Anmelden
Mit allen Sinnen auf Empfang
Mit allen Sinnen auf Empfang Asperger-Syndrom: Das Leben mit einem Kind mit dem Asperger-Syndrom fordert die ganze Familie. Eine Mutter erzählt von ihren Erfahrungen und hofft, dass im Emmental bald eine Selbsthilfegruppe entsteht.

Menschen, die das Asperger-Syndrom haben, nehmen die Welt anders wahr. Umwelteinflüsse prasseln ungefiltert auf sie ein. Sie reagieren und kommunizieren anders, was zu Missverständnissen und Unverständnis bei den Mitmenschen führen kann.  

All dies erleben Alina und Jan Graber tagtäglich mit ihrem elfjährigen Sohn Luca (alle Namen geändert), der diese Form des Autismus hat (siehe Kasten). Das beginnt schon am Morgen. Die Kleider liegen bereit und Luca zieht sich selbständig an. Doch das kann dauern. Da drückt die Naht einer Socke etwas. Er zieht sie wieder aus und nimmt eine neue – einmal, zweimal, manchmal auch dreimal. Kurz darauf kommt die Katze ins Zimmer und die muss gestreichelt werden. Erst dann kann er den Pulli überstreifen. «Luca ist sehr schnell auf etwas anderes als seine eigentliche Aufgabe fokussiert. Er muss sich dann zuerst dem Neuen widmen und das abschliessen, bevor es weitergeht», beschreibt Alina Graber eine Alltagssituation. 

Ticks und harte Arbeit

Nun ist Luca fertig angezogen und geht in die Küche. Das Frühstück steht bereit, der Teller ist abgedeckt mit einer Haube. Nur so kann er sicher sein, dass nichts sein Essen berührt und verunreinigt hat, etwa ein Fussel oder ein Insekt. Er trinkt Milch aus dem Glas und stellt es hin. Wenn er jetzt kurz auf die Toilette muss und wieder an den Tisch zurückkehrt, weiss seine Mutter, dass er das Glas nicht mehr berühren wird. Jemand könnte daraus getrunken haben. «Luca hat seine Eigenheiten, seine Ticks. Dagegen kommt man nicht mit Vernunft und gutem Zureden an.» Der Wecker in der Küche klingelt, das Zeichen für Luca, die Zähne zu putzen. Dass dies nun klappt, war ein hartes Stück Arbeit, denn er findet Zähneputzen unnötig. Bis jetzt hatte er auch noch nie ein Loch. Zusammen mit der Psychologin hätten sie Lösungen erarbeitet, erzählt Alina Graber. Schliesslich sei es gelungen, mit dem Wecker das Zähneputzen zu trainieren. Anderes ist schwieriger, braucht mehr Zeit. Zum Beispiel die Sache mit den Insekten. «Ist ein Insekt im Raum, sei es auch nur ein winzig kleines, geht bei Luca gar nichts mehr. Dann ist er total darauf fixiert und es muss entfernt werden.» Alina Graber hat schon stundenlang Fruchtfliegen und Mücken gejagt, auch nachts.  

Kurz vor dem Schulausschluss

Einen Namen für Lucas manchmal sonderbares Verhalten haben die Grabers erst seit drei Jahren. Zuvor sei bei Kindergärtnerinnen und Lehrern immer ADHS im Vordergrund gestanden. «Luca wurde dreimal abgeklärt – ohne Ergebnis.» Die Probleme in der ersten und zweiten Klasse waren gross. Luca eckte an, konnte nicht integriert werden. Er wurde immer unzufriedener bis hin zur Aggression und stand kurz vor dem Schulausschluss. Erst nach einem Umzug und dem Schulwechsel kam man der Sache auf die Spur. «Eine Heilpädagogin äusserte die Vermutung, dass Luca das Asperger-Syndrom habe; das hat sich bewahrheitet», blickt die Mutter zurück. Seitdem unterstützt eine Heilpädagogin ihn im Rahmen der integrativen Förderung in einigen Lektionen in der Klasse und arbeitet auch separat mit ihm. «Er hat Riesenfortschritte gemacht», freut sich Alina Graber. Er sei gelassener geworden, könne Aufträge besser annehmen und selbständiger arbeiten. 

Umfeld angepasst und informiert

Lucas Arbeitsumfeld in der Schule wurde angepasst. Ein Paravent schirmt sein Pult ab. Arbeitet er für sich, trägt er einen Gehörschutz, der die Hintergrundgeräusche ausblendet. Das sei hilfreich, weil er alle Sinneseindrücke ungefiltert und gleichzeitig wahrnehme, erklärt Alina Graber. Was er sieht, hört, riecht oder spürt, erfordere gleichermassen seine Aufmerksamkeit. «Er ist ständig auf Empfang.» Weil es ihn überfordert und blockiert, ein ganzes Math-Buch mit Aufgaben vor sich zu haben, kopieren die Lehrer die Aufgaben heraus, die er lösen muss. Prüfungen kann er auch mündlich ablegen. Sein Schulstoff ist reduziert und er ist von den Hausaufgaben befreit. «Das hat viel Stress und Konfliktpotenzial weggenommen», betont die Mutter. Luca arbeitet langsam. Als er in der 1. Klasse den Buchstaben A schreiben musste, schaffte er drei, vier Zeilen, während andere Schüler eine ganze Seite füllten. Dafür waren seine «A» absolut perfekt. Jeder gleich gross und genau auf der Linie. «Wenn ihn etwas interessiert, verliert er sich», beschreibt Alina Graber eine weitere Eigenheit ihres Sohnes. Das Ehepaar hat sich dazu entschieden, die Klassenkameraden und deren Eltern über das Asperger-Syndrom und Lucas spezielles Verhalten zu informieren. Sie bereuen es nicht. «Unser Sohn ist heute ein vollwertiges Mitglied im Klassenverband. Seine Schulkollegen akzeptieren ihn und seine Eigenheiten.» 

Keine Chance mit Druck und Zwang

Luca hat zwei Freunde, die sein Interesse für alles, was mit Militär zu tun hat, teilen. Auch das zeichnet viele Menschen mit dem Asperger-Syndrom aus: Sie haben einen Interessenkreis, oft im Bereich der Technik, dem sie sich voll und ganz widmen. Luca sei mit seinem Spleen auch schon angeeckt, weil Erwachsene das Thema Militär sofort mit Krieg in Verbindung setzten, erzählt die Mutter. Anecken würden auch sie als Eltern zuweilen. «Ihr lasst zu viel laufen und fordert zu wenig Disziplin», werfe man ihr und ihrem Mann etwa vor. Andere meinten, dass Asperger derzeit gerade «in» sei, eine Mode-Diagnose sozusagen, und nicht so schlimm. «Solche Äusserungen sind für uns sehr verletzend», betont Alina Graber. Es sei halt oft nach aussen nicht sichtbar, wie herausfordernd sich das Leben mit einem Asperger-Kind gestalte, auch in ganz banalen Alltagssituationen. «Wenn andere Familien in den Ferien spontan in den Zoo gehen, würde das bei uns eine Krise auslösen», nennt sie ein Beispiel. Ihr Sohn brauche klare Strukturen und einen geregelten Tagesablauf, das bedeute, dass sich die ganze Familie ein Stück weit anpassen müsse. «Mit Druck und Zwang etwas erreichen zu wollen, ist kontraproduktiv.» 

Sich austauschen gibt neue Kraft

All diese kleinen und grösseren Anpassungen und Erschwernisse im Alltag benötigten viel Kraft. Manchmal sei sie am Abend total erschöpft, gibt die Mutter zu. Auch Selbstvorwürfe seien ihr nicht unbekannt: das Gefühl, versagt zu haben, die Angst, etwas falsch gemacht, etwas verpasst zu haben. Dies auch besonders im Hinblick auf die ältere Tochter, die nicht zu kurz kommen soll. Seit einiger Zeit verbringen Mutter und Tochter einen Tag im Monat nur zu zweit. Unterstützung bietet auch die Selbsthilfegruppe, die sie in Langenthal besucht. «Hier weiss jeder, wovon man spricht, niemand muss sich erklären. Sich auszutauschen oder ein Thema zu besuchen.

Die Welt bleibt für Autisten oft unverständlich

Der Begriff Autismus kommt aus dem Griechischen und bedeutet «sehr auf sich bezogen sein». Menschen mit Autismus nehmen aufgrund ihrer anders verlaufenden Vernetzungen des zentralen Nervensystems sich und die Welt anders wahr. Sie haben vor allem Schwierigkeiten, Bedeutungen und Regeln innerhalb von Kommunikation und sozialem Verhalten zu erkennen. So bleibt die Welt für sie oft unverständlich, überwältigend und angstauslösend. Im Unterschied zu den anderen Formen des Autismus sind beim Asperger-Syndrom in den ersten Lebensjahren kaum Einschränkungen festzustellen. In vielen Fällen sind Betroffene in ihren Bewegungen etwas ungeschickt. Sie können zudem überempfindlich reagieren, so beispielsweise auf grelles Licht, Geräusche oder Berührungen. Bei Kindern zeigen sich überdies oft Hyperaktivität und Konzentrationsstörungen, auch Tic-Störungen können vorkommen. Bei Jugendlichen und Erwachsenen sind zudem Depressionen oder auch Zwangsstörungen möglich.

 

Quelle: www.autismuslink.ch

 

14.03.2019 :: Silvia Ben el Warda-Wullschläger
Meistgelesene Artikel
Kolumne - Martina Jod: Inmitten meines traditionellen Frühlingsputzes gönne ich mir eine Kaffeepause und...
«Wir haben gelernt, wieder aufzustehen»
SCL Tigers: Vor dem sechsten Spiel der Playoff-Serie heute Abend gegen Lausanne spricht Tigers-Captain Pascal...
Nun warten die Sieger in Ost und West
Eishockey, 2. Liga: Freimettigen siegte in den Playoffs und spielt nun als Gruppensieger Zentralschweiz um den...
Auszeit: Manchmal habe ich Albträume. Vermummte Gestalten stürmen das Haus und schiessen um sich....
Hier blüht dem Allergiker etwas
Pollengitter und Haarewaschen: Für viele Allergiker beginnt mit dem ersten Pollenflug ein Leidensweg. Eine Betroffene...
Wochen-Zeitung
Brennerstrasse 7
3550 Langnau i. E.
Tel. 034 409 40 01
Fax 034 409 40 09
info@wochen-zeitung.ch
Redaktion: 034 409 40 05
Öffnungszeiten:
Montag - Freitag
07:30 - 12:00 Uhr
13:30 - 17:00 Uhr