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KOLUMNE: Wir Affen
02.09.2010 Martin Lehmann
Was den Menschen vom Tier unterscheidet? Nun ja, er kann kochen, er war schon mal auf dem Mond, und er hat die Glühbirne, den Mikrochip und die batteriebetriebene Spagetti-Gabel erfunden, die das Drehen der Teigwaren unnötig macht. Trotzdem ist die Grenze zwischen Mensch und Tier fliessend und hat der homo sapiens mit dem pan troglodytes, dem Schimpansen, oder der anser anser, der Graugans, weit mehr gemein, als ihm lieb ist. Wers nicht glaubt, soll mal abends um halb sechs in den Zug von Bern nach Langnau steigen. Dass es im Wagen riecht wie im Vivarium im Dählhölzli – nach Schweiss und Essensresten, nach Urin und Flatulenzen –, das geht ja noch. Und dass der Geschäftsmann vis-à-vis, mit Krawatte und im Strellson-Anzug, bereits kurz nach Ostermundigen einschläft und dann bis Konolfingen mit offenem, sabberndem Mund und hin und her wackelndem Kopf vor sich hindämmert, muss man ja auch noch nicht gleich als Ende der menschlichen Zivilisation interpretieren. Aber im Abteil nebenan gehts endgültig zu wie in einem Affenkäfig: Einer grübelt versonnen in der Nase, begutachtet das Produkt der Sondierbohrung aufmerksam und zerkrümelt es dann ungeniert zwischen den Fingern. Der andere ist mit dem Haarboden beschäftigt: krault sich hinter den Ohren und kratzt sich über der Stirn und analysiert anschliessend das Material, das sich unter seinen Fingernägeln angesammelt hat. Die herausgepützelte Frau im Abteil hinten links schliesslich ist mit ihren Ohrringen beschäftigt, beziehungsweise mit den dafür gepiercten Löchlein, an deren Öffnungen es offenbar grammweise Hautrückstände wegzuklauben gibt: Jedenfalls führt sie ihre fein manikürte Hand immer und immer wieder ans Ohrläppchen und dann an ihre sorgsam gepuderte Nase – wohl um die olfaktorische Qualität zu prüfen. So viel zum Thema Fellpflege. Zum Imponierverhalten bloss Folgendes: Während Flusspferde in der Brunftzeit ihr Gebiss entblössen und Gorillamännchen ihre Brust betrommlen, prahlen die drei Burschen vorne neben dem Ausgang lautstark mit ihren exzessiven Alkoholerfahrungen, und der Geschäftsmann, der inzwischen wieder aufgewacht ist, lässt nun den ganzen Wagen via Handygespräch daran teilhaben, wie er am Nachmittag souverän einen unfähigen Mitarbeiter entlassen hat. Wie gesagt: Die Grenze zwischen Menschen- und Tierreich ist fliessend, und ich warte nur noch darauf, bis mich einer mal kurz vor Zäziwil darum bittet, ihm den Pickel unter seinem rechten Schulterblatt auszudrücken, er komme drum mit der Hand nicht hin … Martin Lehmann ist Redaktor der evangelischen Monatszeitung «reformiert.» und fragt sich gerade, was die Leserinnen und Leser unappetitlicher finden: dass sich die Szenen wirklich so zugetragen haben oder dass einer sie beschreibt? Die Ansichten der Kolumnistinnen/ Kolumnisten müssen sich nicht mit jenen der Redaktion decken.
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KOLUMNE: Wir Affen
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