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Mit jedem Loch ein neuer Ton
Mit jedem Loch ein neuer Ton Sommerserie "Klingt gut!":

Hanna und Lina lernen Schritt für Schritt die Bambusflöte kennen.
Dabei lernen sie nicht nur spielen, sie bauen ihr Instrument auch selber.

Eine Melodie klingt durch den Raum. Die Töne erscheinen wie eine Frage. Hanna Flückiger nimmt diese auf und antwortet, indem sie auf ihrer Bambusflöte ihrerseits eine kurze Tonfolge improvisiert. Die Achtjährige steht gemeinsam mit ihrer Kollegin Lina Wittwer in einem Übungsraum der Musikschule Oberemmental. Nun schliesst sich ihre Lehrerin Pia Meruvia dem Frage-Antwort-Spiel an; zu dritt beenden sie die kurze Sequenz. Die beiden Musikschülerinnen besuchen den zweijährigen Bambusflötenunterricht. «Das Spezielle an diesem Kurs ist, dass die Kinder ihr Instrument selber bauen und so kennen lernen», erklärt Pia Meruvia. «Wir beginnen mit der Herstellung des Mundstücks, dann folgt Loch für Loch, bis die Flöte fertig ist.» Nach rund eineinhalb Jahren sei die C-Dur-Bambusflöte fertig und zum Abschluss können die Schülerinnen und Schüler ihr Instrument dekorieren. «Für die Kinder ist es immer ein besonderer Moment, wenn wir ein weiteres Loch in die Flöte bohren und sie einen neuen Ton erlernen. Wir feiern für jeden dazugekommenen Ton zur Begrüssung ein kleines Geburtstagsfest.» 

Tanzen wie eine Ballerina

Lina und Hanna bewegen sich stampfend durch den Raum. Pia Meruvia klopft mit Schlaghölzern aus Bambus einen Dreiertakt. «Heute lernen wir einen neuen Notenwert. Stellt euch dazu eine Ballerina vor, die sich in einer Pirouette auf einem Bein dreht und am Schluss auf beiden Beinen steht», schlägt sie ihren Schülerinnen vor. Die beiden Mädchen drehen sich um ihre eigene Achse und zählen dabei laut den Drei-Takt mit. «Ich kenne jemanden, der Ballett tanzt. Sie ist wie eine Prima-Ballerina», erzählt Hanna. Ob die Bekannte auch innerlich auf drei zählt, wenn sie eine Pirouette macht, weiss sie allerdings nicht. «Meine Schüler sind zwischen fünf bis zirka zehnjährig. Zu Beginn können sie meistens noch keine Noten lesen und haben auch von der Musiktheorie wenig Ahnung», weiss Pia Meruvia. Sie beginne mit Kindern, erste Töne auf der Flöte zu erzeugen und helfe ihnen, Grundschlag und Notenwerte zu erfahren oder im Rhythmus zu gehen, zum Beispiel zu einem Vierviertel-Takt, erklärt die ausgebildete Bambusflötenlehrerin und Kindergärtnerin. Das rhythmische Schreiten macht für die Kinder einen neuen Notenwert oder eine neue Taktart erfahrbar.

Bruchteile eines Millimeters entscheiden

Hanna und Lina haben bereits vier von insgesamt sieben Löchern in ihren Bambusflöten. «Das Bauen der Flöte hat mir Spass gemacht und es ist schön, wenn wir ein weiteres Loch für einen neuen Ton bohren», beschreibt die siebenjährige Lina Wittwer. «Die Grobarbeiten machen die Kinder selber. Für die Feinabstimmung des Tones bin ich zuständig, hier entscheiden Bruchteile eines Millimeters, ob der Klang stimmt», sagt Pia Meruvia. Mit dem Bau der Flöte würden sich die Kinder mit dem Instrument einlassen und der Zugang sei so ein ganz anderer, als wie zum Beispiel bei der fertiggekauften Blockflöte. Viele ihrer Schülerinnen und Schüler würden dank diesem spielerischen Zugang zum Notenlesen später zu einem anderen Instrument wechseln. Sie könnten dann richtig mit dem Musikmachen starten, dank der musikalischen Früherziehung auf der Bambusflöte, ist die Kindergärtnerin überzeugt. 

Der Kotelette-Walzer als Eselsbrücke

Wie in der Schule, erhalten die Kinder auch im Bambusflöten-Unterricht Hausaufgaben. Sie habe Glück, denn ihre Mutter spiele Blockflöte und sie könnten gemeinsam üben, berichtet Lina Wittwer. «Ich übe meistens dreimal die Woche. Aber diese Woche hatte ich Stress und es waren nur zweimal», gibt Hanna Flückiger zu. Dann springt sie vom Stuhl und tanzt mit ihrer Kollegin und ihrer Lehrerin einen Walzer – natürlich im Dreivierteltakt. «Das ist ja genau der Rhythmus vom ‹Kotelette-Walzer›», stellt Lina Wittwer glücklich fest. 

Dank der neuen Eselsbrücke werden die beiden Flötenspielerinnen den neuen Takt nicht mehr so rasch vergessen. 


Klingt gut – Wir stellen nicht ganz alltägliche Instrumente vor, beispielsweise nächste Woche den Dudelsack. Bereits erschienen sind Beiträge über die Oboe und das Cajon, nachzulesen unter: www.wochen-zeitung.ch/klingtgut

«Es kann beim Bauen schon mal was schiefgehen»

Die Bambusflöte zeichnet sich durch einen warmen, leisen Ton aus. «Sie würde in einem Orchester untergehen. Es gibt aber Erwachsenen-Ensembles, die auch in Begleitung einer Harfe oder einem Klavier spielen», erläutert Bambusflötenlehrerin Pia Meruvia. Für die Herstellung der Flöte wird das gewünschte Stück einer Bambusstange abgesägt. Die Länge, der Durchmesser und die Wanddichte entscheidet darüber, ob daraus beispielsweise eine Sopran- oder eine Tenorflöte entsteht. Es könne beim Bohren und Ausfeilen der Tonlöcher schon mal etwas schiefgehen und der Skalenton nicht stimmen, sagt Pia Meruvia. Dann bestehe die Möglichkeit, das Stimmloch wieder zu verschliessen und ein neues zu bohren, beschreibt sie. Diese Flickstellen könnten beim späteren Dekorieren kaschiert werden. 

Missgeschicke ausbessern

Da es sich beim Bambus um ein Naturprodukt handelt, können sich immer unsichtbare Spannungen im Holz verbergen, die beim Bearbeiten zu einem Spalt führen. «Auch solche Missgeschicke können wir mit einem Kleber behandeln und die Flöte retten», weiss Pia Meruvia aus Erfahrung.  Wie alle Hölzer reagiert auch Bambus auf veränderte Temperaturen. Kalte Flöten sollten immer langsam eingespielt werden, um Schäden zu vermeiden. 

26.07.2018 :: Veruschka Jonutis
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