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Tausende Pilze begutachtet
Tausende Pilze begutachtet Langnau:

Durch die Finger von Pilzkontrolleur Fritz Morgenthaler gleiten Tausende Pilze. Seinem konzentrierten Blick entgeht nichts, noch nie hat er sich in den letzten 30 Jahren getäuscht.

Es ist Herbst, Erntezeit. Nicht nur was wir gesät haben, dürfen wir einsammeln. Im Wald finden wir Delikatessen, die in rätselhafter Symbiose mit anderen Pflanzen spriessen: Die Pilze. Herrlich ist es im Wald! Ganz allein mit der Natur, hört man nichts als Vögel zwitschern und den Wind in den Wipfeln. Unter den Füssen wunderbar weicher Moosteppich, und halt: da leuchtets bunt. All überall spriessen Pilze, welche Pracht! Die schönsten sind zwar nicht geniessbar, aber daran freuen darf man sich allemal. Und nach wenigen Schritten fällt der Blick auf samtene Braunkappen: Maronenröhrling, Rotfussröhrling oder sogar König Steinpilz. Die werden sorgsam ins Körbchen gelegt und später zu einem Pilzpastetchen oder einer Jägersauce verarbeitet. Ein Genuss, den man nicht kaufen kann, denn Waldpilze lassen sich nicht kultivieren.


Vorsicht ist geboten

Der Faszination Pilzesammeln ergeben sich immer mehr Leute und heuer ist eine optimale Pilzsaison. Doch Vorsicht ist geboten, denn nicht alle Pilze sind geniessbar. Trotz Internet und Pilzatlas sollte mit Hilfe eines Kenners ein fundiertes Wissen erarbeitet werden, will man sich vor schmerzhaften –in einigen Fällen sogar tödlichen – Missgriffen schützen. Oft sind die entscheidenden Merkmale zwischen geniessbar und giftig minim: etwa die Hautstruktur am Stiel, das Verfärben der Druckstelle, der Buckel oder die Vertiefung in der Schirmmitte. Denn Farbe und Form der Pilzkappe können sich mit Alter und Lichteinfall verändern. Da hilft in jedem Fall nur der Gang zur Pilzkontrolle; in Langnau zu Fritz Morgenthaler.


Ein Routinier

Seit 30 Jahren steht Fritz Morgenthaler als Pilzkontrolleur in Langnau im Einsatz. In 7500 Kontrollen hat er sagenhafte 10’500 Kilo Pilze angeschaut; davon 900 Kilo ungeniessbare oder giftige und sechs Kilo sogar tödlich giftige. Im Emmental gibt es 3500 Arten, landesweit deren 7000, davon 180 geniessbare. Der Kontrolleur führt Statistiken, auch über das Wetter, das grossen Einfluss auf das Pilzvorkommen hat. Mittwoch, Samstag und Sonntag von 18 bis 19.30 Uhr – bei Andrang auch eine Stunde länger – steht er im Werkhof und prüft zum Wohl seiner Mitmenschen jeden Pilz, den sie ihm bringen. Manche Sammler lassen mitlaufen, was sie gerade finden – sie handeln sich eine Rüge ein. Andere sind Kenner, legen ihre Pilze gesondert in die Schalen auf dem Sortiertisch. Nicht nur die paar bekannten Arten, sondern Mönchskopf, Habicht, Aenis-Champignon. Und dennoch: «Auch unter den harmlosen Pfifferlingen kann sich ein Schädling verbergen, der dann kräftiges Bauchweh und mehr verursacht», sagt der Kontrolleur. Eine Handvoll oranger «Söiohren» fliegt in den Abfalleimer: «Die sind nur roh geniessbar und da besteht die Gefahr durch den Fuchsbandwurm», erklärt er. Keine Gnade kennt er auch bei Schimmelpilzbefall: «Nicht rüsten, wegschmeissen!»


Pilze rasch konsumieren

Pilze wachsen und verderben schnell, darum sollten sie rasch konsumiert werden. Nicht so wie die Ferienheimkehrer, die ihm angetrocknete Pilze bringen. «Das geht gar nicht, weg damit. Wenn Dörren, dann in einem Zug bis zum Ende», empfiehlt Fritz Morgenthaler. 

So leert er emsig Korb um Korb, wägt, schreibt auf, kassiert drei Franken pro Kilo, händigt die Quittung aus und trägt die enorme Verantwortung. Noch ist die Kolonne der Wartenden lang, bis auf den Parkplatz hinaus. Da bleibt wenig Zeit zum Diskutieren: «Kommt in den Kurs, den wir jedes Jahr anbieten», rät Fritz Morgenthaler. Wie lange er mit 71 Jahren noch durchhalten wird, wer weiss das. Einen Nachfolger habe er im Auge, aber ob der sich einspannen lässt – man kann nur hoffen. Denn es braucht ihn, den Pilzkontrolleur!

12.10.2017 :: Gertrud Lehmann
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