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Schaler Eindruck
Kolumne: Christina Burghagen:

Wie kreativ Frauen sein können, bewies dieser Tage eine Bahn-Pendlerin im Münchner Umland. Bei jeder ihrer Fahrten strickte sie zwei Reihen an einem Schal. Waren die Züge pünktlich oder lagen die Verspätungen der Deutschen Bahn unter fünf Minuten, wählte sie ein Grau. Bei über fünf bis 30 Minuten verarbeitete sie rosa, rote Wolle wars bei einem Rückstand auf den Fahrplan von über 30 Minuten. 

Leider sind hier keine Fotos vorgesehen. Aber der Verspätungs-Schal lässt sich ja googlen, um ein Bild davon zu sehen. Entstanden ist ein schönes gestreiftes Halstuch. Der irritierende rote Block im Schal sei die Folge der Verstrickungen des verspäteten Schienenersatzverkehrs im Sommer, erklärte die Bayerin. 

Diese handgestrickte Botschaft liesse sich ja prima auch auf die BLS übertragen, wobei ich sicher bin, dass die pünktlich-grauen Streifen weit häufiger zu sehen wären als bei dem Schal aus Bayern. Ich würde noch eine Farbe für Sauberkeit in BLS-Zügen hinzufügen, ein kotzgrün wäre bei Bedarf nett. Dann unbedingt noch Farbtöne je nach Alter des Zugs. Ein frisches Blau für neuwertig, ein rostbraun für uralt. Ich fahre übrigens nicht selten rostbraun.

Prima kann ich mir auch die wollene Aufarbeitung von Missständen in anderen Lebensbereichen vorstellen. Als Angestellte könnte man zum Beispiel der Chefin oder dem Chef einen Pullover stricken. Die Farben Schwarz, Rot und Grün für ungerechtes Verhalten, cholerischen Ausbruch und Harmonie am Arbeitsplatz sollten sich dann wenigstens die Waage halten. Kommt am Ende des Jahres nur ein schwarz-roter Pullover zustande, wäre über eine Kündigung nachzudenken. Erstrahlt der Überzieher in purem Grün, herzlichen Glückwunsch! 

Dieses Gedankenspiel lässt sich vielfältig übertragen. Interessant finde ich, es mir vorzustellen, wie mein Lebensschal 2018 aussehen würde. So ein paar schwarze Balken gab es wohl schon darin. Nachvollziehen lässt sich das im Nachhinein leider kaum. 

Doch wie wäre es, jetzt die Stricknadeln in die Hand zu nehmen und jeden Abend die Gemütsverfassung zu verewigen: Glück – sonnig gelb, Zufriedenheit – hellblau, Enttäuschung – lehmbraun, Krankheit – schwarz, Wut – knallrot. Oder man setzt sich jeden Abend demonstrativ ins Wohnzimmer zum Lebenspartner und verstrickt die Farbe, die man an diesem Tag seiner Beziehung zuordnen möchte. Aber vielleicht ist das gar nicht nötig, denn mal abgesehen von schwerer Krankheit fällt doch jeder Lebensschal, ob mit oder ohne Partner, im besten Fall bunt gestreift aus.

10.01.2019 :: Christina Burghagen
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