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WOCHEN-ZEITUNG FÜR DAS EMMENTAL UND ENTLEBUCH
Mittwoch, 8. September 2010  
         
  Ausstellung im Dorfmuseum alter Bären
KONOLFINGEN: Wenn das stille Örtchen zum Kunstwerk wird

11.03.2010 Nachttöpfe sind die Leidenschaft von Ida Lobsiger. Etwas mehr als ein Viertel ihrer gesamten Sammlung von über 750 Nachttöpfen stehen in der Ausstellung «Kunst am stillen Ort» im Dorfmuseum Konolfingen.

Willi Blaser

 Seit 32 Jahren sammelt Ida Lobsiger Nachttöpfe. Nicht einfach weisse, runde Töpfe, nein vielmehr wahre Kunstwerke. Fast unwahrscheinlich, die grossartige Ausstattung und Bemalung der Nachttöpfe aus drei Jahrhunderten Geschichte. Und tatsächlich, der eine oder andere Nachttopf verbirgt seine wahre Funktion beim ersten Hinsehen.
Von der Höhle in die Wohnung
In früheren Zeiten war die Benutzung eines Nachttopfes eine Selbstverständlichkeit. Es gab noch keine WC’s wie wir sie jetzt kennen und vielerorts war das WC, vielfach auch für mehrere Familien zugänglich, ausserhalb der Wohnung platziert. Nach und nach wurde der Nachttopf durch die Verbreitung der Toiletten mit Wasserspülung verdrängt. Heute wird der Nachttopf ausser bei Kranken und Kindern nicht mehr benutzt. So wird der Nachttopf als einen der ältesten Gebrauchsgegenstände umschrieben. Auch wenn es bei den Höhlen bewohnenden Vorahnen nur ein Stück Rinde oder Blätter waren, mit denen die Notdurft aus dem Bau getragen wurde, so ist im Laufe der Jahrhunderten daraus ein kunstvoll, für die Notdurft fast schon zu kostbarer Gegenstand geworden.
Der Nachttopf als Waffe
Fasziniert vom Mohnblumen-Dekor erwarb Ida Lobsiger 1978 ihren ersten Nachttopf. Villeroy & Bloch war der Hersteller dieses ersten Nachttopfes, der auch an der Sonderausstellung zu sehen ist. Neben Töpfen aus Zinn, Steingut, Porzellan und Ton wurden in reichen Häusern sogar welche aus Silber und Gold hergestellt. Mit Sprüchen «Wenn du wüsstest was ich sehe» oder am Boden aufgemalte Augen waren in den zurückliegenden Jahrhunderten beliebt. Aber auch kunstvoll in Truhen eingearbeitete oder mit Musikdosen versehene Nachttöpfe waren keine Seltenheit. Wie die Benutzung war auch die Entleerung bis in die Mitte des letzten Jahrhunderts kein Tabu. Das Entleeren des Nachttopfes auf die Strasse oder in einen freiliegenden Abwasserkanal war selbstverständlich. Sogar als Waffe sei der Nachttopf eingesetzt worden. Venezianische Frauen sollen in einer engen Gasse ihre Behältnisse über einen anschleichenden Verschwörer geleert und ihn so in die Flucht geschlagen haben.
Leidenschaft und Sauberkeitswahn
Über 40 Gäste erfuhren bei der Eröffnung die Geschichten und Anekdoten über die Sammlerleidenschaft der 67-Jährigen aus Fraubrunnen. «Mittlerweilen kennt man mich und meine Leidenschaft und ich erhalte Angebote per Telefon aus nah und fern», erzählte Ida Lobsiger an der Vernissage. Die Mutter von drei erwachsenen Kindern leidet, paradox wie sie sagt, an Sauberkeitswahn. Die Form, die Bemalung und der Henkel seien die ersten Anziehungspunkte wenn sie einen Nachttopf sehe. «Natürlich drehe ich den Nachttopf so schnell als möglich um und suche den Herkunftsstempel». Dank diesem Stempel könne sie jeden Topf einordnen und sei vor Fälschungen geschützt.
Heinz Gugger, Präsident des Vereins Dorfmuseum gestand, er habe ungläubig den Kopf geschüttelt, als er das erste Mal von der Idee seines Dorfmuseumsdirektor Heinz Bhend gehört habe. «Jetzt bin ich fasziniert, was Frau Lobsiger für grossartige Sammlerstücke präsentiert und wie die Ausstellung hergerichtet wurde». Ida Lobsiger erwähnte, dass sie nebenbei auch noch alte Ansichtskarten mit Nachttöpfen sammle. Einige dieser Karten sind vergrössert und beleben die Sonderausstellung «Kunst am stillen Ort».

Öffnungszeiten der Sonderausstellung (geöffnet jeweils von 14 - 17 Uhr). Sonntag, 21. März; Ostermontag, 5. April; Sonntag, 18. April; Sonntag, 2. Mai; Sonntag, 16. Mai; Sonntag, 6. Juni; Sonntag, 20. Juni. Kontakttelefon 031 791 18 63; www.museum-alter-baeren.ch



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