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«Ich schreibe meine Predigten nie auf und rede frei in der Kirche»
«Ich schreibe meine Predigten nie auf und rede frei in der Kirche» Bowil:

 

Wer ist die neue Pfarrerin und wie sieht sie ihre Rolle in der neuen Wohngemeinde? Johanna Fankhauser freut sich, dass die Leute den Kontakt zu ihr suchen.


«Jedes Lebewesen ist einzigartig.» Sogar bei den Zuchtrosen fühle sich keine gleich an wie die andere. Johanna Fankhauser ist fasziniert von der Vielseitigkeit und Komplexität der Natur. Für sie kann dies nicht einfach durch Zufall entstanden sein. «Da steckt eine schöpferische Kraft dahinter», ist die neue Pfarrerin in Bowil überzeugt. Sie ist seit Geburt blind.

Die 48-Jährige ist in Wyler bei Seedorf auf dem elterlichen Bauernhof aufgewachsen. «Meine beiden älteren Brüder haben oft auf mich aufgepasst», erinnert sich Johanna Fankhauser. Ihr Vater war im Kirchgemeinderat und dadurch bekam sie viel mit. «Mit zwölf Jahren wollte ich Missionarin oder Sängerin werden», sagt sie und schmunzelt. Der damalige Leiter der Blindenschule Zollikofen riet ihr deshalb zum Theologiestudium. Dabei blieb sie. Es folgten unter anderem ein Studienjahr in Strassburg und verschiedene Weiterbildungen.

Eine Wegbereiterin

Als blinde Pfarrerin war es nicht einfach, eine Stelle zu finden. «Viele Gemeinden wollten – trotz sehr guter Qualifikationen – das vermeintliche Risiko nicht eingehen», erzählt Johanna Fankhauser, die inzwischen bereits bei zahlreichen Kirchgemeinden als stellvertretende oder festangestellte Pfarrerin tätig war. In ihrem Beruf sieht sie sich auch als Wegbereiterin. «Wenn ich mit meiner Arbeit überzeuge, sind die Verantwortlichen später eher bereit, einen körperlich beeinträchtigten Menschen einzustellen», umschreibt Fankhauser ihre Verantwortung.

Bereichernde Begegnungen

Obwohl sie jahrelang in der Stadt Bern gelebt hat, fühlt sich die weltoffene Theologin wohl am neuen Wohnort Bowil. Auf den langen Spaziergängen mit ihrem Lebenspartner und den beiden Hunden Stella und Ziva hat sie schon viele bereichernde Begegnungen erlebt. «Ich freue mich sehr, dass die Leute den Kontakt suchen.» Im Moment geht es der Pfarrerin auch darum herauszufinden, wo die Bedürfnisse der Menschen sind: «Wo kann ich helfen? Wo möchten die Leute selber mitwirken?»

Bibel umfasst 20 Bände

Manchmal entstehen auch ihre Predigten unterwegs – in Gedanken. «Ich schreibe sie nie auf und rede auch frei in der Kirche», verrät Fankhauser. Notizen bei Tauf- oder Trauergesprächen macht sie indes auf der alten Braille-Schreibmaschine. Ihrer Erfahrung nach sehen die Leute gerne, wie viel sie schreibt, auch wenn sie es nicht lesen können. Normalerweise benutzt sie jedoch den Computer oder ihren portablen Organizer (kleiner Kasten mit Braille-Zeile und Knöpfen). Das einzige, was in ihrem Büro auffällt, ist das Büchergestell beziehungsweise dessen Inhalt. Alleine die Bibel in Blindenschrift umfasst 20 Bände. 

Johanna Fankhauser arbeitet nicht nur als Pfarrerin. In Zürich unterrichtet sie sechs Mal jährlich in der Hotelfachschule angehende Gastronomen und schult diese im Umgang mit blinden Gästen. Musik spielt im Leben von Johanna Fankhauser, die das absolute Gehör besitzt, eine grosse Rolle. Seit eineinhalb Jahren jodelt sie im Jodlerklub Länggasse in Bern mit. «Klavier und Cello kommen momentan leider etwas zu kurz», bedauert sie. 

Nicht kurz, sondern lang ist dafür ihr liebstes Kleidungsstück, der nachtblaue Talar. Eine Trachtenschneiderin nähte ihn vor 18 Jahren. Bei der Übergabe erklärte diese der jungen Pfarrerin, dass das Gewand ein Geheimnis berge. «Ich habe viele guten Gedanken darin eingenäht.» Johanna Fankhauser hofft deshalb, dass ihr Arbeitsgewand mit den guten Gedanken ihr noch lange erhalten bleibt. «Hoffentlich bis zur Pensionierung in rund 17 Jahren.»

12.04.2018 :: Rebekka Schüpbach
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