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Was wiegt mehr: Schutz historischer Wege oder Interessen der Bewohner?
Was wiegt mehr: Schutz historischer Wege oder Interessen der Bewohner? Emmental:

Mit einem Vorstoss wollten Grossräte die Hürden für den Ausbau von historischen Verkehrs- und Wanderwegen verringern. Der Regierungsrat sieht wenig Handlungsspielraum.



Ein Weg ist nicht immer einfach nur ein Weg. Manche sind im Inventar der historischen Verkehrswege der Schweiz (IVS) aufgeführt. Dessen Herzstück stellt das Bundesinventar dar. Darin sind Wege erfasst, die von nationaler Bedeutung sind und noch sichtbare historische Wegsubstanz aufweisen. Diese rund 3750 Kilometer stehen unter besonderem Schutz. Erfasst sind aber auch Wege von regionaler (11’500 Kilometer) oder lokaler Bedeutung (25’000 Kilometer), für welche die Kantone zuständig sind. Auch diese sind geschützt. 

Oft sind diese Wege zusätzlich im Verzeichnis der Wanderwege aufgeführt und unterstehen damit in jedem Fall Bundesrecht. Der Bund strebt einen Naturbelagsanteil ausserhalb der Siedlungsgebiete von 90 Prozent an, was Wanderer zu schätzen wissen. Weniger angenehm sind solche Kies-, Wald- und Feldwege zuweilen für die Anwohner. Ob geschichtlich relevant oder als Wanderweg bezeichnet, für sie sind diese in erster Linie die Zufahrten zu ihren Höfen. Da wünscht sich mancher etwas mehr Komfort. Fünf Grossräte aus dem Emmental nahmen sich dem Thema an.

Unzumutbare Verhältnisse

«Das Emmental wurde reich ‹beschenkt› mit regionalen/lokalen IVS-Verkehrswegen», schreiben Walter Sutter (SVP, Langnau) und vier Mitunterzeichner in ihrer Interpellation. Die meisten dieser Wege genügten der heutigen Beanspruchung durch die verschiedenen Nutzer längst nicht mehr. Schlaglöcher, Morast und grössere Staubentwicklung werden als Beispiele aufgeführt. Länger andauernde Regenperioden und die Auftauphase im Frühling lösten zum Teil unzumutbare Verhältnisse aus. «Wenn auch die Regierung ernsthaft den Wunsch hat, dass die Leute weiterhin in diesen abgelegenen Regionen wohnen und das Land bewirtschaften, sollte sie auch Hand bieten für Lösungen», sagt Walter Sutter auf Anfrage. Es gehe um die Verhältnismäs-sigkeit. Wege, über die vor Jahrhunderten einmal ein Römer geritten sei, würden geschützt, aber die Bedürfnisse der heutigen Bewohner kaum berücksichtigt. Auch die Wünsche der Wanderer ständen über jenen der ständigen Wohnbevölkerung. «Da braucht es eine Korrektur», ist der Langnauer Grossrat überzeugt. «Die Zeiten haben sich auch in abgelegenen Regionen geändert. Die Wege werden heute viel mehr beansprucht als früher», erklärt Sutter. Viele Landwirte gingen einem Nebenerwerb nach und auch die Bäuerin arbeite oft auswärts, was mehr Autofahrten zur Folge habe. Landwirtschaftliche Maschinen seien grösser und schwerer geworden und Futtermittel oder Baumaterial würden mit Lastwagen angeliefert. «Es soll nicht länger so sein, dass die dezentrale Besiedelung immer noch mit solchen Standortnachteilen konfrontiert ist», schreibt Sutter im parlamentarischen Vorstoss. 

Nicht alles teeren

Walter Sutter möchte sich für eine Lösung mit Augenmass einsetzen. Es gehe ihm nicht darum. nun sämtliche Wege in Emmentaler Seitentälern zu teeren. «Aber es muss möglich sein, in begründeten Fällen einen Kompromiss zu finden, und zwar ohne grosse Bürokratie.» Es seien verschiedene Möglichkeiten vorhanden. So könnten Bewirtschaftungswege mit Betonfahrspurplatten oder Rasengittersteinen versehen werden. Bei stark frequentierten Wegen sei ein Spritzbelag denkbar. Dabei handle es sich ja oft nur um besonders exponierte Teilstücke und nicht um kilometerlange Strassen. Auch bei Wanderwegen müssten Anpassungen möglich sein, etwa mit befestigten Fahrspuren gegen die Auswaschung, so Sutter. «Die Rede ist ja nicht von abgelegenen Wanderwegen durch Feld und Wald, sondern von Zufahrten zu Landwirtschaftsbetrieben.»

Ausbauen in Einzelfällen

«Würde der Naturbelagsanteil bei den Berner Wanderwegen verschlechtert, stände dies im Widerspruch zu den Bundesvorgaben», schreibt der Regierungsrat in seiner Antwort auf die Interpellation. Der angestrebte Naturbelagsanteil von 90 Prozent erreicht der Kanton Bern nicht. Im Durchschnitt seien es 77,5 Prozent, im Emmental 71 Prozent. Damit liege man im schweizerischen Durchschnittsbereich. Von den total 7200 Kilometern historischer Verkehrswege im Kanton Bern seien 2800 ins Wanderroutennetz integriert. Dieses umfasse knapp 10’000 Kilometer. Historische Verkehrswege könnten naturgemäss nicht verlegt werden. Ausbauvarianten wie schmale Fahrspuren aus Gittersteinen mit breitem Mittelstreifen könnten in Einzelfällen in Frage kommen. Aber betonierte oder asphaltierte Fahrspuren sowie mit Spritzbelag versehene Strassen würden den Anforderungen des Landschaftsschutzes häufig nicht gerecht. Dies sei, wenn überhaupt, nur für kurze Abschnitte möglich.

Die Interessen abwägen

«Eine generelle Lockerung der Vorschriften zum Ausbau regionaler oder lokaler IVS-Verkehrswege oder von Wanderwegen ist auf kantonaler Ebene nicht möglich», schreibt der Regierungsrat. Nach den Bundesvorgaben seien in Einzelfällen konkrete Interessenabwägungen vorzunehmen. Welche Interessen höher zu gewichten seien, lasse sich nicht allgemein sagen. Bei regionalen und lokalen historischen Verkehrswegen könne das Inventar bei Bedarf anlässlich konkreter Baugesuche angepasst werden. Eine flächendeckende Überarbeitung lehnt der Regierungsrat aber ab.

Es ist nicht unmöglich

Die Antwort des Regierungsrates enthalte «nichts Neues», meint Walter Sutter. Zwischen den Zeilen könne man aber lesen, dass Anpassungen möglich seien. Sicher könne eine Gemeinde da auch ihren Einfluss geltend machen. Am besten sei es, dies einmal anhand eines konkreten Vorhabens durchzuspielen. «Das Thema ist sicher nicht vom Tisch.» 

 

 

Das IVS im Internet: ivs.admin.ch, auf Karte klicken.


Ersatz bieten, Beiträge ausrichten, Chance nutzen

Die Kriterien, nach denen das Inventar der historischen Verkehrswege der Schweiz (IVS) erstellt wurde, würden national angewendet, teilt die kantonale Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (BVE) auf Anfrage mit. «Historische Verkehrswege sind Wege, die in alten Karten zu finden sind.» Von Bedeutung sei dabei nicht nur die sichtbare Wegoberfläche, sondern auch Wegform, Wegbegrenzung wie Dämme oder Mauern und die historische Wegbreite. 

Bezüglich Nachteile für Bewohner könne in vielen Fällen eine Lösung gefunden werden wie Belagseinbauten auf kurzen Abschnitten oder Spurrinnen, schreibt das BVE. «Wenig bekannt, von Gesetzes wegen aber durchaus möglich, sind ferner Ersatzmassnahmen mit Aufwertungen von anderen Wegabschnitten.» Weiter könnten an Landwirte, über deren Land unbefestigte Bewirtschaftungs- oder Wanderwege führen, Landschaftsqualitätsbeiträge ausgerichtet werden. 

Die BVE erinnert auch an die Chancen von Wanderrouten. Der «sorgsame Umgang mit Landschaften und insbesondere mit historischen Verkehrswegen» könne die emotionale Bindung zur Landschaft und damit auch deren Wert für Erholungssuchende erhöhen.» Dies wiederum begünstige Direktverkäufe in Hofläden.


08.06.2017 :: Silvia Ben el Warda-Wullschläger
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