Anmelden
Tannentherapie als turbulenter Theaterspass
Tannentherapie als turbulenter Theaterspass Emmenmatt:

Eine wundersame Vermählung wird diesen Sommer auf der Moosegg gefeiert: «Die Räuberhochzeit». Die Uraufführung des übermütigen Singspiels von Paul Steinmann begeisterte.


Ein Schuss fällt. Knecht Samis (Timo Kobel) Leidenschaft ist das Rumballern mit der Flinte, immer auf der Hut vor vermeintlichen Räubern oder Dachsen im Gemüsebeet. Seine Chefin Berta Friedli-Vögeli (Anna Röthlisberger) vom Kurhotel «Eggemoosbad» hat alle Hände voll zu tun, um ihre heiratsfähigen Töchter Lisbeth (Sarah Bigler) und Helene (Sarina Wälti) in Schach zu halten. Magd Meieli (Ursula Jost) nutzt jede Gelegenheit für ein Nickerchen. Die Schwester der Wirtin Sophie (Marietta Rüegsegger) hält alle Fäden in den Händen, damit die Angestellten den illustren Gästen jedweden Service angedeihen lassen – vom Tannennadelbad bis zum Tannenspitzentee. Ehepaar Schneuwly (Max Sterchi, Margrith Gerber), er Professor, sie Genervte, treffen ein und werden mit schmetterndem Chor begrüsst: «Willkommen in Eggemoosbad – dem Kurort mit der Tannentherapie!» 

Verständigungsschwierigkeiten

Zwei Österreicher kommen an. Komponist Francesco Suppino (Hubert Marbacher), man könnte ihn auch Franz von Suppé nennen, und Diener Ludwig (Franziska Christen) mit österreichischem Zungenschlag haben einige Probleme mit dem Berndeutschen: «Sie haben sicherlich etwas Schönes gesagt, aber ich kann ihre Sprache nicht verstehen!» Der Künstler bestellt bei der Wirtin «einen kleinen Braunen». Sie fragt sich: «Hemd? Stumpen?» Doch später bekommt er seinen Kaffee, der durch die Zugabe von viel Milch eher ein «kleiner Bleicher» wird. Der Komponist steht mächtig unter Druck, denn er soll binnen kürzester Zeit eine Operette aus dem Boden stampfen. Den vorliegenden Text verschmäht er: «Ein Möchtegern ist ein Dichter, der selbst nicht ganz dicht ist.» Madame Charlotte de Bouvier (Sandra Tschanz) treibt sich flirtintensiv im Hotel herum, Dichter Gottfried Keller (Robert Blaser) geniesst eine Ameisenhügelwanderung, was ihn zu den Zeilen inspiriert: «Von heisser Lebenslust entglüht, hab ich das Sommerland durchstreift ...» Ein herzallerliebstes Tänzchen erinnert stark an «Brüderchen, komm tanz mit mir ...» mit «Einisch links, einisch rechts...» aus der Humperdinck-Oper «Hänsel und Gretel», der ersten Produktion in diesem Jahr auf der Moosegg. Das Knusperhäuschen der Märchenoper funktionierte Bühnenbildner Oskar Fluri für die «Räuberhochzeit» zum Kurhotel um. Als die Frau des Komponisten (Ruth Iseli) mitsamt Intendanten (Lahor Jakrlin, auch Knecht Franz) auftaucht, muss schnell eine Operette her – die es gar nicht gibt. 

Inbrünstige Gesangseinlage

In Windeseile wird «Die Räuberhochzeit» improvisiert, bei der kein Auge trocken bleibt. In weiteren Rollen brillieren Hanni Fankhauser als Kläri, Elisabeth Badertscher als Willi, Hansruedi Wälti als Joggi und Ruth Iseli als Lina. Die Tannentherapie auf der Moosegg wirkte aufs Publikum mit durchschlagendem Erfolg. Die versierten Schauspielerinnen und Schauspieler verstehen ihr Handwerk bestens. Mit vielen hat Regisseur Simon Burkhalter schon bei der Theatergruppe Signau Erfolge gefeiert. Wirkliche Hauptrollen gibt es nicht, die Spielenden verkörpern ihre Charaktere zum Umarmen. Das Stück besticht durch inbrünstige Gesangseinlagen und aussergewöhnliche Dramaturgie. Während vor der Pause die Handlung eher gemütlich erzähl-plätschert, nimmt die Geschichte nach der Pause rasant Fahrt auf und gipfelt in einer hinreissenden parodistischen Glanzleistung.

Hut ab vor den Darstellerinnen und Darstellern, die es gekonnt schaffen, eine einstudierte Sequenz wie eine zittrige, übermütige Improvisation aussehen zu lassen. Die Inszenierung versprüht soviel Lebensfreude, dass man diese Tannentherapie gerne weitere Male geniessen möchte.

 

Aufführungen: «Die Räuberhochzeit» bis 19. August, Spieldaten www.freilichtspielemoosegg.ch Vorverkauf unter www.tipo.ch


13.07.2017 :: Christina Burghagen
Meistgelesene Artikel
Man vernimmt ja als Kolumnenschreiberling eher selten, ob die Aufsätze überhaupt gelesen...
«Gutes tun, Gutes tun, ist gar nicht schwer. Man kann so viel Gutes tun, zu Hause und im...
Bärn het scho 1524 aui Landständ aagfragt, was sie vo dere Diskussion um die Reformation...
Vor der Sommerpause der Motorraad-Weltmeisterschaft kassierte Thomas Lüthi beim Deutschland-GP...
Nennen wir sie Eva. «Schreib doch darüber», hat mich Eva aufgefordert. Ihr...
Wochen-Zeitung
Brennerstrasse 7
3550 Langnau i. E.
Tel. 034 409 40 01
Fax 034 409 40 09
info@wochen-zeitung.ch
Redaktion: 034 409 40 05
Öffnungszeiten:
Montag - Freitag
07:30 - 12:00 Uhr
13:30 - 17:00 Uhr