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Zu Lebzeiten bestimmen, wo man seine letzte Ruhe finden möchte
Zu Lebzeiten bestimmen, wo man  seine letzte Ruhe finden möchte Schüpfheim: Neu kann man seine Asche in der Waldruhestätte beisetzen lassen. Die fehlende Trauerstätte auf dem Friedhof kann für die Angehörigen aber auch schwierig sein.

Die Stille umfängt den Besucher. Sanftes Sonnenlicht bricht durch die Laub- und Nadelbäume. Auf den ersten Blick verrät nichts, dass man sich in diesem Waldstück bei Heiligkreuz oberhalb von Schüpfheim in einer Ruhestätte befindet. Auf den zweiten Blick fällt vielleicht auf, dass auf den schmalen Wegen weniger Laub liegt als auf dem Waldboden daneben. «Wir verändern bewusst kaum etwas in diesem Waldstück, wir möchten ihn möglichst naturnah belassen. Höchstens sägen wir ein paar Äste ab, wenn der Waldweg nicht gut begangen werden kann», sagt Sandro Zanella, Begründer der Waldruhestätte im Entlebuch. Dass ein Waldfriedhof keine Infrastruktur oder Umzäunung aufweisen darf, bestätigt auch Piet Luethi, Fachbereichsleiter Walderhaltung beim Kanton Luzern. «Es dürfen weder Grabsteine noch Grabschmuck oder Kerzen aufgestellt werden.»


Einschneidende Erlebnisse

Die Idee der Waldruhestätte trägt Sandro Zanella schon lange in sich.  «Als ich neun Jahre alt war, starb mein Vater und kurz darauf auch mein Götti. Ich erlebte die Abdankungszeremonien als schrecklich; ich fühlte mich nicht getröstet», erinnert er sich. Mit 22 Jahren hatte er ein weiteres prägendes Erlebnis und für den Schüpfheimer war klar: «So möchte ich es nicht für mich; meine letzte Ruhestätte soll in der Natur sein.» Sandro Zanella kaufte vor rund vier Jahren das 6500 Quadratmeter grosse Waldstück. Zuerst traute er sich nicht, seine Idee umzusetzen, da es etwas Vergleichbares im Entlebuch nicht gab. «In Gesprächen fand ich heraus, dass sich auch andere Menschen von den Zeremonien nicht abgeholt fühlen. Viele haben den Wunsch, sich in der Natur beisetzen zu lassen und zwar unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit.» 

Ein weiterer Aspekt sei, dass viele ältere Menschen ihren Kindern und Verwandten keine aufwändige Grabpflege zumuten möchten und sie hätten die Idee begrüsst. Auf dem traditionellen Friedhof dauert die Grabesruhe meistens rund 20 Jahre. Bei einem Waldfriedhof ist diese unbegrenzt, da der Besitzer darüber entscheidet. Dies sei ein weiterer Vorteil dieser Art der Bestattung. «Das alles machte mir Mut und meine Familie unterstützte mich dabei.»


Ein Baum für die ganze Familie

Sandro Zanella erscheint es wichtig, dass wir uns zu Lebzeiten mit unserer Endlichkeit befassen. Wo möchte man seine letzte Ruhe finden? Was stimmt für mich? «Für die Angehörigen ist es ein Vorteil zu wissen, wie unser letzter Wunsch lautet, damit sie diesem entsprechen können», ist er überzeugt. Wer sich für eine Bestattung in der Waldruhestätte entscheidet, kann sich einen Baum auswählen und diesen kaufen. Dabei wird jeweils Rücksicht auf die finanzielle Situation der Person genommen. Der Käufer bestimmt, wessen Asche alles bei diesem Baum beigesetzt werden darf: von Familienangehörigen über Freunde bis zu Haustieren ist alles erlaubt. Die Asche wird in eine Öffnung bei den Baumwurzeln gelegt. Die Abdankung kann traditionell in der Kirche stattfinden. «Wer möchte, kann aber auch eine Abdankungsfeier im kleinen Kreis in der Waldruhestätte abhalten», erklärt Sandro Zanella.


Ein Ort für die Trauer

Der Baum selber erhält nur eine kleine Plakette mit einer Nummer, damit man weiss, wessen Ruhestätte es ist. Kein Blumenkranz, kein Grabstein und keine Dekoration. «Das kann für die Hinterbliebenen problematisch sein. Für sie fehlt eine sichtbare Grabstätte. Auch ist es nicht möglich, eine Kerze oder Blumen zum Gedenken niederzulegen», gibt Roger Murpf zu bedenken. Er führt in Schüpfheim und Wiggen ein Bestattungsinstitut. «Es ist wichtig, im Vorfeld darüber zu sprechen, damit sich alle im klaren sind, was dies bedeutet, denn man kann es nicht rückgängig machen.» 

Ähnlich sieht es auch Bestatterin Pia Stalder aus Schüpfheim. Der Wunsch nach einer Naturbestattung sei relativ selten. «Wir raten in diesen Fällen dazu, die eine Hälfte der Asche einem Gemeinschaftsgrab beizufügen und die andere Hälfte am Lieblingsplatz zu verstreuen oder eben im Wald zu vergraben.» Werde die gesamte Asche zum Beispiel in den Bergen dem Wind übergeben, bleibe den Angehörigen nur die Erinnerung.


Waldfriedhof als Alternative

Ähnliche Erfahrungen hat der Friedhofverwalter der Gemeinde Schüpfheim, Erwin Dahinden, gemacht. «Oftmals merken die Angehörigen erst im Nachhinein, dass eine Gedenkstätte wichtig sein kann. Aber ich sehe auch, dass für viele die Grabpflege eine Last ist. Darum kann eine Bestattung in einem Waldfriedhof eine gute Alternative sein.» 

Jakob Zemp, Wallfahrtsseelsorger auf Heiligkreuz, hat Verständnis, dass sich nicht alle mit den Abdankungszeremonien identifizieren können und eine Alternative suchen. Auch er weist auf die Wichtigkeit einer sichtbaren Grabstelle hin, wo die Hinterbliebene trauern oder auch wütend sein können. «Auch sollte man daran denken, dass viele ältere Menschen gehbehindert sind und den Fussmarsch durch den Wald nicht mehr so gut bewältigen können.»

26.10.2017 :: Veruschka Jonutis
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