Anmelden
«Ich mag die Vielfalt» – Pfarreileiterin Annelise Camenzind zieht weiter
«Ich mag die Vielfalt» – Pfarreileiterin Annelise Camenzind zieht weiter Langnau:

Annelise Camenzind-Wermelinger hat sich am Wochenende als Leiterin der Pfarrei Heilig Kreuz verabschiedet. Sie wird sich in Literaturgeschichte weiterbilden.

«Ich habe schon ambivalente Gefühle. Es fällt mir nicht ganz leicht, diese Menschen hier zu verlassen», sagt die scheidende Pfarreileiterin nach ihrer letzen Predigt in der römisch-katholischen Kirche Heilig Kreuz in Langnau. Trotzdem hat Annelise Camenzind sich für den Wegzug entschieden. «Ich mag die Vielfalt», erklärt die Theologein. Und diese Vielfalt betrifft auch ihre berufliche Tätigkeit. Als nächstes will sie sich an der Universität Freiburg während zweier Semester mit Literaturgeschichte auseinandersetzen. «Ich möchte herausfinden, wie die profane Literatur die Religion beeinflusst und umgekehrt», begründet sie ihr Vorhaben. Ebenfalls habe sie ein Buch über das Fasten in Arbeit, welches sie in absehbarer Zeit fertig schrei-ben wolle. Und schliesslich möchte sie sich als Ehefrau, Mutter und Grossmutter auch in der Familie wieder mehr engagieren.

Mit 49 Jahren das Studium begonnen

Die Stelle in Langnau war Annelise Camenzinds erste als Pfarreileiterin. Zuvor war sie in der Jugendarbeit und als Religionspädagogin tätig. Als 49-Jährige nahm sie das Theologiestudium in Angriff und schloss dieses 2010 mit dem Master ab. Zum Studium entschlossen habe sie sich – kaum erstaunlich – seiner Vielfalt wegen. Alleine schon die drei Sprachen Lateinisch, Griechisch und Hebräisch hätten sie fasziniert. Sie studierte auch Religionswissenschaften. «Ich finde es wichtig, als Theologin in unserer multikulturellen Gesellschaft Einblick in andere Religionen zu erhalten.»

Vielfältige Menschen

Nicht nur von der Vielfalt des Studiums liess sich Annelise Camenzind -begeistern, auch die Menschen in ihrer Vielfalt und in ihren verschiedenen Lebenssituationen mag sie. «Ihnen zu begegnen, sie ernst zu nehmen und begleiten zu dürfen, ist etwas ganz Schönes an meinem Beruf. Wenn die Menschen ihre Lebens- und Glaubenserfahrungen teilen, ist das eine grosse Bereicherung für mich.» 

Im Studium beschäftigte sie sich auch intensiv mit Ökumene; einem Gebiet, das ihr wichtig ist. In Langnau war die Pfarreileiterin stets an vorderster Front, wenn es darum ging, Anlässe mit der reformierten Kirche und den Freikirchen durchzuführen. «Bei Ökumene geht es nicht um Gleichmacherei. Ich vergleiche sie gerne mit einer Familie. Sie bildet eine verbindende Einheit, und doch ist jedes Mitglied anders. Aber in ihrer Verschiedenheit sind alle gleichwertig.»

Als mündiger Christ entscheiden

Nun gibt es hüben und drüben Menschen, die mit Ökumene wenig anfangen können. Annelise Camenzind kann das verstehen: «Wir haben verschiedene Zugänge zum Glauben. Niemand, der es nicht will, muss Ökumene leben. Jede Christin und jeder Christ, ob liberal oder konservativ, soll selber entscheiden können, was ihr oder ihm gut tut. Ich will niemandem vorschreiben, was er für richtig zu halten hat.» 

Bereits während des Studiums arbeitete Annelise Camenzind zwischenzeitlich in der katholischen Kirchgemeinde Langnau, bevor sie vor gut sieben Jahren als Pfarreileiterin angestellt wurde. 

Wie lebt es sich als Frau in einem solchen Amt und erst noch im Emmental, wo die katholische Bevölkerung bloss etwa fünf Prozent ausmacht? Mit beiden dieser Besonderheiten hat sie keine Probleme. «Als Frau bin ich glücklich, zum Bistum Basel gehören zu dürfen. Bischof Felix Gmür setzt sich stark für die Förderung der Frauen ein», sagt die Theologin. Natürlich werde sie es wahrscheinlich nicht mehr erleben, dass Frauen die Priesterweihe erhalten und so mit den Gläubigen die Eucharistie feiern oder ihnen die Beichte abnehmen dürfe. Aber in ihrer Arbeit als Pfarreileiterin habe sie sich sehr gut entfalten können. Allein schon, dass eine Frau eine Pfarrei leite, sei noch nicht in allen Bistümern möglich. 

Zuhause in der Diaspora

Dass es die Theologin in eine katholische Kirchgemeinde in einem reformierten Umfeld «verschlagen» hat, bezeichnet sie als Glücksfall. «Während meiner Aushilfszeit war ich vom Emmental und seinen Menschen so sehr angetan, dass ich die anderen Angebote gar nicht mehr weiter prüfte.» 

Als Minderheit hier zu leben sei kein Nachteil. Sie sei gerne Katholikin.  «Aber in der Diaspora zu leben, erweitert auch den Horizont», ist Annelise Camenzind überzeugt. Dies hat sie als  gebürtige Bernerin bereits in jungen Jahren erfahren. In Langnau hätten ihr die Vertreterinnen und Vertreter anderer Konfessionen die Zusammenarbeit leicht gemacht.

Obwohl die Pfarreileiterin auf eine gute Zeit in Langnau zurückblickt, habe sie nicht alle ihre Ziele umsetzen können. «Wir müssen neue Formen der Verkündigung finden, um auch kirchenferne Menschen besser erreichen zu können.» Die meisten Menschen suchten nämlich nach Spiritualität, nach einem tieferen Sinn des Lebens, weiss die Seelsorgerin. «Ja, das Ziel, aussenstehende Menschen anzusprechen, haben wir noch nicht erreicht.»

In nächster Zeit werden sich in der katholischen Kirche Langnau andere um dieses Anliegen kümmern müssen. Vorübergehend wird die katholische Kirchgemeinde Langnau von der Pfarrei in Burgdorf -betreut. Wer dies später übernehmen wird, ist noch nicht klar. 

Und wird Annelise Camenzind nach dem Studium und ihren weiteren Projekten wieder in den kirchlichen Dienst einsteigen? «Aushilfsweise mache ich das schon recht bald wieder. Ob ich später nochmals vollamtlich in einer Pfarrei arbeiten werde, weiss ich noch nicht. Wenn ja, dann wahrscheinlich wieder in einer Diaspora-Gemeinde.»

09.08.2018 :: Jakob Hofstetter
Meistgelesene Artikel
«Die Gegner verzweifeln fast daran»
SCL Tigers:   Verteidiger Federico Lardi sagt im Interview, weshalb ihn die Tabelle nicht interessiert,...
Nidle, Anke, Palme u Söi ufem Bode
Ört u Näme: Im letschte «Ört u Näme» hani vo de Ortsnäme mit «Bode»...
Eine runde Sache – trotz ­Diabetes
­Diabetes: Seit Anfang Jahr treffen sich in Langnau Menschen, um ihre Erfahrungen mit Diabetes auszutauschen....
Wochen-Zeitung
Brennerstrasse 7
3550 Langnau i. E.
Tel. 034 409 40 01
Fax 034 409 40 09
info@wochen-zeitung.ch
Redaktion: 034 409 40 05
Öffnungszeiten:
Montag - Freitag
07:30 - 12:00 Uhr
13:30 - 17:00 Uhr