Anmelden
Smarpfos

Die Zahl der Menschen, die Informationen und Neuigkeiten dergestalt zurechtbiegen und verinnerlichen, dass diese primär ihr persönliches Weltbild stützen und bestätigen, scheint seit geraumer Zeit grösser zu werden. 

Onkel Theo gehört nicht zu diesen Holzköpfen. Im Gegenteil: Er moduliert sein ureigenes Bild der modernen Weltgemeinschaft an- und ausdauernd und reagiert auf Verlautbarungen denkender Mitmenschen äusserst empfindsam. So hat er vor drei Wochen, nach der Lektüre eines Essays von Frau Berndt in der «Süddeutschen Zeitung», seine Rangordnung der Primaten umgestaltet. Die Reihenfolge der vorderen Ränge lautet neu: Menschen – Menschenaffen – Smarpfos… worunter, so Theo, man menschenähnliche Kreaturen zu verstehen habe, die ohne Smartphone nicht lebensfähig sind und deren irdisches Dasein durch ihre ausgeprägte «Nomophobie» («No-Mobile-Phone-Phobia» – Angst davor, ohne Handy zu sein) schwerst beeinträchtigt ist. (Für den Fall, dass Sie Theos Neuordnung extrem finden, darf ich anfügen, dass mein Onkelchen noch vor einem Monat der festen Überzeugung war, dass Handys eine Entwicklung der Medizinaltechnik sind und daselbst in die Gruppe der Hirnschrittmacher gehören.) 

Theo wäre nicht Theo, wenn er mir die Mutation seiner Primaten-Ordnung nicht ausführlich erläutert hätte. Der durchschnittliche Handybesitzer halte es höchstens 18 Minuten aus, ohne auf sein Gadget zu schauen, er unterbreche dafür x-mal am Tag auch das, was er gerade tue – oder anders gesagt: Die Ablenkung sei umfassend, ständige Erreichbarkeit die Norm, Konzentration zwangsläufig ein Kraftakt und Stress die logische Folge.

Ich habe es tunlichst vermieden, Theo in dieser komplexen Frage mit Nachbohren oder gar Entgegnungen zu provozieren und habe ihm stattdessen noch ein Gläschen von seinem herrlichen Vieille Poire nachgeschenkt – mir auch. Eigentlich habe ich dieses Handy-Gstürm nämlich schon längst satt, und die Smarpfos gehen mir in den allermeisten Lebenslagen sozusagen am Allerwertesten vorbei. Es gibt bloss eine Situation, die mir jeweils ein Höchstmass an Selbstbeherrschung abverlangt – Sie kennen dieses traurige, deprimierende Bild ja auch: Ein Eltern-Smarpfo (leicht vornübergebeugt, Kopf gesenkt, starrer Blick, absorbiert), in der einen Hand sein Mobilgerät, an der andern Hand ein Stünggeler von sagen wir zwei, drei Jahren – eher abgeschleppt als begleitet. Wenn ich so etwas sehe, gerät mein Spenderherz ins Hüpfen. Es möchte knackige Kopfnüsse und saftige Ohrfeigen verschenken.

30.11.2017 :: Dieter Sigrist gerät hie und da in Spenderlaune.
Meistgelesene Artikel
Von Langnau nach Rüegsauschachen: Ein Metzgerwechsel im Jakob-Markt
Zollbrück: 22 Jahre führte Rudolf Lüthi von der «Hübeli-Metzg» in Langnau die...
Wohär chönnt äch dr Ortsname «Fälbe» cho? Villech vo...
Die Zahl der Menschen, die Informationen und Neuigkeiten dergestalt zurechtbiegen und...
Dr Heilig Oswaud isch nid grad e Heilige, wo me im erschte Momänt a ds Ämmitau...
Sollten Sie mich demnächst mit einem grossen Kinderwagen in einem Zug oder Bus antreffen, so...
Wochen-Zeitung
Brennerstrasse 7
3550 Langnau i. E.
Tel. 034 409 40 01
Fax 034 409 40 09
info@wochen-zeitung.ch
Redaktion: 034 409 40 05
Öffnungszeiten:
Montag - Freitag
07:30 - 12:00 Uhr
13:30 - 17:00 Uhr