Anmelden
Geschichten, die bewegen
Geschichten, die bewegen Eggiwil: Mit dem Projekt «bewegte Geschichten» soll die Freude am Lesen gefördert werden. Im Dorfschulhaus Eggiwil hat man gute Erfahrungen gemacht.
Gespannt sitzen die Dritt- und Viertklässler im Singsaal im Schulhaus Eggiwil auf ihren Stühlen. Für einmal tritt keine Lehrkraft vor die Klasse, sondern Lars, Mike und Elio, welche die 5. und 6. Klasse besuchen. «Wir erzählen euch heute nicht eine normale Geschichte, sondern eine mit Spielen, Theater und Fragen», erklären sie, und dann geht es auch schon los. Mike beginnt mit Vorlesen: «An einem Tag, als ich aufstand, hatte ich das Gefühl, dass heute etwas passieren wird...» Schon nach wenigen Zeilen unterbrechen die drei Knaben das Vorlesen und stellen Fragen, die sich um ihre Geschichte drehen. «Was spielt ihr, wenn es euch langweilig ist?», wollen sie etwa wissen. Noch melden sich die Zuhörer zögerlich, das ändert sich aber mit dem ersten Spiel. Weil der Protagonist der Geschichte Unihockey spielt, können die Dritt- und Viertklässler nun probieren, mit einem Unihockeyball einen Turm aus Blechdosen zu treffen. Jeder Treffer wird bejubelt – das Eis ist gebrochen. Geschickt flechten Elio, Lars und Mike weitere Fragen in ihre Geschichte ein, ihre Zuhörer melden sich nun fleissig. Die Aufmerksamkeit ist ihnen auch bei der kurzen Theatersequenz gewiss.

Knaben zum Lesen motivieren

Klassenlehrerin Ruth Galli freut sich ob den Beiträgen. Sie sah sich Anfang Schuljahr mit zahlreichen Schülern konfrontiert, die kaum lesen konnten. «Es gab Schüler, die mussten Wort für Wort mühsam buchstabieren. Sie waren völlig damit überfordert, die Klassenlektüre zu lesen», erzählt sie. Wenn hier in der männlichen Form geschrieben wird, ist das kein Zufall. In Ruth Gallis Klasse sitzen 17 Knaben und acht Mädchen. «Erfahrungsgemäss sind Knaben schwieriger zum Lesen zu motivieren; ich überlegte, was ich tun könnte.» Schliesslich stiess sie auf das Projekt «bewegte Geschichten», das vom Neztwerk Schulische Bubenarbeit angeboten wird (siehe Kasten). Sie war überzeugt, damit einen Weg gefunden zu haben, um vor allem die Knaben in ihrer Lesekompetenz zu fördern. «Lesen ist in der Schule zentral und greift in jedes Fach hinein. Wer nicht gut lesen kann, versteht in der Mathematik die Aufgabe nicht und hat auch in den Fremdsprachen und anderen Fächern Mühe.» Überzeugt hat sie nicht nur das Konzept von «bewegte Geschichten», sondern auch, dass ein Coach die Klasse begleitet. «Ohne diese Entlastung hätte ich das nicht geschafft», gesteht Ruth Galli.

Vorbild für jüngere Schüler

Ab Ende Januar kam der Coach Hansjürg Sieber mehrmals nach Eggiwil und nahm sich vor allem der Knaben an. Mädchen und Knaben arbeiteten in diesen Lektionen getrennt. Der Unterricht war weit davon entfernt, eine trockene Angelegenheit zu werden. Konzentrations- und Erlebnisübungen gehörten genauso dazu wie das Lese- und Vorlesetraining. Schliesslich entwickelte jedes Kind eine eigene Geschichte. In fünf Gruppen wurde schliesslich an je einem Text weiter gefeilt und durch Spiele und Fragen ergänzt. Schliesslich konnten die Geschichten den Dritt- und Viertklässlern vorgetragen werden. «Auf diese Weise können die älteren Schüler ihren jüngeren Kollegen die Freude am Lesen vermitteln», nennt Ruth Galli ein Ziel dieser Vorträge. Dass nun alle Knaben zu Leseratten werden, erwartet die Lehrerin nicht. Es sei schon ein Erfolg, dass sich alle vom Projekt begeistern liessen. Einige Erfolge seien bereits festzustellen, insbesondere bei den schwächeren Schülern. Mit dem Ende des Projektes sei das Thema Leseförderung aber längst nicht erledigt, betont sie. «Ich werde weiterhin ein Augenmerk darauf legen und habe auch die Eltern aufgefordert, ihre Kinder weiter zu unterstützen.»
Zufrieden sind nicht nur die Lehrerin und der Coach, sondern auch die Kinder. «Die Spiele waren cool» oder «die Geschichten fand ich spannend» geben die Zuhörer eine Rückmeldung. Auch die älteren Schüler verteilen Komplimente. «Ihr habt super mitgemacht» und «ihr ward aufmerksam», hiess es da etwa.
Bewegter Unterricht
Das Netzwerk Schulische Bubenarbeit bringt «bewegte und bewegende Geschichten» in die Klassen. In der Schule Eggiwil kam Hansjürg Sieber als Coach in die 5. und 6. Klasse. Weshalb haben Buben in der Regel mehr Mühe mit dem Lesen als Mädchen? «Das Buch hat heute allgemein nicht mehr diesen Stellenwert wie früher», erklärt Hansjürg Sieber. «Von Buben wird meist weniger erwartet, dass sie lesen als von Mädchen. Und es gibt immer noch Knaben oder sogar Männer, die lesen als Mädchenkram abtun.» Mit den eingebauten körperlichen Aktivitäten liessen sich vor allem die Jungen abholen und begeistern. Sieber plädiert dafür, allgemein im Unterricht vermehrt Bewegungsspiele einzubauen. «Die Schüler müssen heute zu oft und zu lange still sitzen und sich konzentrieren. Nicht wenige sind damit überfordert. Wer sagt denn, dass man in einer Mathelektion nicht mal aufstehen und herumgehen soll?» Danach könnten sich viele Schüler wieder besser konzentrieren.
Das Projekt «bewegte Geschichte» wird finanziell durch die Stiftung Drosos getragen und ist für die Schule kostenlos.
26.03.2015 :: Silvia Ben el Warda-Wullschläger
Meistgelesene Artikel
Hanf-Zigaretten aus Emmentaler Cannabis
Zollbrück: Hanf-Zigaretten, die nicht berauschen, boomen. Eine Firma aus Zollbrück springt auf den Trend...
Nachfolger für die Liechti Kältetechnik
Langnau: Die Liechti Kältetechnik AG geht in neue Hände über.Inhaber Peter Stucki hat sie an...
«Diese Zeit werde ich nie vergessen»
SCL Tigers: Im morgigen Heimspiel treffen die SCL Tigers auf Überraschungsleader Freiburg. Der Emmentaler...
Für Laura Michel ist laufen fast ein bisschen wie fliegen
Leichtathletik: Erst vor zwei Jahren hat die Konolfingerin Laura Michel so richtig mit dem Laufen angefangen....
Moto 2 WM 17: Nach Platz vier beim Aragon-GP wirkte Thomas Lüthi genervt. Der Titelkampf in der Moto2-Klasse...
Wochen-Zeitung
Brennerstrasse 7
3550 Langnau i. E.
Tel. 034 409 40 01
Fax 034 409 40 09
info@wochen-zeitung.ch
Redaktion: 034 409 40 05
Öffnungszeiten:
Montag - Freitag
07:30 - 12:00 Uhr
13:30 - 17:00 Uhr