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«Hätten die Menschen doch mehr Liebe und weniger Religion»
«Hätten die Menschen doch mehr  Liebe und weniger Religion» Signau:

Zum 150. Geburtstag des Dichters Simon Gfeller bringen die Freilichtspiele Moosegg das Stück «Schwarmgeist» erstmals auf die Bühne. An der Premiere war das Publikum überwältigt.

«Wir leben nicht fürs Beten, sondern beten fürs Leben», schleudert Käthi (Danièle Themis) ihrer chronisch gläubigen Nachbarin Elise (Käthi Schaffer-Gutknecht) entgegen. Die welkende Frau besucht eifrig sogenannte Versammlungen, ihren vermutlich einzigen Halt in einem Leben, das ihr übel mitspielte. Vier Mal war sie gesegneten Leibes, übrig blieben nur blutige Klumpen, die sie auf den Misthaufen warf. Damit nicht genug: Ihr Mann hat sich aufgehängt und dem lieben Herrgott ins Handwerk gepfuscht. 

Nun lebt Elise mit ihrem Bruder Ueli (Fabian Eckstein/Simon Burkhalter), dessen Frau Stüdi (Sarah Luisa Iseli) und den Kindern Sämu (Renato Johann Gerber) und einem Säugling auf dem elterlichen Hof. Magd Stine (Leah Lisa Leuenberger) und Knecht Martin (Elias Furrer) schuften den lieben langen Tag, wenn das Paar nicht gerade mal im Gebüsch verschwindet und eindeutige Stöhnlaute von ihrer Beziehung zueinander erzählen. Als der kleine Sämu über Bauchschmerzen klagt und ihm das Frühstück aus dem Gesicht fällt, versetzt es Mutter Stüdi in helle Aufregung. 

Stüdi verliert den Verstand

Die junge Frau steht einerseits unter der Knute der Schwägerin, andererseits muss sie alleine ihre kleine Familie zusammenhalten, denn Ueli ist als Soldat zur Grenzsicherung abkommandiert. «Solange du auf mich hörst, passiert nichts, was nicht soll», elendet die fanatisch gläubige Elise ihre Schwägerin und schickt gar den Arzt (Lahor Jakrlin) fort, den die besorgte Käthi gerufen hatte. Sämu stirbt, Stüdi verliert darüber den Verstand, bezichtigt Elise als Mörderin, die sich wiederum kasteit: «Die Überzeugung ist eine Sackgasse.» Die Bühnenfassung von «Schwarmgeist» stammt aus der Feder von Regisseur Simon Burkhalter, der in der Brisanz des Stoffs aktuelle Bezüge erkennt: «Hätten doch Menschen mehr Liebe und weniger Religion» – der mahnende Kernsatz kommt so taufrisch daher wie das Spiel aller Akteurinnen und Akteure. 

Magische Bühnenpräsenz

Zuerst sei Renato Johann Gerber genannt, der als kleiner Junge Sämu mit seiner welpenhaft tapsigen Ausstrahlung die Herzen des Publikums im Sturm erobert. Danièle Themis kommt mit einem Koffer voll klangfarblichen Stimmnuancen daher. In einer Szene etwa erzählt sie Sämu eine Geschichte von drei Hühnern und gackert dabei in hinreissenden Varianten. Die Sympathieträgerin mit gesundem Menschenverstand besitzt eine magnetische Bühnenpräsenz. Das Blut gefriert einem in den Adern, wenn Elise im diffusen Licht zu ihren «I-ha-tröimt»-Monologen ansetzt. Leah Lisa Leuenberger und Elias Furrer liefern als Magd und Knecht nicht selten erotisch-deftige Momente, die im sorgenschweren Stück für Lebenslust sorgen. Starke Regieeinfälle veredeln die Handlung, wenn etwa Elise hoch oben thronend ihr chronisches Gottvertrauen zum Besten gibt, während unter ihr Stüdi die Lippen dazu bewegt. Beängstigend und beklemmend, wenn Sarah Luisa Iseli in dieser Rolle am Dorfbrunnen im Schmerz um den toten Sohn allmählich durchdreht und ihre Verzweiflung implodiert. 

Schnattrige Leichtigkeit

Die volkstümlichen Hackbrettweisen von Bruno Leuschner zaubern eine authentische Atmosphäre. Nicht zuletzt die zehn Dorfkinder verleihen der packenden Inszenierung jene schnatterige Leichtigkeit, die Elise entbehrt. Am Ende des Dramas stellt sich eine Gewissheit für Gut und Böse ein, in der Elise die Schuldige, Sämu und Stüdi die Opfer sind. Doch mit eindringlichen Stimmen sprechen die Schauspielenden am Schluss im Chor nach dem Matthäus-Evangelium: «Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet. Denn mit welcherlei Gericht ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden; und mit welcherlei Mass ihr messet, wird euch gemessen werden ...»

12.07.2018 :: Christina Burghagen
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