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Sagenumwobener Lindenbaum
Emmental: Bald schon können wir den sommerlich-süssen Duft der Lindenblüte einatmen. Die Linde, ein geheimnisumwobener Baum, ist im Emmental häufig anzutreffen.
«Ist Ihnen auch schon diese Merkwürdigkeit aufgefallen, dass im Emmental oft zuoberst auf einem kahlen Hügel ein einsamer Baum steht? Meistens sind es Lindenbäume. Ist es wirklich Zufall? Es muss doch einen Grund geben, warum es gerade diese Bäume sind und warum sie ausgerechnet dort gepflanzt wurden. Wer hat sie gepflanzt, und wie lange stehen sie schon dort?» Die Autorin ist diesen Fragen in ihrer Maturaarbeit auf den Grund gegangen.

Sie lebt dreimal dreihundert Jahre

Die Linde gehört zu den Baumarten, die das Menschenalter um ein Vielfaches übertreffen können. Stellt man sich vor, dass sie tausend Jahre alt werden und eine Höhe von bis zu vierzig Metern erreichen kann, ist das schon beeindruckend. Vom Wachstum der Linde sagt man, sie komme 300 Jahre, stehe 300 Jahre und ver-

gehe 300 Jahre. Auch das Sterben des Baumes ist ein langer Prozess: Er wird über Jahrhunderte von innen heraus morsch und schliesslich hohl. Man könnte meinen, das Leben einer uralten Linde gehe bald zu Ende, doch das täuscht oft. Dieser Baum hat die Fähigkeit, sich von innen heraus zu erneuern. Bis ins hohe Alter spriessen neue Wurzeln in den Boden, was zur Bildung neuer Kronen führt.

Die Linde kommt ursprünglich aus Skandinavien und verbreitete sich über Osteuropa bis nach Spanien. In der Wärmezeit (4000 v. Chr.) gehörte sie zur dominierenden Baumart der damaligen Wälder. Wegen verändertem Klima und der schwindenden Bedeutung der Linde als Nutzbaum ist sie heute nur vereinzelt anzutreffen: Bei Häusern, in Dorfzentren, auf Feldern und Hügeln, was sie zu einer individuellen Persönlichkeit macht und die Aufmerksamkeit auf sich zieht.

Der Lindenbaum als Nutzbaum

Die Rinde der Linde ist reich an Bastfasern. Daraus wurden früher Kleider, Schnüre, Seile, Bienenkörbe und Bogensehnen hergestellt. Und das ist gar nicht so lange her: Im Tessin wurde noch bis ins 20. Jahrhundert 15 Tonnen

Lindenbast pro Jahr geerntet. Eine Besonderheit in der Schweizer Volksmedizin ist der zu Brei geschabte Lindenbast, der bei Wunden und Prellungen hilft.

«Lignum sacrum», heiliges Holz, nannte man es. Da es sich ausgezeichnet zum Schnitzen eignet, sind viele Altare und Marienbilder aus Lindenholz. Aber auch in der Volkskunst wird das Lindenholz bevorzugt.

Schon im antiken Griechenland galt die Linde als heilender Baum und ihre Blüte als das erste Medikament der Menschen. Dagegen ist der aus den getrockneten Blüten hergestellte «lindernde» Lindenblütentee erst ab dem 17. Jahrhundert in Europa bekannt. Er zeichnet sich durch seine schweisstreibende Wirkung aus und lindert Husten und Heiserkeit. Es fällt die Ähnlichkeit der Wörter «Linde» und «lindern» auf. Tatsächlich besteht nicht nur eine Ähnlichkeit, sondern auch ein Zusammenhang zwischen den beiden Wörtern. Woher der Name Linde kommt, ist nicht mehr nachvollziehbar. Wahrscheinlich hängt er mit der Bezeichnung «lind» (weich, geschmeidig) für das weiche Holz oder den biegsamen Bast zusammen.

Grosse Symbolkraft

Der Linde werden viele gute Eigenschaften zugeschrieben. Sie gilt als Kraftort, Marienbaum, Liebesbaum, Gerichtsbaum, Tanzbaum, Schutzbaum, Familienbaum, Markierungsbaum, Heiliger Baum...

Die Linde wird schon in der Antike von den Griechen verehrt. Auch bei den Slawen, Kelten und den germanischen Völkern war diese Baumverehrung populär. Da jeder Mensch eine eigene persönliche Beziehung zu einem Baum aufbaut, entstehen verschiedene Geschichten und Sagen um ihn. Diese Verehrung der Bäume geht im Kanton Bern bis in die Steinzeit zurück.

«Wo wir uns finden, wohl unter Linden...»

Die Dorflinde war und ist vielerorts ein Markenzeichen. Sie markierte nicht nur die Dorfmitte, sondern war auch ein Ort der Kommunikation, wie dies auch in älteren Gedichten und Liedern bezeugt wird. Am Abend traf man sich zum Gespräch unter dem Lindenbaum, was man heute mit dem Feierabend vor dem Fernseher vergleichen könnte. Es wurde diskutiert, Geschichten erzählt und gelacht. Martin Luther sagte sogar: «Unter der Linde pflegen wir zu singen, trinken und tanzen und fröhlich zu sein, denn die Linde ist uns ein Freude- und Friedebaum.» Tatsächlich wurden unter der Linde Feste gefeiert und getanzt. Manchen Linden schnitt man die Äste so zu, dass man Bretter darauf legen konnte, so dass eine Tanzfläche auf der Linde entstand.

Noch heute lebt diese Tradition in den Namen vieler Gaststätten weiter, wie «Gasthof Linde» «unter der Linde» oder «Zur Linde». Auch viele Dörfer, Höfe und Häuser haben «Linde» in ihren Namen in direkter oder abgeleiteter Form integriert.

Warum ausgerechnet im Emmental?

Im schweizerischen Idiotikon steht, dass die Linde ein bevorzugter Baum der Deutschen ist. Doch auch in der Schweiz ist sie oft anzutreffen. Weshalb sie im Emmental so zahlreich steht, kann nicht wirklich beantwortet werden. Pier Hänni, der Autor vom Buch «Magisches Bernbiet», meint, dass wohl die weichen und linden Hügel des Emmentals gerade der milden Linde eine passende Kulisse boten. Es könnte auch sein, dass unsere Vorfahren mit den Bäumen nach den vorgenommenen Waldrodungen die Landschaft wieder verschönern wollten. Die Vorliebe für den Lindenbaum war wahrscheinlich sehr ausgeprägt bei den Einwohnern des Emmentals.

Die Aspilinde – geschichtsträchtig

Wohl die bekannteste Linde im Emmental ist die Aspilinde auf der Aspiegg bei Obergoldbach. Dies ist der einzige Ort im Emmental, wo sich die Grenzen der vier ehemaligen Amtsbezirke, Burgdorf, Konolfingen, Signau und Trachselwald berühren. Dies macht die Aspiegg zum Zentrum der Region und die Aspilinde zur «Dorflinde des ganzen Emmentals». Dieser Punkt wird von vielen als spürbarer Kraftort wahrgenommen, aber seine Geschichte hat wohl dem Platz auch die Besonderheit gegeben.

Wahrscheinlich versammelten sich hier schon die Freibauern zu der Zeit der Helvetier. Die Linde war ein Treffpunkt für Geselligkeit, ein Ort der Feste und auch der vielen Paare, die auf den Hügel pilgerten, um durch den Kuss unter der Linde der Beziehung Glück und neuen Schwung zu verleihen. Der Baum wurde 1985 gefällt, weil er durch Sturm und Blitz sehr beschädigt war. Es ist anzunehmen, dass die gefällte Linde schon mindestens eine Vorgängerin hatte, und so setzte man die Tradition fort und pflanzte eine junge Linde auf deren Platz. Als Denkmal für die alte Linde formte der Bildhauer Urs P. Twellmann eine Skulptur aus dem alten Baumstamm. Viele verschiedene Gesichter und Figuren zieren diese Skulptur, die an die Menschen erinnern sollen, die in vielen Generationen unter die Linde zum Verweilen kamen. Wann immer gemeinsam ein Baum gepflanzt wird, ist es, wie in diesem Fall, ein Zeichen für Hoffnung, Zukunftsglaube und Zusammengehörigkeit.

Dieses Beispiel zeigt, dass der Brauch um den Lindenbaum noch weiter existiert. Auch wenn sich die Form und die Umstände der Baumverehrung ändern.
10.06.2010 :: Alexandra Poraszka
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