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Wer schwarz nicht kennt, kann weiss nicht sehen

Kürzlich hatte ich mich mal wieder breitschlagen lassen, an einer Presse-
reise teilzunehmen. So eine Einladung liest sich immer grossartig. Fünf-Sterne-Hotel, Gourmetbuffet, Kultur-Höhepunkte und jede Menge traumhafte Orte, die einem in Aussicht gestellt werden. Was dann tatsächlich folgt, sind zwei Tage, in denen die Teilnehmenden von morgens um 9 bis abends um 22 Uhr von einem Termin zum nächsten gekarrt werden. Diesmal sollte es die Ostsee sein, genauer die Ost-Ostsee in Mecklenburg-Vorpommern: Rostock, Warnemünde, Künstlerdorf Ahrenshoop und Badeort Zingst. Den Veranstaltern war daran gelegen, dass die schreibende Zunft in die Welt hinausträgt, dass man ab sofort – von Zürich aus – Rostock direkt anfliegen kann. Die Reise dauert in etwa so lange wie mit ÖV vom Emmental ins Strandbad Thun. 

Zur kleinen Reisegruppe gehörten zwei deutsche Damen, die meine, äh, empathischen Fähigkeiten bis zum Anschlag herausforderten. Im Klartext: Ich ärgerte mich im Minutentakt über hirnrissige Kommentare und Verhaltensweisen meiner deutschen Landsmänninnen. Zum Mittagessen stiessen zwei Herren von der BEA Bern Expo hinzu, die vor Ort in Sachen Caravaning und Wassersportarten recherchierten. Als die beiden anfingen, Berndeutsch zu sprechen, kuschelte ich mich regelrecht in die Klänge meiner Wahlheimat. Ich war geplättet von diesem neuen Gefühl, dazu zu gehören. Meine Laune verbesserte sich schlagartig.

Später besuchten wir den Künstlerort Ahrenshoop, ein Schnuckeldörfchen mit mit Schilf gedeckten Häuschen und Miniaturvillen. Zusammen mit dem Bürgermeister schlenderten wir zwischen den Künstlerkaten. Magisch von einer Jugendstil-Villa angezogen, erklomm ich einen kleinen Hang, um Fotos vom pittoresken Bau zu schies-sen. Als ich mich umdrehte, hatte sich eine Touristengruppe vor dem Anwesen versammelt und blockierte die Treppe. Ich schlingerte in der Schräge und versuchte den Abstieg. Da erblickte ich eine ausgestreckte Hand, die ich dankbar ergriff. Ich hob meinen Blick und ich sah in die strahlenden Augen einer Frau im Rollstuhl, die mich mit sicherem Griff vom Abhang hinunterführte. Dieser Moment ging mir dermassen unter die Haut, dass ich nur «ach, so schön» wispern konnte. 

Eigentlich haben die beiden ungeliebten Reisepartnerinnen mir zu diesen magischen Momenten verholfen. Sie schärften meinen Blick – für die schönen Momente! Wenn ich darin gedanklich spazieren gehe, lege ich den Kopf schief, halte inne und muss lächeln.



01.06.2017 :: Christina Burghagen Signau
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