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«Ich spüre sehr genau, wie es dem anderen geht»
«Ich spüre sehr genau, wie es  dem anderen geht» Emmental:

Es dauerte lange, bis Laura M. wusste, weshalb sie schnell emotional reagierte, alles persönlich nahm und damit sich und andere oft überforderte. Sie ist hochsensibel.

«Sei nicht so empfindlich!» – «Nimms nicht so tragisch!» Solche Aussprüche bekam Laura M. in ihrem Leben schon oft zu hören, insbesondere in ihrer Kindheit. «Ich war die ‹Drama-Queen›, machte aus vielem, was eigentlich ganz normal war, eine Riesensache.» Der Blick eines Schulkameraden genügte, und schon sei sie von der Rolle gewesen, habe gemeint, er habe etwas gegen sie. Sie eckte an, wurde zur Aussenseiterin. Sie habe alles persönlich genommen, erzählt die Emmentalerin. Erlebnisse und Begegnungen beschäftigten sie noch lange danach. «Ich spüre sehr genau, wie es dem anderen geht und fühle mich für ihn verantwortlich.» Sie hatte das Gefühl, jeden Wunsch erfüllen zu müssen, selbst dann, wenn der andere diesen gar nicht geäussert hatte, sondern sie ihn nur zu erahnen glaubte. Dies aus Angst, die Zuneigung des Gegenübers zu verlieren.

Eine dünne Haut 

Hochsensible haben eine erhöhte Aussenwahrnehmung auf Kosten einer verminderten Selbstwahrnehmung. «Meine Haut ist zu dünn», umschreibt es Laura M. «Ich gehe ohne Filter durchs Leben.» Das sei anstrengend. Sie habe sich lange Zeit dauernd selber überfordert. Hat sie überreagiert, versuchte sie, sich dem Gegenüber immer wieder zu erklären. «Ich suchte beim anderen Halt und Orientierung. Selbstzweifel plagten mich und ich fühlte mich schuldig, wenn es zu Konflikten kam.» Für Laura M. war es wie eine Erlösung, als sie einen Kongress für hochsensible Menschen besuchte. Eine Freundin hatte sie darauf angesprochen und ihr eine Einladung gegeben. Endlich erfuhr sie, was mit ihr los war: «Ich lernte, dass ich nicht abnormal bin oder falsch oder krank. Hochsensibilität ist eine Veranlagung. Endlich hatte ich einen Namen für die Art, wie ich die Welt erlebe. Und ich merkte, dass es anderen genauso geht.» Damit war die Sache für Laura M. aber nicht erledigt. Sie habe erkannt, dass sie die Verantwortung für ihr Leben übernehmen müsse, dass sie für ihr Glück selber zuständig sei. Sie suchte Hilfe bei einer Psychotherapeutin, machte Atemtherapie und Körpertherapien. Sie lernte, ihren Körper zu spüren. «Früher hatte ich oft das Gefühl der Ohnmacht, heute habe ich Macht über mich.» Sie entschloss sich auch dazu, Medikamente einzunehmen. «Die Antidepressiva helfen mir, besser bei mir zu sein, mich konzentrieren zu können.»

Stille kultivieren

Laura M. weiss heute besser, was ihr gut tut und was nicht. Beispielsweise merkte sie, dass sie negativ auf Konservierungsstoffe oder Farbstoffe im Essen reagiert. Auch zu viel Weizen und Süsses bekomme ihr nicht, mache sie kribbelig. Halt fand sie in der Meditation und in Achtsamkeitsübungen. «So lerne ich, den Fluss meiner Gedanken zu beobachten und selber zu entscheiden, welchen Gedanken ich folge und welche ich vorbeiziehen lasse.» Sie übe sich darin, Stille zu kultivieren, geduldig, gelassen zu sein, nicht immer alles auszusprechen, nicht immer sofort zu reagieren. «Ich musste auch meine hohen moralischen und ethischen Ansprüche herunterschrauben und meinen Drang, jedem sofort zu helfen, kanalisieren.» Wichtig sei, sich abzugrenzen, Diskussionen auf der sachlichen Ebene zu führen. «Das erleichtert den Kontakt zu den Mitmenschen.»

Kinder fordern heraus

Stark gefordert wird die alleinerziehende Mutter auch von ihren beiden Kindern im Alter von acht und vier Jahren. Einen Trotzanfall oder Schreikrampf zu ertragen, verlange ihr alles ab, schüttle sie innerlich durch. «Ich verstehe ja so gut, wie sich das Kind fühlt, was in ihm abläuft. Trotzdem muss ich Grenzen setzen, konsequent bleiben.» Solche Situationen auszuhalten, brauche viel Energie. Um Kraft für die eigenen Kinder zu haben, hat sich Laura M. entschieden, vorläufig nicht in ihrem Beruf als Kindergärtnerin zu arbeiten. «Später würde ich das gerne wieder tun.»  

Tanzen vor Freude

Obwohl Laura M. eher negative Erfahrungen wegen ihrer Hochsensibilität gemacht hat, sieht und schätzt sie auch die Vorteile. Nicht missen möchte sie ihre Lebensfreude. «Manchmal könnte ich den ganzen Tag durch die Wohnung tanzen.» Oft spüre sie auch eine tiefe Freude und Dankbarkeit, etwa wenn sie den Kindern beim Spielen zuschaue. Sie fühle sich sehr verbunden mit der Natur, mit dem Göttlichen. Sie sei schon immer der spirituelle Typ gewesen und habe sich mit verschiedenen Religionen befasst. «Ich nehme Kleinigkeiten wahr, an denen andere achtlos vorbeigehen.» Bereichernd empfinde sie auch ihre Kreativität, ihre Fantasie, etwa wenn sie Geschichten für die Kinder erfinde. Auch ihre ausgeprägte Intuition und ihr Einfühlungsvermögen seien nicht nur negativ, sondern ermöglichten – dosiert eingesetzt – auch tiefe Freundschaften und befähigten sie, Menschen beizustehen. 

Laura M. möchte sich auf diese Stärken besinnen, ihre Gaben und Talente in der Familie, ihrem Umfeld und der Gesellschaft einbringen. Sie rät Menschen, die ähnlich empfinden, fachliche Hilfe zu suchen, sich zu informieren und auszutauschen, beispielsweise  in einer Selbsthilfegruppe (siehe Kasten). «Zu merken, dass man nicht allein dasteht, ist hilfreich.»

Neue Selbsthilfegruppe für das Emmental

Selbsthilfegruppen für Menschen mit Hochsensibilität gibt es an manchen Orten in der Schweiz. Neu ist eine für die Region Emmental und Oberaargau entstanden. Das nächste Treffen findet am 24. April um 19 Uhr in Burgdorf statt. Interessenten melden sich bei: Beratungszentrum der Selbsthilfe BE, Lyssachstrasse 91, 3400 Burgdorf, 034 422 67 05, www.selbsthilfe-be.ch. Diese Stelle informiert und berät rund um das Thema Selbsthilfe. Sie vermittelt Kontakte zu bestehenden Selbsthilfegruppen und unterstützt und begleitet den Aufbau von neuen.


 

15 bis 20 Prozent aller Menschen sind hochsensibel

Menschen, die mit einem Nervensystem ausgestattet sind, welches sehr fein auf innere und äussere Reize reagiert, nennt man hochsensibel. Forschungsergebnisse belegen, dass etwa 15 bis 20 Prozent aller Menschen hochsensibel sind. Neben äusseren Reizen kann auch die starke Beeinflussung durch Vorstellungen, Gedanken, Stimmungen und Gefühlen Ausdruck von Hochsensibilität sein. Die Reaktionen können individuell sehr unterschiedlich sein und reichen von leichtem Unwohlsein bis hin zu Panikattacken und/oder starken körperlichen Beschwerden. Typischerweise befinden sich Hochsensible häufig im Zustand der Reizüberflutung und brauchen üblicherweise lange, um wieder zu sich selbst zurückzufinden. Oftmals haben die Betroffenen das Gefühl, bereits als Kind nicht ganz dazu zu gehören, irgendwie anders zu sein. Obwohl hochsensible Menschen einen ausgeprägten inneren Reichtum besitzen, fällt es ihnen oft schwer, den Anforderungen im Berufs- und Privatleben standzuhalten. Mit einem gezielten Selbstmanagement ist es jedoch möglich, das individuelle Potenzial zu erschliessen und die eigenen Grenzen zu erweitern. 

 

Quelle: Institut für Hochsensibilität IFHS, Altstätten, www.ifhs.ch 

 Weitere Webseite zum Thema: www.hochsensibilitaet.ch

 

05.04.2018 :: Silvia Ben el Warda-Wullschläger
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