Anmelden
Kirschessigfliege: Entweder die Bäume ausreissen oder viel Geld investieren
Kirschessigfliege: Entweder die Bäume ausreissen oder viel Geld investieren Zäziwil:

Die Familie Grunder will einen hohen Zaun errichten, um ihre Kirschen und Zwetschgen zu schützen. Ohne das dünnmaschige Netz ist die gesamte Ernte in Gefahr. 



Man könnte meinen die Grunders fürchten sich vor Giraffen. Die eingerammten, massiven Holzpfähle ragen 3,5 Meter in die Höhe. Dabei ist das Tier, das den Zaun nötig macht, klitzeklein: nicht grösser als drei Millimeter. Die Kirschessigfliege, im Fachjargon Drosophila suzukii genannt. Sie kann sich rasend schnell vermehren – bei günstiger Witterung ist die nächste Generation innert zweier Wochen geschlüpft. Damit die Fliege nicht zu den Kirschen und Zwetschgen gelangen können, werden die Grunders an den Holzpfählen ein Netz montieren. Dessen Maschen haben einen Durschmesser von lediglich einem Millimeter, was selbst für die kleine Fliege ein Hindernis darstellt. Oberhalb der Bäume reichen die bestehenen, grobmaschigeren Hagelnetze. «Die Kirschessigfliege hat wohl Höhenangst, denn sie fliegt nicht sehr hoch», meint Urs Grunder, der den Obstbaubetrieb in Lenzligen bei Zäziwil gemeinsam mit seinem Sohn, Fabian, führt. 

Bis 20’000 Franken pro Hektare 

Die Bauernfamilie hat im Prinzip nur zwei Möglichkeiten für die Zukunft ihrer Kirschen- und Zwetschgenbäume: Ausreissen oder in einen Zaun investieren. «Man rechnet mit 15’000 bis 20’000 Franken pro Hektare», weiss Urs Grunder, welcher viele Berufskollegen mit dem gleichen Problem kennt. Die Anlage unmittelbar an der Kantonsstrasse zwischen Grosshöchstetten und Zäziwil misst rund eine halbe Hektare. Urs und Fabian Grunder versuchen die Investitionskosten einzudämmen, indem sie möglichst viele Arbeiten selber ausführen. «Es ist eigentlich aufwändiger, eine bestehende Anlage mit dem Netz gegen die Fliegen auszurüsten als eine Neuanlage», meint Fabian Grunder. Wird heute eine Anlage mit Steinobst oder Beeren angelegt – ist der Zaun ringsum mit dem dünnmaschigen Netz Standard. 

Die Kirschessigfliege verschmäht an sich nur Apfel und Birnen, weil deren Haut zu stark ist. Deshalb sind auch Hausgärten und Hochstammbäume stark von der Kirschessigfliege betroffen. «Weil etwa Himbeeren oft von der Staude weg gegessen werden, merken viele nicht, dass die Früchte betroffen sind, zumal der Essiggeschmack nicht sofort spürbar ist», sagt Urs Grunder. 

Die halbe Ernte weggeworfen 

Die Kirschessigfliege ist erst vor einem halben Dutzend Jahren in der Schweiz aufgetaucht. «2013 waren bei uns erste Bäume betroffen», erinnert sich Urs Grunder. Die Ausfälle waren nicht immer gleich gross. «Das vergangene Jahr war sehr schlecht», berichtet der erfahrene Obstbauer. «Wir warfen rund die Hälfte der Kirschen ins Güllenloch.» Dort entsorgt hätten sie die Früchte, um sicher zu gehen, dass die Larven in den Früchten nicht schlüpfen und sich die Fliegen weiter vermehren. Um möglichst alle Tiere zu vernichten, haben die Grunders penibel alle Früchte abgelesen, obwohl diese nicht einmal zur Produktion von Schnaps taugten. Wie die Bezeichnung Kirschessigfliege andeutet, schmecken die Früchte nach dem Befall nach Essig. «Die Hygiene ist sehr wichtig», ergänzt Fabian Grunder. Damit sich die Fliegen innerhalb des Zaunes nicht vermehren und die leckeren Früchte befallen, muss die Anlage zwingend fliegenfrei sein. Mit Fallen sollen die noch vorhandenen Kirschessigfliegen gefangen werden. Auch müssen – wie in den letzten Jahren auch – alle Früchte gepflückt werden; auch jene, welche Mängel aufweisen und nicht als Tafelfrucht in den Verkauf gelangen. «Früher haben wir eine angefaulte Kirsche einfach auf den Boden geworfen», erklärt Urs Grunder. «Heute haben wir bei der Ernte zwei ‹Chrätten› umgebunden; einen für die schönen und einen für die mangelhaften Früchte.» Besonders wichtig ist, dass das Netz stets geschlossen ist. Beim Eingang wird ein Schleuse angebracht, welche automatisch schliesst. Auch wenn sie mit dem Traktor in die Anlage fahren, muss die Schleuse passiert werden. Dank dem Netz rundherum werden die Obstbauern weniger Pflanzenschutzmittel einsetzen müssen – denn auch andere Schädlinge wie die gewöhnliche Kirschenfliege werden am Einflug gehindert. Gegen ihre schlimmere «Schwester», die Kirschessigfliege, gibt es indes kein wirksames Mittel. «Ich habe letzten Sommer ein biologisches Mittel eingesetzt, was aber nichts genützt hat», sagt Urs Grunder. 

Nun doch ein Baugesuch

Nun hoffen Urs und Fabian Grunder, dass sie das Netz rechtzeitig montieren können. Bis Mitte Mai muss dieses angebracht sein. Noch liegt die Baubewilligung nicht vor. Urs Grunder hatte sich erkundigt, ob er überhaupt ein Baugesuch einreichen müsse. Bei einer Anlage von einer halben Hektare sei dies nicht nötig, hatte er in Erfahrung gebracht. Erst später wurde er vom Kanton darauf aufmerksam gemacht, dass dennoch ein Gesuch erforderlich ist, weil es sich nicht um eine Neuanlage, sondern um das Nachrüsten einer bestehen Obstanlage handelt – nun, den Kirschessigfliegen dürfte dieser Unterschied egal sein. 



13.04.2017 :: Bruno Zürcher
Meistgelesene Artikel
Die beiden Brüder geben Vollgas
Zäziwil: Die beiden Brüder Yanick und Lars Oppliger haben ein nicht alltägliches Hobby: Mit ihrem...
«Hilfeeeeee...» Kurz bevor der Wecker klingelte, sass ich kerzengerade mit...
Er: «Schaatz, machst du mir bitte einen Kaffee?»  Sie: «Tut mir leid, ich...
Im Septämber wirde ni zäme mit em Ruedi Bieri afe einisch zeige, was mir i de letschte...
Ende Mai ging für meinen Club Turbine Potsdam die Saison zu Ende. Direkt rückte ich ins...
Wochen-Zeitung
Brennerstrasse 7
3550 Langnau i. E.
Tel. 034 409 40 01
Fax 034 409 40 09
info@wochen-zeitung.ch
Redaktion: 034 409 40 05
Öffnungszeiten:
Montag - Freitag
07:30 - 12:00 Uhr
13:30 - 17:00 Uhr