem Arbeitsleben würden oft auch soziale Kontakte, aber auch die Tagesstruktur verloren gehen. Da könne sich eine gewisse Leere breit machen. Depressionen, Angstzustände und Sucht seien denn auch die häufigsten psychischen Erkrankungen im Alter.

Die eigenen Ressourcen stärken

Auf der Station für Alterspsychiatrie am Spital Burgdorf wird den Bedürfnissen von Menschen ab 65 Jahren Rechnung getragen. Bisher wurden diese Patientinnen und Patienten auf der allgemeinpsychiatrischen Station betreut. «Manche fühlten sich dort nicht ganz wohl, etwa wenn sie bei körperlichen Aktivitäten oder in der Gesprächsgruppe nicht mitkamen», nennt Corinne Müller Beispiele. Das Tempo und die Angebote auf der neuen, offenen Station könnten den Bedürfnissen dieser Altersgruppe angepasst werden, erklärt Alina Affolter, welche die pflegerische Leitung inne hat: «Auf dem Programm stehen zum Beispiel Biografiearbeit oder Gedächtnistraining. Turnen kann man auch auf einem Stuhl, wenn das Gehen Mühe bereitet. In der Backgruppe kommt dann vielleicht ein Gugelhopf nach altem Rezept in den Ofen.» Bei allem stehe im Zentrum, die eigenen Ressourcen zu erkennen, zu stärken und darauf aufzubauen, um Einschränkungen kompensieren zu können, betont Alina Affolter. 

Vorurteile abbauen

Die Station bietet 17 Betten an, die meisten in Zweierzimmern. Im Wohnzimmer stehen Sitzgruppen und Sessel; ein Fernseher hängt an der Wand. Die Küche, der Essbereich sowie Sitzungs-, Gruppen- und Behandlungszimmer komplettieren die Abteilung. Die Räume sind grosszügig, Böden, Wände und Möbel in hellen Farben gehalten. Kaum etwas erinnert an ein Spital oder eine Klinik. «Das ist wichtig», erklärt Oberärztin Corinne Müller. Gerade bei älteren Menschen seien viele Vorbehalte und Ängste vorhanden. Ihr Bild von der Psychiatrie sei noch oft vom «gäube Wägeli», das einen einliefere, geprägt. Im Gespräch und bei einer Besichtigung der Abteilung könne diese Angst genommen werden. Es sei von grossem Vorteil, ein solches Angebot in der Region anbieten zu können, nennt Corinne Müller einen weiteren Aspekt. Die Hemmschwelle, eine stationäre Behandlung anzutreten, sei tiefer, wenn der Eintritt ins vertraute Spital Burgdorf erfolge als in eine weiter entfernte psychiatrische Klinik. Die Einbindung in einem Spital biete zudem den Vorteil der interdisziplinären Zusammenarbeit. «Wir haben beispielsweise den Chirurgen oder den Neurologen im Haus; die Wege sind kurz, gemeinsame Behandlungen können unkompliziert umgesetzt werden.» 

Hilfe auch nach dem Austritt

Wie könnte es mit Rosa G. also weitergehen? Nach einer ersten Beurteilung durch die Alterspsychiatrie wird der Verdacht des Notfallarztes bestätigt. Auf Empfehlung entscheidet sich die 84-Jährige für einen stationären Aufenthalt. Nach drei Wochen hat sich ihr Zustand deutlich verbessert und sie kehrt nach Hause zurück. Eine Mitarbeiterin der aufsuchenden Pflege hilft ihr, den Alltag zu organisieren. Für die Psychotherapie wird sie vom Rotkreuzfahrdienst ins alterspsychiatrische Ambulatorium des Spitals Emmental (Burgdorf, Langnau) gefahren. Die Spitex richtet die Medikamente und hilft bei der Körperpflege. Einmal pro Woche fährt sie mit der Nachbarin oder der Tochter einkaufen. Rosa G. hofft, möglichst lange zu Hause bleiben zu können, hat sich aber vorsorglich in einem Altersheim angemeldet. Sie hat ihr Leben wieder in die Hand genommen und Mut gefasst. 

 

Publikumsvorträge über Depression im Alter: 15. August im Kurslokal Spital Burgdorf. 22. August im Restaurant des Spitals Langnau. Beginn je 19 Uhr.

15.08.2019 :: Silvia Wullschläger
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