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Gemeinschaftspraxen sind kein Allerheilmittel gegen Ärztemangel
Gemeinschaftspraxen sind kein  Allerheilmittel gegen Ärztemangel Emmental/Entlebuch:

Auch die Schaffung von Gemeinschaftspraxen kann den Hausärztemangel nicht beheben. Das bekommen Leute zu spüren, die einen Hausarzt suchen.

«Um bei der Krankenversicherung beim Hausarztmodell mitmachen zu können, brauche ich einen Hausarzt. Ich suche nun schon seit einer Weile, habe aber noch keinen gefunden», meldete eine Frau aus Langnau kürzlich der «Wochen-Zeitung». 

«Wir erhalten fast täglich Anrufe, müssen die Patienten derzeit aber an die umgebenden Praxen in Eggiwil, Schüpbach oder Zollbrück weiterleiten», erklärt der Langnauer Hausarzt Markus Bieri, seinerseits Präsident des Ärztenetzwerkes Oberes Emmental. Die Situation habe sich durch altersbedingte Pensenreduktionen und Schliessungen von Praxen verschärft. Gemeinschaftspraxen hätten sicher Vorteile, beispielsweise was Teilpensen für Ärztinnen anbelange, aber auch Einzelpraxen – wie er eine führt – hätten ihre Vorzüge, ist Markus Bieri überzeugt. «Ich kann sehr effizient arbeiten, weil ich meine Patientinnen und Patienten gut kenne.» Er höre oft Klagen, dass Patienten andernorts ihre Krankengeschichte zig Mal erzählen müssen. «Ich pflege jeweils zu sagen, bei meiner Praxis steht Bieri vorne drauf und Bieri ist auch drin.»

Ein Jahr gesucht 

Dass auch Gemeinschaftspraxen Mühe bekunden, gut ausgebildete und geeignete Ärzte zu finden, bestätigt eine Umfrage bei einem halben Dutzend solcher Praxen im Gebiet der «Wochen-Zeitung». «Wir haben rund ein Jahr lang gesucht, um eine Stelle zu besetzen», erklärt Christine Angehrn, Ärztin im «Xundheitszentrum» in Escholzmatt, das 2013 gegründet wurde. Es gehört zu einem Netzwerk von Hausarztpraxen, das sich im Besitz der Ärztekasse Genossenschaft befindet. Auf der Homepage ist zu lesen, das derzeit auch eine Fachärztin oder ein Facharzt mit einem Pensum von 50 bis 100 Stellenprozenten gesucht wird. «Einen Arzt mit Erfahrung zu finden, der sich auch noch mit dem hiesigen Gesundheitssystem auskennt, ist derzeit fast unmöglich», erklärt Christine Angehrn. Eine Zeit lang habe im «Xundheitszentrum» eine peruanische Ärztin gearbeitet. «Das hatte aber auch für die anderen Ärzte viel Aufwand bedeutet», hat Angehrn die Erfahrung gemacht. 

Warum werden junge Mediziner nicht mehr Hausarzt? «Spezialärzte haben häufig bessere Arbeitszeiten und werden auch eher besser entlöhnt», nennt Christine Angehrn zwei Gründe. 

«Wenn man Menschen über Jahre begleitet, hat man eine viel engere Beziehung als beispielsweise ein Anästhesist, der einen Patienten nur während einer Operation betreut – das kann belasten», hat Markus Bieri die Erfahrung gemacht. «Man muss auch aushalten können, dass man langjährigen Patienten irgendwann mitteilen muss, dass man dieses und jenes nicht mehr heilen kann.» Umgekehrt sei die Aufgabe eines Hausarztes abwechslungsreich und spannend, findet Markus Bieri.

«Am ehesten findet man einen Arzt über Beziehungen»

Martin Meyer (69) ist leitender Arzt im Ärztezentrum Oberdiessbach, das im Jahr 2014 seinen Betrieb aufnahm. Meyer arbeitete nach der Assistenzzeit während neun Jahren in einem Lepraspital in Nepal. Nach der Rückkehr und einer kurzen Spitaltätigkeit in der Schweiz übernahm er im Jahr 2000 mit einem Kollegen eine Hausarztpraxis.  

 

Herr Meyer, was hat Sie einst dazu bewogen, Hausarzt zu werden? 

Urspünglich wollte ich Chirurg werden, merkte aber, dass mir diese Richtung doch nicht ganz lag. Nach der Tätigkeit im Ausland wuchs das Interesse an der Hausarztmedizin; dieses ist bis heute geblieben! 

 

Dass Sie mit 69 Jahren noch arbeiten, unterstreicht die Nachwuchsprobleme bei Hausärzten. 

Obwohl ich noch einige Jahre angehängt habe, sind wir personell trotz drei Ärzten etwas unterdotiert. Im Frühling aber hoffe ich, meine Hausarzttätigkeit zu beenden; eine Nachfolge zeichnet sich ab.

    

Wie haben Sie jemanden gefunden?

Wir hatten die Stellen sehr lange auf Stellenportalen und mit Inseraten ausgeschrieben – ohne Erfolg. Auch Headhunter sind limitiert. Sie finden zwar Ärzte, aber oft solche mit ungenügender Ausbildung oder anderen Unwägbarkeiten. Es meldeten sich beispielsweise Osteuropäer, welche in Deutschland gearbeitet hatten, aber mit dem Schweizer Dialekt überfordert sind. Am ehesten findet man heute durch Beziehungen einen Arzt.

 

Ist eine Gemeinschaftspraxis ein Trumpf, um einen jungen Arzt für eine Anstellung zu gewinnen?

Die Gemeinschaftspraxis bietet sicher Vorteile, etwa für Teilpensen. Es bedingt aber auch, dass man mit anderen Ärzten zusammenarbeiten will. Man kann in einer Gemeinschaftspraxis auch eher geregelte Arbeitszeiten durchsetzen als bei einer Einzelpraxis, in der erst Feierabend ist, wenn der letzte Patient versorgt ist. Die Schaffung von Gemeinschaftspraxen löst das Problem des Hausärztemangels meiner Meinung nach aber nicht.

26.07.2018 :: Bruno Zürcher
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