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Geh, wilder ­Knochenmann
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Schauplatz des neuen historischen Romans von Werner Ryser ist Langnau. Der Autor schildert das Schicksal dreier Waisenkinder – packend und mit vielen historischen Fakten.

Als nach dem Tod der Mutter auch der Vater auf dem Auenhof stirbt, stehen die drei Waisen vor einer ungewissen Zukunft. Glück im Unglück hat Jakob. Der zartbesaitete Junge kommt ins Pfarrhaus, wo sein Maltalent gefördert wird. Für die anderen beiden wird das Leben zur Hölle. Simon, elfjährig, wird am Kalten Markt verdingt, Esther, fünfzehn, muss dem neuen Hofbesitzer als Magd dienen. Und als wäre das nicht genug, zu den Grausamkeiten kommt noch die Schilderung einer öffentlichen Hinrichtung hinzu, die sich 1861 im Ramserengraben in Bärau zugetragen hat.

Im zweiten Teil des Romans wendet sich das Blatt. Simon kommt zu rechtschaffenen Leuten, zu Täufern, die ihm das Käsen und den Umgang mit dem Vieh beibringen. Jakob seinerseits ist Kunstmaler geworden. An einer Wand des Pfarrhauses fertigt er ein Fresko von Esthers Beerdigung an, auf dem er auch den Quälgeist seiner Schwester abbildet. Im dritten Teil  wandern die beiden ungleichen Brüder nach Georgien aus. 

Packende Dialoge und Klischees

Werner Ryser versteht es, temporeich zu erzählen. Er schreibt packende Dialoge, und seine Protagonisten wachsen einem augenblicklich ans Herz. Eindrücklich vermag der Autor die Abgründe des Menschen zu beschreiben: den Hass, den Geiz, die Gier. Weniger gelungen sind Stellen, in denen der Autor Klischees bedient. Vor dem Hintergrund, dass sie bald sterben wird, kann man die Vorliebe der Frau Pfarrer für Schuberts Lied «Der Tod und das Mädchen» nicht ganz ernst nehmen. Und die Beschreibungen von Jakobs Bildern überzeugen nicht immer. Ein besonderes Highlight dagegen stellen die umfangreichen Recherchen des Autors dar. Sie erlauben Einblicke in eine vergangene Zeit. So erfährt die Leserin beispielsweise, was die Menschen früher assen, welche Heilkräuter im Einsatz waren, wie der Verdingmarkt funktionierte und wie das Leben der Auswanderer auf dem Schiff aussah. Darüber hinaus bekommt man eine Ahnung, wie gegenwärtig der Tod war. Der «wilde Knochenmann» lauerte an jeder Ecke.



25.04.2019 :: buh.l.
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