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«Jetzt muss ich Gas geben beim Lernen»
«Jetzt muss ich Gas geben beim Lernen» Motorsport:

Den Titel in der Moto2-Klasse musste Tom Lüthi frühzeitig abschreiben. Dank der insgesamt konstanten und erfolgreichen Saison, wartet nun das Abenteuer MotoGP auf ihn. 

16 Grand Prix ist Thomas Lüthi dieses Jahr gefahren, bei zehn davon stand er auf dem Podest. Die Saison endete für den 31-jährigen Emmentaler abrupt, als er in der Qualifikation zum vorletzten WM-Lauf in Malaysia stürzte, sich das Sprungbein am linken Fuss brach und so das Titelduell in der Moto2 gegen den späteren Weltmeister Franco Morbidelli kampflos aufgeben musste. Seither ist ein Monat vergangen, in dem Lüthi schon viel Aufbauarbeit leistete. Nächstes Jahr fährt er für das Team «Marc VdS-Honda» in der MotoGP, der Königsklasse der Motorrad-WM.

 

Thomas Lüthi, mit etwas Abstand betrachtet: Sind Sie stolz auf die abgelaufene Saison?

Alles in allem war es eine tolle Saison. Das Team und ich haben viel erreicht, ich war bisher noch nie so konstant stark in einer WM wie heuer. Irgendwie bleibt aber der bittere Nachgeschmack dieses Unfalls, des abrupten Saisonendes. Schade. Darüber hinaus können wir in der Tat stolz sein auf das Erreichte.

 

Wegen der tollen Leistungen steigen Sie nun in die MotoGP auf. 

Diese Chance habe ich nur wegen der Konstanz, wegen der Erfolge in diesem Jahr, wegen meines guten Leistungszeugnisses erhalten. 

 

Sie fuhren in den ersten sieben Rennen sechsmal auf das Podest. Auf den ersten Saisonsieg mussten Sie aber recht lange warten. Zu lange?

Auf den ersten Sieg musste ich wirklich lange warten – Möglichkeiten gab es durchaus. Beispielsweise beim Italien-GP. Aber Mattia Pasini wollte damals diesen Heimsieg «ums Verrecken». Schliesslich wurde ich mit einem Rückstand von 52 Tausendstel Zweiter. In dieser Saison gab es mehrere Momente, in denen ein zweiter oder dritter Platz gut genug waren. Aber es war schon eine Erlösung, als ich in Brünn endlich den ersten Saisonsieg feiern konnte.

 

Die Erfolge stellten sich dann in der entscheidenden WM-Phase ein. Bei den Rennen in Japan, Australien und Malaysia stürzten Sie öfter als zuvor. Sie sprachen viel davon, dass Sie das Vorderrad des Motorrades nicht mehr richtig fühlen. 

Es gab Probleme, die wir schlicht nicht mehr in den Griff bekommen haben. Viele Dinge waren immer noch okay. Aber das Schlechte nahm Überhand. Angefangen hat das in Japan, mit der Einstellung am Vorderrad. Immer wenn ich die Bremse löste, verlor das Vorderrad die Haftung. Daran haben wir viel gearbeitet – vielleicht zu viel. Deshalb haben wir uns bei der Motorrad-Abstimmung mehr und mehr verzettelt. Diese Unruhe zog sich weiter, über Australien bis Malaysia, wo meine Saison mit einem bösen Sturz frühzeitig endete. Da wollte ich zu viel. Ich wollte unbedingt, mit der Brechstange diese Poleposition vor Morbidelli haben.

 

Hat es Sie gestört, dass Teamchef Fred Corminboeuf wegen Sponsorengesprächen während der heissen Phase in der Schweiz blieb?

Er war nicht dabei, das ist Fakt. Das erstaunte mich. Aber okay, das war sein Entscheid. Ob meine Resultate besser gewesen wären, wenn Corminboeuf dabei gewesen wäre, das kann ich hier nicht mit Bestimmtheit sagen. 

 

Beim WM-Finale in Valencia fehlten Sie verletzungsbedingt. Immerhin waren Sie während den darauffolgenden, ersten Testtagen bei Marc VdS als Zuschauer dabei.

Das war extrem bitter! Da stand ich, endlich als MotoGP-Fahrer, in der Box des Teams «Marc VdS», neben meinen zwei Honda-Motorrädern, aber mit Krücken in der Hand. Das war bitter, ja.

 

Konnten Sie trotzdem profitieren? 

Es war gut, dass ich bei diesen ersten Tests in Valencia dabei war, auch wenn ich wegen meiner Verletzung nicht fahren konnte. Der Montag war noch entspannt, mit ein paar Presseterminen. Dienstag und Mittwoch wurde dann gefahren, und als Zuschauer in der Box bemerkte ich, wie viele Menschen überhaupt in dieses Projekt bei «Marc VdS» eingebunden sind. Aber auch Leute von Honda waren da. Zuerst hatte ich den Überblick überhaupt nicht. 

 

Ursprünglich sollten Sie für KTM in der MotoGP fahren. Nach Ihren -Testfahrten im Sommer 2016 sollten Sie 2018 KTM-Pilot in der Moto2 werden und erst 2019 in die -Königsklasse aufsteigen. 

Es gab Gespräche in die Richtung. KTM wollte nebst dem Werksteam ein zweites ausrüsten, eben jenes, für das ich dieses Jahr gefahren bin. Der Vertrag kam dann auch zustande. Aber dann fingen in diesem Sommer die Gespräche mit «Marc VdS» an.

 

Wie lief das ab?

In der Sommerpause rief mich der Teamchef von «Marc VdS», Michael Bartholemy, an. Ich war zu dem Zeitpunkt in den Ferien mit Manager Daniel Epp. Natürlich hatten wir nur ein Thema: Der Vertrag mit «Marc VdS», die MotoGP. Die Gespräche zogen sich etwas in die Länge, es gab einige Dinge zu klären. Es war nicht ganz einfach. Aber mir war klar, dass ich diese Chance packen will.

 

Was war bei diesen Gesprächen nicht immer einfach?

Wir wollten wissen, ob eine Mitgift nötig ist, oder ob wir langjährige Sponsoren von mir mitnehmen können in die MotoGP. Mir war es wichtig, dass ich mit Partnern, die mich seit langem unterstützen, weiterarbeiten kann. Das ist ja nun möglich. Dann gingen die Gespräche weiter. Es ging darum, welche Fläche auf dem Motorrad oder dem Kombi wem zu Werbezwecken zusteht. Solche Verhandlungen sind kompliziert. Aber mein Manager hat das gemeistert und ich konnte mich auf meinen Job, die Moto2-WM, konzentrieren.

 

Die MotoGP war seit vielen Jahren stets Ihr Ziel, Ihr Traum. Mussten Sie sich selbst zwicken, als Sie den Vertrag unterzeichnet hatten?

Ja, da wurde mir erstmals bewusst, dass es ernst ist. Gleichzeitig war mir auch klar, dass ich diese Chance, diese Herausforderung packen will. Ich will nicht bloss ein Jahr in der MotoGP mitfahren und dann sagen, so, das wars, ich habe meinen Traum gelebt. Ich will diese Herausforderung mit Bravour meistern und nicht bloss ein bisschen dabei sein.

 

Diese Meinung hatten Sie in den vergangenen Jahren aber auch immer wieder bezüglich des Teams. Es sollte ein Team sein, mit dem Sie etwas erreichen können. 

Das stimmt. Das Team hat Ambitionen, ist finanziell abgesichert und ist auch personell gut aufgestellt. Mein erster Einblick hat das bestätigt. Das Team «Marc VdS» ist wirklich top, und ich freue mich, Teil dieser Struktur sein zu dürfen.

 

Und was wollen beziehungsweise -können Sie von dieser ersten Saison
in der MotoGP erwarten?

Es ist schwierig, schon jetzt über Resultate zu sprechen. Ich will etwas erreichen, nicht einfach spasseshalber mitfahren. Mein Einstieg verzögert sich etwas, wegen meiner Fussverletzung. Bei den Testfahrten im Januar  in Malaysia will ich wieder fit sein. Ich habe viel nachzuholen, viel zu lernen. Ich will diese Materie MotoGP, das Motorrad, verstehen lernen. Irgendwann will ich dann auch Rundenzeiten fahren, die Sinn machen. Aber dazu muss ich erst auf das Bike sitzen. 

 

Fehlen Ihnen die Testkilometer, die Sie in Valencia und Jerez verpasst haben? 

Es ist sicher kein Vorteil, dass ich diese ersten Tests verpasst habe. Handkehrum glaube ich schon, dass mir diese Testfahrten mit KTM ein bisschen nützen, weil ich erste Eindrücke von einem MotoGP-Töff bekommen habe. Es lief mir ja damals bei diesen Tests auch nicht schlecht. Aber das KTM-Motorrad befand sich damals in der Entwicklung. Insofern ist ein Vergleich zwischen diesem Töff und meiner Honda von 2018 kaum möglich. Seis drum. Ich habe meine Situation mit der Fussverletzung akzeptiert. Ich bin zuversichtlich. Ich werde eben ein bisschen mehr Gas geben müssen beim Lernen!

 

Sie haben einen Einjahres-Vertrag. Bis im Sommer, wenn die Transfer-gespräche beginnen, müssen Sie zählbare Resultate liefern. 

Das ist richtig. Ich hätte gerne einen Vertrag für zwei oder drei Jahre unterschrieben und so etwas mehr Sicherheit gehabt. Aber es gab eben keine andere Möglichkeit. Die Situation ist, wie sie ist. Punkt. Das Team wird im Sommer die Option haben, mich für ein weiteres Jahr zu behalten – oder nicht. Das alles darf aber keine Rolle spielen, wenn ich mich auf das Motorrad setze. Ich muss entspannt arbeiten können; auf dem Motorrad und mit dem Team. Wenn ich mich aufgrund der Vertragssituation verkrampfe, dann kommt das sowieso nicht gut. Für mich ist es aber auch perfekt, dass mein Teamkollege Franco Morbidelli ebenfalls ein MotoGP-Neuling ist. Er wird der Gradmesser sein – und nicht Superstars wie Marc Marquez oder Valentino Rossi.

 

Gesetzter Fall, Sie scheitern in der -MotoGP – was dann?

Die Möglichkeit besteht. Aber was soll ich mich das überhaupt fragen? Ich bin ja noch nicht mal auf einem dieser Motorräder gesessen! Und um ehrlich zu sein: Scheitern ist für mich derzeit einfach keine Option. Ich habe mir diesen Traum von der MotoGP verwirklicht. Jetzt geht es für mich darum, mich in dieser Königsklasse zu etablieren.


 

Tom Lüthis Erfolge auf einen Blick

Persönliches: Geboren am 6. September 1986. Aufgewachsen und wohnhaft in Linden. Gewicht: 65 kg. Grösse: 172 cm. Zivilstand: ledig. Hobbys: Kitesurfen, Biken, Skifahren. Homepage: www.tomluethi.ch

 

Erste Erfolge. 1997: Schweizer Meisterschaft Pocketbike, Junioren A, Gesamtdritter. 1998: Vize-Schweizermeister Pocketbike, Junioren A (8 Rennen/4 Siege). 1999: Schweizermeister Pocketbike, Junioren A (9 Rennen/4 Siege). 2000: Schweizermeister Pocketbike, Junioren B (16 Rennen/10 Siege). 2001: ADAC Junior Cup Deutschland, Gesamtsechster (8 Rennen/1 Sieg). 2002: Internationale Deutsche Meisterschaft IDM, 125 ccm, Gesamtdritter (8 Rennen/3 Siege); Rennen in der Europameisterschaft und in der spanischen Meisterschaft (jeweils 125 ccm). 2004: IDM, 125ccm (1 Rennen/1 Sieg).

Weltmeisterschaft. Erster Grand Prix am 21. Juli 2002 in der Klasse 125 ccm auf dem Sachsenring (De/Rang 26). Weltmeister 125ccm 2005 (16 Rennen/4 Siege/8 Podestplätze total); Vizeweltmeister Moto2 2016 (17/4/6) und 2017 (16/2/10).
Anzahl Grand Prix total: 249 (125 ccm: 67 GP; 250 ccm: 47; Moto2: 119). Siege total: 16 (125 ccm: 5; Moto2: 11). Podestplätze total: 57 (125 ccm: 10; 250 ccm: 2; Moto2: 45). Polepositionen total: 8 (125 ccm: 5; Moto2: 7). WM-Punkte total: 2307 (125 ccm: 444; 250 ccm: 361: Moto2: 1502). Andere Erfolge: 2005: Schweizer Sportler des Jahres.

 

30.11.2017 :: Werner J. Haller
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