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Gezeichnet

«Klag nicht, kämpfe» las ich neulich bei einer Sportveranstaltung auf einem T-Shirt. Wie passend für ein Turnier, bei dem die Sportler sich alles abverlangen und bis zur letzten Muskelfaser kämpfen. Als wenige Tage später ein Sturm mein Crysanthemenstämmchen unrettbar köpfte, klagte ich nicht, naja, ein wenig schon, doch dann kämpfte ich ebenfalls. Mein Klage-nicht-Sätzchen stand mir bei, während ich Vase für Vase mit den Überresten füllte. Erfolgreich! Gut die Hälfte bildet reichlich Wurzeln, die Chance auf Überlebende ist inzwischen gross. Wenn ich auch kein Stämmchen mehr habe, für einige farbenprächtige Töpfe wird es langen. Um das Happy End noch komplett zu machen, wollte ich der frohen Klage-nicht-Kunde ein Kränzchen in meiner Kolumne winden. Aber manchmal gibt es eben doch kein Happy End für alle. 

Dankenswerterweise kam ich auf die Idee, die weiten Gründe der virtuellen Wissensansammlung nach der Herkunft dieses Ausspruchs zu befragen. Der Satz, «Man sieht nur, was man weiss», bewahrheitete sich wieder einmal. Ehe ich mich versah, stand ich schon mit angewidertem Gesicht in einem braunen Häufchen. Der Wind blies dabei augenblicklich scharf nach rechts. Tattoos in altdeutscher Schrift, Kleidung einschlägig bekannter Hersteller, Fahnen und Geschichts-Texte klärten mich auf: Bei «klage nicht, kämpfe» handelt es sich um einen Propagandasatz aus dem Zweiten Weltkrieg. Er sollte nicht nur die deutsche Fallschirmjägerstaffel motivieren, sondern prangte auch auf vielen Plakaten. 

Wer diesen Ausspruch heute noch zur Schau trägt, ist unwissend, oder viel wahrscheinlicher zählt er sich selbst zu einem kleinen, wenig toleranten Personenkreis mit spezieller politischer Gesinnung. Von diesem Kreis distanziere ich mich gerne und damit versaut es mir auch mein momentanes Lieblingssprüchlein. Wie ein Schleckeis – das in den Sand gefallen ist – es war einfach nicht mehr das gleiche. «So gerne ich Dich habe, wir leben in verschiedenen Welten», musste ich ihm leider mitteilen. Und mein kleines Motivationssätzchen – ein echter Kämpfer – verstand, schnürte sein Bündelchen und verliess meinen aktiven Sprachwortschatz, in dem es doch gerade erst so herzlich aufgenommen worden war. Es wird sich auf die Suche nach dem Hakenkreuz machen, hat es mir erzählt. Das lebt weitab der Zivilisation und kann den Schock einfach nicht überwinden, dass 25 Jahre gereicht haben, seinen Jahrtausende währenden guten Ruf als Schmuck, Glücksbringer und heiliges Symbol zu zerstören.

19.10.2017 :: Stephanie Schmid ist Autorin, Drehbuchautorin und Wortliebhaberin.
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