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Mit «Co-Teaching» den Mangel an Heilpädagogen überbrücken
Mit «Co-Teaching» den Mangel  an Heilpädagogen überbrücken Kanton Bern:

An Volksschulen sollen Lektionen, welche bisher ausschliesslich für die individuelle Förderung bestimmt waren, künftig auch für «Co-Teaching» verwendet werden dürfen. 

Schon heute unterrichten manchmal zwei Lehrkräfte gemeinsam eine Klasse; etwa in der Basisstufe oder bei sehr grossen Klassen – «Team-Teaching» wird dies genannt. Die Änderung, welche die Erziehungsdirektion nun vorsieht, betrifft nicht diese Unterrichtsformen, sondern die «besonderen Massnahmen». «In letzter Zeit wurde mehrfach der Wunsch an die Erziehungsdirektion herangetragen, zur Unterstützung lernschwächerer Schülerinnen und Schüler auch ein Unterrichten von zwei Regellehrpersonen zu ermöglichen», hielt Erziehungsdirektor Bernhard Pulver an einer Medienkonferenz fest. Mit der Änderung der «Verordnung über die besonderen Massnahmen in der Volkschule» will die kantonale Erziehungsdirektion (ERZ) die gesetzlichen Voraussetzungen schaffen.  

Zu wenige Heilpädagoginnen 

Obwohl heute vorgesehen wäre, dass sich heilpädagogische Fachpersonen um einzelne Schülerinnen und Schüler kümmern, trifft dies nicht immer zu – weil es zu wenige Heilpädagoginnen und Heilpädagogen gibt: Nur 60 Prozent der Lektionen bei der Integration von Schülerinnen und Schülern werden kantonsweit von  heilpädagogischen Fachpersonen erteilt, war an der Medienkonferenz zu erfahren. Die restlichen 40 Prozent würden meist von Lehrkräften geleistet. Heilpädagogen sind also Mangelware und das «Co-Teaching» eine Möglichkeit, das Problem zu beheben. Es gebe durchaus Situationen, in denen es von Vorteil sei, wenn nicht nur mit einzelnen Schülerinnen und Schülern gearbeitet werde, sondern mit der ganzen Klasse, erklärte Erwin Sommer, Vorsteher des Amtes für Kindergarten, Volksschule und Beratung. «Co-Teaching» könne auch Schülerinnen und Schülern ohne Beeinträchtigung helfen, selbständiger zu werden – was schliesslich der gesamten Klasse zugute komme.»

Viel weniger «besondere Klassen» 

Regierungsrat Pulver betonte, dass die Schulen bereits heute viele Möglichkeiten haben, sich zu organisieren – auch beim Lektionenpool «besondere Massnahmen». «Insbesondere die schulische Integration wurde in letzter Zeit wieder vermehrt diskutiert», berichtete Pulver. Auf der einen Seite würden mehr Ressourcen gefordert, auf der anderen Seite die Rückkehr zu Kleinklassen. In der Tat sei die Zahl der «besonderen Klassen» (ehemals «Kleinklassen») seit der Einführung der Verordnung über besondere Massnahmen vor zehn Jahren im Kanton Bern von 411 auf 140 gesunken. Hinter dieser Entwicklung stecke aber kein Zwang seitens des Kantons, betonte Bernhard Pulver. «Die Gemeinden können selber entscheiden, welche Kombination in ihrer Situation die beste ist.» Dieses System habe sich bewährt. Auch seien die heutigen Ressourcen ausreichend, ist Bernhard Pulver der Meinung. Künftig wird nicht mehr Geld zur Verfügung stehen: Der Grosse Rat hat den Kos-tenzuwachs bei den pädagogischen Massnahmen im jüngsten Sparpaket begrenzt. 

Die Anpassung der Verordnung über die besonderen Massnahmen soll bereits auf das kommende Schuljahr in Kraft treten.

«Beide Systeme sind gleichwertig»

Auch im Emmental hätten die Schulen oft Mühe, genügend ausgebildete Heilpädagogen zu finden, sagt Therese de Bruin-Krebs, Schulinspektorin im Kreis 9, welcher 15 Gemeinden im Ober-emmental umfasst. Dies sei selbst dann der Fall, wenn mehrere Schulen zusammenarbeiten würden und dadurch grössere Pensen anbieten könnten.  

Die Zahl der «besonderen Klassen» ist auch im Emmental stark gesunken. «Die Gemeinden mussten sich 2008 entscheiden, ob sie ein Modell mit oder ohne ‹besondere Klassen› wollen. Beide Modelle sind als gleichwertig definiert», sagt Therese de Bruin-Krebs. Wichtig sei, dass die Entwicklung des Kindes von der Lehrkraft und den Eltern reflektiert werde. Nur so könne die Hilfeleistung bestimmt werden, welche am besten sei. 

 

«Es braucht mehr Heilpädagoginnen»

«Wir haben ein gewisses Verständnis für die kurzfristige Einführung des ‹Co-Teachings›», sagt Michael Gerber, Kommunikationsbeauftragter der Pädagogischen Hochschule Bern. «Wenn zu wenig heilpädagogisches Fachpersonal zur Verfügung steht, müssen die Schulen nach anderen Lösungen suchen.» 

Längerfristig aber müsse es das Ziel sein, mehr Heilpädagoginnen und Heilpädagogen auszubilden. In den letzten fünf Jahren hat die Zahl der Abschlüsse sogar leicht abgenommen. Der Trend scheint aber gebrochen: Bei den Studierenden am Institut für Heilpädagogik steigen die Zahlen. Ab Sommer werden zudem die Zulassungsbedingungen angepasst, indem nicht mehr ein Lehrerdiplom nötig ist. Künftig steht diese Ausbildung auch anderen Personen offen; etwa Psychologen oder Logopädinnen.  

 

08.02.2018 :: Bruno Zürcher
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