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Reise in eine bessere Heimat
Reise in eine bessere Heimat Escholzmatt:

Um das Verständnis für heutige Migranten zu fördern, erforschte Ian Alexis Glanzmann die Entlebucher Auswanderung im 19. Jahrhundert – und entdeckte seine Familiengeschichte.  



Das Projekt «Fokus Maturaarbeit» prämiert seit 2012 die besten Maturaarbeiten an den Gymnasien des Kantons Luzern und präsentiert sie der Öffentlichkeit. Eine dieser Arbeiten, die an der Uni PH Luzern ausgestellt wurde, trägt den Titel «Reise in eine bessere Heimat – Auswanderung aus dem Entlebuch im 19. Jahrhundert».  Der Verfasser, Ian Alexis Glanzmann aus Escholzmatt, ist Student an der Kantonsschule/Gymnasium Plus in Schüpfheim.  

Vom Aus- zum Einwanderungsland

Das Einwanderungsland Schweiz war früher ein Auswanderungsland. Das wurde Ian Alexis Glanzmann erst im Geschichtsunterricht bewusst. Man hört heutzutage ja nur von Einwanderern, und mit denen tut man sich schwer. 49 Luzerner Gemeinden nahmen 2015 zu wenige Flüchtlinge auf und verfehlten ihr Soll. Darum wollte der Student mit seiner Maturaarbeit «Verständnis fördern für die Einwanderung, denn wir wären ja auch froh, wenn wir andernorts aufgenommen würden».  

Das erging sicher auch den Entlebucher Emigranten im 19 Jahrhundert so. Aber warum gingen sie weg? Wo gingen sie hin? Wie lebten sie? Ian Alexis Glanzmann wollte es wissen und begann, zu recherchieren – im Heimatarchiv, im Staatsarchiv, im Entlebucherhaus. In den «Blättern für Heimatkunde» fand er wichtige Dokumente. Hermann Bieri aus Escholzmatt, Kenner der Lokalgeschichte, erschloss ihm viele neue Quellen. Weitere Spuren fand er durch Nachforschungen in seiner Familie. So entstand ein Buch mit 57 Seiten, das in verschiedenen Kapiteln die wirtschaftliche und soziale Situation, Motive, Reisewege und Ziele der Auswanderer beleuchtet und mit der heutigen Migration vergleicht.  

Beschwerliche Reisen

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts verdienten viele Entlebucher ihren Lebensunterhalt als Landarbeiter und Handwerker in Fribourg, im Elsass und in Deutschland. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden Nord- und Südamerika zu beliebten Destinationen, aber auch Australien, Afrika, Osteuropa und Russland. Die technische Entwicklung ermöglichte es erstmals, die ganze Welt zu bereisen. Trotzdem war Reisen noch beschwerlich. So entstanden Agenturen, welche die Ausreise organisierten. «Ob die Leute überhaupt an ihr Ziel kamen, war denen genauso egal wie den heutigen Schlepperbanden», ist Ian Alexis Glanzmann überzeugt. Aber die Emigranten des 19. Jahrhunderts flohen nicht vor dem Krieg. Sie wanderten aus wirtschaftlichen Gründen aus.  

Hungersnot im «Jahr ohne Sommer»

Damals war das Entlebuch eine Agrargesellschaft. Naturereignisse bestimmten Alltag, Leben und Ernährung. Die Kartoffelpest konnte ganze Ernten vernichten. Dramatische Folgen hatte das «Jahr ohne Sommer», das sich 2016 zum 200. Mal jährte. Die Kältewelle, bedingt durch einen gewaltigen Vulkanausbruch in Indonesien, führte zu gravierenden Ernteausfällen und Hungersnöten, die das landwirtschaftlich geprägte Entlebuch hart trafen. 

Sozialversicherungen existierten noch nicht. Die Bevölkerung wuchs. Im Entlebuch, dem Armenhaus der Schweiz, benötigten mehr Leute Unterstützung als anderswo. Die Behörden schoben die Armen ab, indem sie ihnen die Reise nach Übersee bezahlten. Amerika brauchte neue Siedler, die eigene Kolonien gründeten. 

Der Glaube, aus dem Nichts heraus viel erreichen zu können, und der Goldrausch lockten Auswanderungswillige an. Das Kapitel «Geschichte eines Auswanderers» dokumentiert das Schicksal eines Goldsuchers aus Flühli, der seiner Tante in zahlreichen Briefen seine Suche nach dem Glück schilderte, das er nie fand, bis er in Alaska spurlos verschwand. 

Auf den Spuren der eigenen Familie

Ian Alexis Glanzmann aber hat seine eigene Familiengeschichte gefunden und ihr ein eigenes Kapitel gewidmet. Seine Recherchen ergaben, dass Angehörige aus der Familie seiner Urgrossonkel vom Schärlig, Marbach, auswanderten. Er verfolgte die Spuren dieser Migranten und fand deren Nachkommen, zwei Familien in Nordamerika. Da jeder fünfte Amerikaner von Einwanderern abstammt und Ahnenforschung eine amerikanische Leidenschaft ist, waren die beiden Familien hoch erfreut, ihre Schweizer Wurzeln gefunden zu haben. Sie schickten Familienfotos und stehen in regelmässigem E-Mail-Kontakt mit ihrem Verwandten.  

Mit dieser Maturaarbeit qualifizierte sich Ian Alexis Glanzmann für den Wettbewerb «Schweizer Jugend forscht». Er darf an einem Workshop teilnehmen und erhält Unterstützung für die weitere Aus-arbeitung. Nach der RS, die ihm noch bevorsteht, wird er mit dem Studium beginnen. Sein -momentaner Favorit ist das Jurastudium. Nach der intensiven Auseinandersetzung mit seiner Heimat- und -Familiengeschichte käme aber auch ein Geschichtsstudium in Frage.

 


20.04.2017 :: Bernadette Waser
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