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In der Tiermedizin wird Antibiotika deutlich zurückhaltender verabreicht
In der Tiermedizin wird Antibiotika deutlich zurückhaltender verabreicht Emmental/Entlebuch:

In der Tiermedizin ist der Antibiotika-Verkauf rückläufig. Dies ist wichtig, um die Wirksamkeit zu erhalten. Bei Tierärzten und -haltern hat ein Umdenken eingesetzt.

In der Schweiz werden gemäss Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) immer weniger Antibiotika für Tiere verkauft. 2008 waren es 72’000 Kilogramm, 2016 noch 38’300. Dies sind 45 Prozent weniger, im Vergleich zum 2015 beträgt die Reduktion neun Prozent. Das BLV streicht heraus, dass der Verkauf von sogenannt kritischen Antibiotika, welche für die Humanmedizin wichtig sind, erstmals deutlich zurückgegangen sei, nämlich um rund 24 Prozent verglichen mit dem Vorjahr. Dies sei ein wichtiger Erfolg im Kampf gegen Antibiotikaresistenzen (siehe Kasten). Die Abnahme von kritischen Antibiotika sei hauptsächlich darauf zurückzuführen, dass deren Abgabe auf Vorrat seit 1. April 2016 nicht mehr erlaubt sei, steht im Bericht «Arch-Vet» des BLV. Dieselben Bestimmungen gelten für Antibiotika zur Vorbeugung. Als weiteren Grund für die rückläufigen Verkaufszahlen nennt das Bundesamt eine erhöhte Sensibilisierung bei Tierärzten und Tierhalter.

Aufklären und vorbeugen

Dass in den letzten Jahren ein Umdenken eingesetzt hat, kann Susanne Krähenbühl von der Tierarztpraxis am Bahnhof AG in Langnau bestätigen. «Heute überlegen es sich die Tierärzte dreimal, ob es wirklich Antibiotika braucht.» Auch viele Tierhalter seien sich der Problematik bewusst, obwohl es immer noch einige gebe, die unbedingt Antibiotika wollten. «Dort ist es unsere Aufgabe, aufzuklären und die Leute von der manchmal etwas aufwändigeren Alternativbehandlung zu überzeugen.» Weiter, so Susanne Krähenbühl, seien vorbeugende Massnahmen wichtig. Als Beispiele nennt sie Impfungen, aber auch die Art der Haltung. «Heute gibt es mehr offene Ställe, die Luft zirkuliert besser, was sich positiv auf die Gesundheit auswirkt.» Nebst den Nutztieren seien auch die Haustiere relevant, betont die Veterinärin, zumal resistente Keime auf den Menschen übertragen werden könnten. «Auch hier sind die Verbrauchszahlen zum Glück rückläufig.»

Tierwohl darf nicht leiden

Markus Duss von der Tierarztpraxis Beichle AG in Escholzmatt praktiziert seit 30 Jahren. In dieser Zeit habe sich manches verändert, auch der Einsatz von Antibiotika. Früher seien diese oft durchs Band weg vorbeugend verabreicht worden, was heute nicht mehr denkbar sei. Auch gebe es mehr Biobetriebe, die eher auf Homöopathie denn Antibiotika setzten. Nach wie vor überdurchschnittlich viel werde seiner Erfahrung nach in der Kälbermast gebraucht. «Wenn 80 Kälber aus 60 Ställen zusammenkommen, ist der Keimdruck logischerweise sehr gross, zumal das Immunsystem noch nicht ausgebildet ist.»   

Christoph Kiefer, Präsident der Gesellschaft Schweizer Tierärzte, bestätigt den verantwortungsvollen Umgang der Veterinäre mit Antibiotika. Allerdings gelte es nicht zu vergessen, dass Tiere, die wegen einer Infektion ein Antibiotikum benötigten, auch damit versorgt werden müssten. «Das Tierwohl darf nicht unter einer Reduktion dieser Arznei leiden.»


 

Wirksamkeit erhalten und mehr Daten sammeln-+

Antibiotikaresistente Bakterien nehmen weltweit zu und die Besorgnis über bakterielle Krankheiten, die kaum oder gar nicht mehr behandelt werden können, wächst. Im November 2015 hat der Bundesrat deshalb die Strategie Antibiotikaresistenzen (StAR) verabschiedet; inzwischen erfolgt schrittweise ihre Umsetzung. «StAR» hat zum Ziel, die Wirksamkeit von Antibiotika für Mensch und Tier langfristig zu erhalten. Ein zentraler Ansatz ist, Krankheiten zu verhindern. Deshalb sollen im Bereich Tier eine gute Hygiene, bessere Haltungsbedingungen sowie eine intensive Bestandesbetreuung gefördert werden. Sollten trotzdem Antibiotika nötig werden, müssen sie sachgemäss eingesetzt werden.

Über den effektiven Einsatz der Antibiotika lässt die aktuell vorliegende Verkaufsstatistik keine Schlussfolgerungen zu. Auch unterschiedliche Dosierungen zwischen den Antibiotikaklassen und den Tierarten wurden nicht berücksichtigt. Im Zusammenhang mit der Resistenzbildung ist aber die Anzahl Behandlungen pro Tier respektive die Anzahl behandelter Tiere pro Zeiteinheit relevant. Deshalb wird nun eine neue, zentrale Datenbank aufgebaut. Diese wird die Behandlungshäufigkeit bei den einzelnen Tierarten respektive Produktionsformen (zum Beispiel Ferkelaufzucht, Kälbermast, Milchviehhaltung) aufzeigen. Dadurch können Tierärzte wie auch Tierhalter zukünftig Rückschlüsse auf den Verbrauch von Antibiotika in der eigenen Praxis beziehungsweise auf dem eigenen Betrieb ziehen. Bei Anzeichen eines übermässigen Einsatzes können gezielt Abklärungen zu Ursachen und Gegenmassnahmen ergriffen werden.

 

Quelle: Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen

05.10.2017 :: Silvia Ben el Warda-Wullschläger
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