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Liebe Kollegen

Nennen wir ihn Otto. Otto sieht schrecklich aus. Seine linke Gesichtshälfte ist aufgedunsen, das Sprechen fällt ihm schwer. «Isch habe eine Entschündung», sagt er, seine Aussprache kommt einem meteorologischen Starkregen sehr nahe, ich weiche unwillkürlich zurück. Doch mit Wetterprognosen hat Otto nichts zu tun, als Professor unterrichtet er angehende Zahnärzte. «Allesch liebe Kollegen», sagt er über seine Studentinnen und Studenten.

In unserem Seminarhotel leitet er eine Weiterbildung zum Thema «Das Verhältnis zwischen Arzt und Patient». Vertrauen und Reschpekt sei wichtig, belehrt er mich. «Ohne dasch geht esch nicht.» Wie sein Vortrag angesichts seines jetzigen Sprachfehlers bei den Seminarteilnehmenden ankommen werde, das sei ihm schleierhaft, gesteht er. «Dasch macht mir schon etwasch Kopfzerbreschen.»

Eigentlich hätte Otto schon lange zum Zahnarzt gehen sollen, der Weisheitszahn plagt ihn seit Tagen. Nach jahrzehntelanger Praxis als Zahnarzt und als Professor für Zahnmedizin weiss Otto genau, von was er spricht. Durch den fehlenden Platz habe sich der Zahn leicht auf die Seite verschoben, habe das Zahnfleisch gequetscht, die so entstandene Entzündung habe sich ausgeweitet und strahle in den Zahnhals und noch weiter in das Zahnbett aus. So genau wollte ich das gar nicht wissen, allein das Zuhören bereitet mir Zahnschmerzen.

Was ihn denn davon abgehalten habe, früher zum Zahnarzt zu gehen, will ich wissen. Nun, das sei eben so eine Sache mit den lieben Kollegen, verrät er mir. Aus seiner Erfahrung wisse er, wie schnell jemandem auch in diesem Gewerbe ein Fehler unterlaufen könne, auch habe er mehr als genug seiner eigenen Patientinnen und Patienten leiden gesehen, wenn man zu nahe an den Entzündungsherd gerate. Allein diese Vorstellung habe ihn bis anhin davon abgehalten, zum Zahnarzt zu gehen.

Nun, Otto hält seinen Vortrag, die Teilnehmenden haben volles Verständnis für seine Sprachschwierigkeiten, viele können seine Pein nachempfinden. Weniger gut kommen bei ihm in der Pause die vielen gut gemeinten, fachlich durchaus versierten Ratschläge an. Irgendwann hat Otto genug, denkt sich eine zeitraubende Gruppenarbeit aus, lässt die Teilnehmenden alleine daran arbeiten, schwingt sich in sein Auto und fährt in die nächstgelegene Zahnarztpraxis. Eine Stunde später kommt er zurück, Otto sieht gar nicht glücklich aus. «Wie wars», will ich teilnahmsvoll wissen. «Frag nischt», sagt er, «isch mag liebe Kollegen gar nischt.» Ja, ja, denke ich, auch Zahnärzte habens nicht einfach. Das wiederum hat etwas Tröstliches.

02.11.2017 :: Roland Ducommun Oberthal
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