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Langlebige Kühe schonen die Umwelt
Langlebige Kühe schonen die Umwelt Gysenstein:

Wenn Kühe grasen, produzieren sie nicht nur Milch, sondern auch das Treibhausgas Methan. Für das Klima schonend sind Kühe, die länger leben. Das zu erreichen ist nicht einfach.

«Die Kuh heisst ‹Night› weil sie nachts geboren wurde», erklärt Rahel Joss, Bäuerin in Gysenstein. Der besondere Name macht die Kuh nicht klimafreundlicher – vielmehr machen es «innere Werte» aus. Rahel Joss verspricht sich von «Night», dass sie länger Milch geben wird, als dies der Durchschnitt ihrer Kühe bislang tat. Auf dem Familienbetrieb in Gysenstein produzieren die Kühe während rund drei Jahren Milch, dann ist Schluss. Dies will Rahel Joss ändern – und damit das Klima schonen. 

Mehr Produktionsjahre sind das Ziel

Wie das? Bis ein Rind erstmals kalbt und damit die Milchproduktion startet, dauert es rund zweieinhalb Jahre. Schon als Kalb stossen die Tiere vom Treibhausgas Methan aus. Können die Kühe nun länger Milch produzieren, so «verteilt sich der Ausstoss auf eine längere Zeit und eine grössere Milchmenge», lautet die Idee der Initianten. Diese sind die Milchhandelsunternehmen Aaremilch mit 46 Bauernbetrieben, Nestlé Schweiz, welche die Milch verarbeitet sowie das Bundesamt für Landwirtschaft.  

Nestlé Schweiz verarbeitet jährlich rund 120 Millionen Kilogramm Schweizer Milch, wie Daniel Imhof, Leiter Landwirtschaft von Nestlé Schweiz, an der Pressekonferenz in Gysenstein erklärt. 86 Prozent davon werden konventionell produziert, vier Prozent sind Bio-Milch und zehn Prozent Milch von Landwirtschaftsbetrieben, die nach den Richtlinien von IP-Suisse arbeiten. Zu Letzteren  gehören die 46 Betriebe, welche sich seit 2017 am Pilotprojekt «klimafreundliche Milch» beteiligen. Nestlé sei interessiert an solcher Milch, weil das Ziel des Nahrungsmittelskonzerns laute, den Ausstoss von Treibhausgasen um die Hälfte zu senken und dazu gehöre auch die Produktions der Rohstoffe, erklärt Imhof.

Senkung um zehn Prozent erreicht 

Im ersten Jahr ist es den 46 Betrieben gelungen, den Ausstoss des Treibhausgases Methan im Schnitt um zehn Prozent zu senken. Rahel Joss hat dies auf ihrem Betrieb konkret erreicht, indem sie ihre Herde angepasst hat: «Die Kuh, die ich anstrebe, ist etwas leichter und mehr bemuskelt», erklärt sie auf der Weide stehend. Die Familie Joss setzte bislang vor allem auf Kühe der Rasse Red Holstein. Diese sind grösser, können mehr Nahrung aufnehmen und geben pro Saison mehr Milch. «Die Red Holstein-Kühe sind aber auch anspruchsvoller, was die Fütterung und die Pflege anbelangt», erklärt Joss. Von den etwas kleineren und pflegeleichteren Fleckviehkühe verspricht sie sich auch Kosteneinsparungen: So will sie beispielsweise auf die Anschaffung eines teuren Futtermischwagens verzichten und den Anteil von Kraftfutter weiter verringern. 

Die 23 Kühe, welche die junge Bäuerin nun hält, geben etwas weniger Milch – weil diese klimafreundlicher hergestellt wurde, erhält sie einen etwas höheren Preis. Bis Ende 2017 wurde pro Kilogramm Milch eine Prämie von drei Rappen bezahlt, seit diesem Jahre erhalten die 46 Milchproduzenten eine Betriebs- und eine Leistungsprämie, welche von der erzielten Reduktion von Treibhausgasen abhängig ist. 

Forschen an der Fütterung

Nebst der Langlebigkeit der Kühe werden in Zukunft auch Optimierungen bei den Futtermitteln und Fut-terzusätzen angestrebt, wie an der Presse-konferenz zu erfahren war. Studenten der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften haben sich der Thematik angenommen. Insgesamt lautet das Ziel des Projekts, bis 2030 bei der klimafreundlichen Milchproduktion den Ausstoss von  Treibhausgasen um 20 Prozent zu senken. 

Das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) beteilige sich am Pilotversuch, «weil dieser die gesellschaftliche Forderung nach einer umweltfreundlichen Produktion aufnehme und zudem die im Vergleich zum Ausland qualitätsvolle Milchproduktion noch verbessere», erklärt Adrian Aebi, Vizedirektor des BLW. Für die Schweizer Landwirtschaft sei es unabdingbar, Mehrwerte zu schaffen – im hiesigen Kostenumfeld sei es sonst unmöglich, mit der ausländischen Konkurrenz mitzuhalten, hält Adrian Aebi fest. Beim Tierwohl nehme die Schweiz heute bereits eine Vorreiterrolle ein. Was die Lebensdauer von Milchkühen betrifft, weise die Schweiz ähnliche Zahlen wie die umliegenden Länder auf, erklärt der Vizedirektor des BLW auf Anfrage. «In den USA beispielsweise lebt eine Milchkuh aber viel weniger lange.» 

Auf Langlebigkeit gezüchtet

Die Journalisten konnten in Gysen-stein auch Kühe begutachten, welche überdurchschnittlich robust und langlebig sind: jene von Andreas Hutmacher. Sein Betrieb liegt unmittelbar neben jenem von Rahel Joss; die beiden Familien arbeiten eng zusammen. «Ich bin seit rund 40 Jahren Bauer und hatte immer Simmentaler Kühe.» Rechnet man das Durchschnittsalter seiner Kühe aus, kommt man auf hohe 6,3 Jahre. «Die Älteste ist die dort hinten», berichtet der Bauer und zeigt auf eine falbe Kuh, ganz hinten auf der Weide. «Sie ist jetzt 14-jährig.» Er gibt zu, dass er in Zeiten, in denen hauptsächlich möglichst hohe Milchleistungen angestrebt worden seien, auch mal belächelt worden sei, weil er die alte Zweinutzungsrasse Simmental gehalten habe. «Für mich hat das aber immer gestimmt», meint er. Andeas Stämpfli von «Aaremilch», welcher die Zahlen der 46 Pilotbetriebe kennt, bestätigt, dass Hutmachers Kühe robust sind: «Mit über vier Laktationen pro Kuh sind seine Werte ausserordentlich hoch.» 

«Ich gebe ihr noch eine Chance»

Wie schafft man das? Das sei gar nicht so einfach, meint Andreas Hutmacher übereinstimmend mit Rahel Joss. «Viele Faktoren spielen eine Rolle. Man kann bei der Genetik Einfluss nehmen», erklärt die junge Bäuerin. «Dann spielt aber auch die Haltung, beispielsweise die Einrichtung des Stalls, oder das Weidemanagement und der Umgang mit den Tieren eine Rolle.» Trotz vieler Zahlen, welche heute erhoben werden können, handelt es sich bei den Kühen um Individuen: «Die junge Kuh dort», sagt der routinierte Bauer Hutmacher, «hat in der ersten Laktation weniger Milch gegeben als erwartet. «Ich gebe ihr aber noch eine Chance.»

05.07.2018 :: Bruno Zürcher
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