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«Es ist schön, in Junge zu investieren»
«Es ist schön, in Junge zu investieren» Süderen:

Sonja und Hans Fankhauser bieten Jugendlichen in schwierigen Lebenssituationen vorübergehend ein Zuhause. Luca lebt seit vier Monaten bei ihnen und möchte noch länger bleiben.

Der Tisch ist schön gedeckt und es riecht verführerisch aus dem Backofen. Essenszeit bei Familie Fankhauser in Süderen. Luca stellt die angerichteten Teller auf den Tisch und setzt sich. 

Heute morgen habe er im externen Stall auf dem Schallenberg geholfen, die Gusti und die Schafe zu versorgen, erzählt er. Misten, Futter rüsten und die Tiere füttern, das alles gehört zu seinen Aufgaben. «Am liebsten arbeite ich mit den Kälbchen», sagt der 15-Jährige. Auch das Staplerfahren hat es ihm angetan. Er hilft, wo es nötig ist. Zum Familienbetrieb, in dem mehrere Generationen arbeiten, gehören ein Viehhandelsbetrieb sowie eine Autogarage. Im Stall stehen zudem 40 bis 50 Kühe. Arbeit gibt es mehr als genug. «Heute weiss ich, wozu ich morgens aufstehe», sagt Luca. 

Zur Ruhe kommen

Der Junge hat eine bewegte Vergangenheit hinter sich. Er wohnte bei zwei Pflegefamilien, lief weg, konsumierte Alkohol und Cannabis und «machte vieles, was nicht gut war», wie er sagt. Die Schule besuchte er «nach Lust und Laune». Er machte mit der Polizei Bekanntschaft und wurde schliesslich zwecks Abklärung an die kantonale Beobachtungsstation Bolligen (Beo-Bolligen, siehe Kasten) überwiesen. Diese vermittelte ihm den Platz bei der Familie Fankhauser. Hier kam er zur Ruhe. «Ich wollte meine Vergangenheit hinter mir lassen, Distanz gewinnen, wieder einen festen Wohnsitz haben.» Vor allem hat er wieder eine Perspektive für sein Leben gefunden. «Mein Ziel ist es, im nächsten Sommer eine Lehre zu beginnen, am liebsten als Multimediaelektroniker.» Eine Schnupperlehre hat er bereits absolviert.

Eine Herzenssache

Luca ist nicht der erste junge Mann, der bei Sonja und Hans Fankhauser vorübergehend ein Zuhause findet. «Seit acht Jahren arbeiten wir mit der Beo-Bolligen zusammen», erzählt Sonja Fankhauser. Es sei schön, in junge Menschen zu investieren, sie zu unterstützen, damit sie wieder auf Kurs kämen. Obwohl sie dafür entschädigt würden, gehe es ihnen nicht ums Geld. «Wir haben diese ‹Giele› einfach gern. Das ist für uns eine Herzensangelegenheit.» Anders als bei den eigenen zwei Töchtern, die heute im Alter von 23 und 27 Jahren sind, sei es nicht ihre Aufgabe, erzieherisch zu wirken. «Es geht vielmehr darum, ihnen für eine gewisse Zeit ein Zuhause und Stabilität zu bieten», sagt Hans Fankhauser. Dazu gehöre natürlich auch, Leitplanken zu setzen. So müssen sie ihre Wohnung gleich nebenan selber putzen, mitteilen, wohin sie gehen und nur draussen rauchen. Ganz allgemein legten sie Wert auf einen respektvollen Umgang miteinander, betont Hans Fankhauser. «Das Wichtigste ist aber, dass wir authentisch sind. Wir leben so, wie wir das sonst auch tun würden. Wenn wir uns verstellten, käme das nicht gut an.» Dazu gehört auch, dass die Fankhauser zu ihrem christlichen Glauben stehen. So wird vor dem Essen gebetet. «Wir missionieren niemanden, diskutieren aber gerne über religiöse Fragen, wenn dies die Jugendlichen wünschen.» 

Krisen gehören dazu

Derweil hilft Luca, den Tisch abzuräumen. «Das ist nicht etwa sein Sonntagsgesicht, weil Besuch da ist», betont Sonja Fankhauser. Er sei wirklich hilfsbereit und habe angenehme Umgangsformen. Zu Beginn, erzählt Luca, sei er am Abend jeweils völlig kaputt gewesen von der ungewohnten körperlichen Arbeit. Aufgegeben habe er aber nie. Dass es bei den Jugendlichen nach einigen Wochen zu einer Krise kommt, sei nicht aussergewöhnlich, weiss Sonja Fankhauser. Sie hätten etwa Motivationsschwierigkeiten oder Mühe, auf einem Landwirtschaftsbetrieb zu arbeiten. «Ich will ja nicht Bauer werden», heisst es etwa. «Dann ist es wichtig, dran zu bleiben und nicht aufzugeben.» 

Familien werden unterstützt

Gibt es ernste Probleme, können diese mit der zuständigen sozialpäda-gogischen Bezugsperson der Beo-Bolligen besprochen werden. Diese besucht die Gastfamilie einmal pro Woche. «Damit wollen wir sie entlasten», sagt Fritz Schindler, stellvertretender Leiter des Bereichs Gastfamilien. «In solchen Fällen ist es unsere Sache, eine Lösung mit den Jugendlichen zu finden.» Ausserdem stehe den Familien rund um die Uhr ein Bereitschaftsdienst zur Verfügung. Die jungen Männer stehen aber auch sonst in regelmässigem Kontakt zur Beo-Bolligen. Bis zu fünf Tage pro Woche gehen sie in Bolligen zur Schule. «Ziel ist es, Lücken zu füllen und, wenn möglich, auf eine Ausbildung hinzuarbeiten», sagt Fritz Schindler. «Das Schwergewicht bei Luca liegt zum Beispiel bei der Mathematik, weil er ja einen technischen Beruf lernen möchte.» Er reist immer am Mittwoch nach Bolligen. Unterrichtet wird in Kleinstgruppen mit maximal vier Schülern. 

Zudem haben die Jugendlichen jede Woche ein Gespräch mit der psychologischen Bezugsperson und durchlaufen eine umfassende Abklärung. Dies alles diene dazu, Ressourcen und Förderansätze zu finden und am Schluss eine Empfehlung abzugeben, wie es mit dem Jugendlichen weitergehen könnte, erklärt Fritz Schindler. 

Immer wieder Abschied nehmen

Manchmal, wenn es sinnvoll erscheint und für alle Seiten stimmt, kann ein junger Mann länger als die üblichen sechs bis neun Monate Abklärungszeit bei seiner Gastfamilie bleiben. Für Luca ist klar, dass er dies möchte, mindestens bis er das erste Lehrjahr absolviert hat. Auch Sonja und Hans Fankhauser hätten nichts dagegen einzuwenden. Es sei manchmal schwer, nach einigen Monaten, wenn man sich aneinander gewöhnt habe, wieder Abschied zu nehmen, gesteht Sonja Fankhauser. «Sich immer wieder auf jemanden Neuen einzulassen ist zwar interessant, braucht aber auch viel Energie.» Besonders schön sei es, wenn sich ein Junge später wieder bei ihnen melde. «Gerade kürzlich kam ein junger Mann zu Besuch, der vor sieben Jahren bei uns lebte. Er hat einen guten Weg eingeschlagen. Das zu sehen, ist der schönste Lohn für uns.»


 

Für Jugendliche, die durch alle Maschen gefallen sind

Die kantonale Beobachtungs-station Bolligen bietet unter anderem 36 dezentrale stationäre Plätze für verhaltensauffällige, normalbegabte Jugendliche an. Einweisende Stellen seien Sozialdienste, die Kesb oder Jugendstaatsanwaltschaften, erklärt Fritz Schindler, stellvertretender Leiter des Bereichs Gastfamilien. Nach der Abklärung, die sechs bis neun Monate dauert, wird der einweisenden Stelle eine Empfehlung abgegeben. Die männlichen Jugendlichen sind bei Eintritt im Alter zwischen zirka 13 und 18 Jahren. Sie seien oft durch alle sozialen Maschen gefallen und in anderen Institutionen nicht mehr tragbar, sagt Schindler. 

In der Beo-Bolligen werden die Jugendlichen in unterschiedlichen Wohnformen betreut, zum Beispiel in Gastfamilien. Derzeit verfügt die Institution über 14 Gastfamilien. «Wir sind immer wieder auf der Suche nach Bauernfamilien, die sich eine solche Aufgabe zutrauen», sagt Fritz Schindler. 

Das kantonale Jugendamt ist für die Führung der Beobachtungsstation Bolligen zuständig.


05.01.2018 :: Silvia Ben el Warda-Wullschläger
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