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Fake News

Eigentlich nervt mich dieser Ausdruck «Fake News». Man sollte hierzulande eher wieder von «Nachrichten, die nicht stimmen» oder so sprechen. Aber es bringt eine traurige Entwicklung im Journalismus auf den Punkt. «Fake News.» Immer öfter werden falsche Nachrichten verbreitet, Redaktionen haben zum Teil die grösste Mühe, diese als falsche Nachrichten zu entlarven. Bin ich als TV-Moderatorin eines Regionalsenders davor gefeit? Oder werde ich irgendwann mit bestem Wissen und Gewissen eine Nachricht verkünden, die schlicht nicht stimmt? Ich kam am Mittag in die Redaktion, als es hiess, wir würden einen Bericht über die sogenannte «Blue-Whale-Challenge» bringen. Der «Blick» hatte berichtet, dass dieses gefährliche «Suizid-Spiel» unter Jugendlichen jetzt auch in der Schweiz angekommen sei. Es wurden Westschweizer Medien zitiert. In diesem Zusammenhang schon nur das Wort «Spiel» zu verwenden, ist mir unverständlich, aber item – es geht darum, dass Jugendliche 50 Aufgaben lösen müssen. Angefangen bei der Aufgabe, einen Wal zu zeichnen, bis dahin, sich umzubringen. Es gab bereits Meldungen aus Russland von Jugendlichen, die sich wegen dieser «Blue-Whale-Challenge» umgebracht hätten. Wir wollten mit unserem Bericht unsere Zuschauer über diesen schlimmen Hype in den sozialen Medien aufklären. So, wie es Medien aus der ganzen Welt bereits getan hatten. Wir fanden einen Jugendpsychologen für ein Interview, er warnte zwar vor Nachahmer, war aber bereit, wichtige Fragen zum Thema zu beantworten. Weiter hatten wir ein Interview mit einem IT-Experten gedreht. Soweit alles okay.   

Im Verlauf des späten Nachmittags plötzlich Hinweise, dass es sich um einen «Fake» handeln könnte. Ist das möglich? Die ganze Welt berichtet über etwas, das eigentlich gar nicht stimmt? Unsere Quellen, die uns kurzfristig warnten, waren aber seriös und glaubwürdig, daher um 17.30 Uhr, eine halbe Stunde vor der Live-Sendung, der Entscheid: wir kippen das Thema. Zu heikel, zu gross das Risiko, dass es sich tatsächlich um eine falsche Nachricht handeln könnte.   

Dann also diese News ohne «Blue-Whale-Callenge»-Bericht.

Einige Tage später dafür unser News-Beitrag zum Thema, ob die «Blue-Whale-Challenge» falsch sei. Saferinternet.at, eine Stelle, die Internetmeldungen auf ihre Echtheit prüft, kommt grundsätzlich zum Schluss, dass es weder Suizid-Fälle im Zusammenhang mit dieser Challenge gibt, noch dass diese Challenge überhaupt existiert. Mein Mutter-Herz jubelt, mein Journalisten-Herz ist nach-
denklich. 



08.06.2017 :: Michelle Renaud
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