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Die Spirale der Not drehte unablässig
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Barbara Lutz legt mit «Keinen Seufzer wert» einen Roman vor, der einen historischen Kriminalfall aufrollt. Ergänzend zu den Verhöraussagen beschreibt sie das Leben.

Die Geschichte endet, bevor die Köpfe rollen. Letztmals rollen. Denn die Protagonisten des Romans «Keinen Seufzer wert» existierten real und waren die letzten, welche im Kanton Bern mit dem Schwert gerichtet wurden. Das war 1861. 

Dass die Hinrichtung nur ganz am Rand erwähnt wird, stört den Leser nicht. Interessant an der Geschichte ist vielmehr, zu erfahren, wie die Ausweglosigkeit die Schlinge immer enger zuziehen lässt, die sich um das Leben der Familie Wyssler und damit auch um deren Vermieter, Res Schlatter, gelegt hat. Ausweglos ist das Leben der Familie Wyssler wegen der schieren Not. Am Ende des Buches gibt die Autorin wieder, was die Familie besass. Notar Salzman aus Signau hatte das Inventar aufgenommen: Er notierte fein säuberlich jeden Gegenstand des Haushalts – und seien es auch nur zwei Körbe mit Lumpen im Wert von 50 Rappen. Er kam auf ein Vermögen von 33.05 Franken. 

Es sollte besser werden

Dabei war die Familie Wyssler vom Oberaargau auf den Schafberg bei Signau umgezogen, um ein besseres Leben zu haben. Zu Beginn sah alles gut aus. Der alte, alleinstehende Bauer Res Schlatter suchte jemanden, der bei ihm wohnte und ihn bei den Arbeiten unterstützte. Auch sollten die Mietsleute einen Pflanzblätz bewirtschaften und eigene Ziegen halten können. Doch es kam anders: Ziegen konnte sich die Familie nie anschaffen. Das Geld dafür war nicht vorhanden, schliesslich hatten sich die Schulden mit dem Umzug nicht in Luft aufgelöst. Die negative Spirale drehte sich ungebremst weiter. Als im Frühling die Kartoffeln gepflanzt werden sollten, waren diese grösstenteils gegessen – was auch bedeutete, dass man kommenden Winter kaum etwas zu essen haben würde. Ausser man würde stehlen. Aber Schlatter kontrollierte genau, dass nichts abgezweigt wird; nicht einmal Milch für die beiden kleinen Kinder. 

«Keinen Seufzer wert» zeigt eindrücklich auf, dass es zu der Zeit ganz schwierig war sich nach oben zu arbeiten. Als Schuhmacher verdiente der Familienvater, Jakob Wyssler, so gut wie nichts. Und taglöhnern konnte er nur während weniger Tag im Heuet und in der Erntezeit. Die Not wurde immer grösser, auch weil Schlatter immer misstrauischer und hartherziger wurde. Wyssler wiederum verkehrte öfter mit finsteren Gesellen, trank auch immer mehr Bätzi, damit wenigstens etwas den Magen wärmte. 

Berndeutsche Worte wie «Bätzi» hat die aus Deutschland stammende Autorin Barbara Lutz in einem Glossar erklärt, wobei die Lektüre der hiesigen Leserschaft keinerlei Schwierigkeiten bereitet. Im Glossar wird sogar ausgeführt, was «Zmorge» bedeutet. 

Sich in eine andere Welt träumen

Annelies ist die stärkste Figur der Geschichte. Jakob Wysslers Frau, Verena, hat das Mädchen mit in die Ehe gebracht. Die Zehnjährige ging kaum zur Schule, wollte aber Lesen lernen. Sie war die einzige, die zu Res Schlatter Zugang fand. 

Als dessen Tod besiegelt war, stieg Annelies auf die Bühne und klettert ins Heu. «Den Duft vom letzten Sommer in der Nase, liegt sie hier warm und weich. Unten im Stall, in der Küche und vor dem Haus hört sie die Männer lärmen. Die halbe Nacht hindurch sind Stimmen zu vernehmen, es kommen fremde Menschen und gehen wieder fort. Annelies drückt sich mit festen Fingern die Ohren zu und stellt sich Nebelbilder vor. Ein Dampfschiff, auf dessen Deck eine Leuteschar mit bunten Tüchlein winkt, fährt über einen Schweizersee.»

 

Barbara Lutz – «Keinen Seufzer wert», Roman,
240 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, Fr. 28.–, 978-3-85791-838-4

02.11.2017 :: zue.
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