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Der «Bub» ist froh, das Gesuch nun doch noch ausgefüllt zu haben
Der «Bub» ist froh, das Gesuch nun doch noch ausgefüllt zu haben Verdingkinder:

Noch bis Ende Monat können Opfer von Fremdplatzierungen und von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen ihr Gesuch um den Solidaritätsbeitrag einreichen. So wie Hans F.

Hans F. hat sich nun doch noch dazu durchgerungen, ein Gesuch um den Solidaritätsbeitrag (siehe Kasten) einzureichen. Und er rät auch anderen, es zu tun. «Die Unterstützung, die bei den Anlaufstellen geboten wird, ist sehr gut. Niemand muss Angst haben, dass er das nicht schafft.» Lange Zeit habe er gedacht, dass er kein Gesuch stellen werde. «Ich hatte selber keine Unterlagen von mir, nicht einmal ein Schulzeugnis, und bei der Gemeinde erhielt ich keine Auskunft», sagt Hans F. (Name geändert). Doch dann motivierten ihn verschiedene Leute, sich bei der Opferhilfe Bern zu melden. Das hat er getan, und diese bemüht sich nun, Akten von ihm zu finden. «Irgendwo sei ich sicher registriert, sagte mir der Berater. Die Fachleute wissen, wo sie nachfragen können.» 

Arbeit und Schläge

Hans F. wurde in Fankhaus in der Gemeinde Trub geboren. Die Familie mit 17 Kindern zog später nach Eggiwil und dann nach Wasen. «Ab der vierten Klasse wurde ich zu einem Bauern nach Heimisbach – damals hiess es noch Dürrgraben – verdingt. Auch neun weitere Geschwister wurden fremdplatziert. Meine Eltern konnten nicht alle Kinder ernähren.» Es seien nicht die Behörden gewesen, die das verordnet hätten, berichtet Hans F., der heute nicht mehr im Emmental wohnt. «Das ging damals unter der Hand; die reichen Bauern schauten, wo es viele Kinder hatte und nahmen diese als billige Arbeitskräfte auf.» 

Bei der Familie in Heimisbach hatte Hans F. keinen Namen, er hiess einfach «Bub». Er musste von morgens bis abends arbeiten und auch Tätigkeiten verrichten, die für ein Kind eigentlich zu schwer waren. Schläge, Tritte und andere Bestrafungen wie Einsperren gehörten zur Tagesordnung. Für den Sohn des Bauern musste er den Kopf regelmässig hinhalten. «Wenn er etwas anstellte, schob er die Schuld auf mich.» Freunde durfte er keine haben, seine Familie sah er kein einziges Mal. Wenigstens der Lehrer erkannte die Situation, liess ihn in der Vorlesestunde schlafen. «Aber ändern konnte er auch nichts.» Ab und zu sei jemand von der Gemeinde vorbeigekommen, wozu, weiss Hans F. nicht. «Sicher nicht, um mir zu helfen.» 

Zum ersten mal ein Familienleben

Das Leben des heute 79-Jährigen verbesserte sich erst, als er nach der Schulzeit wieder nach Hause zurückkehren konnte. Er half auf dem Hof und zwei Jahre später absolvierte er ein Bauernlehrjahr. «Dort habe ich es gut getroffen. Zum ersten Mal erlebte ich, wie schön es in einer Familie sein kann.» Nach der RS trat er in der Empfa Bern (Eidgenössische Militärische Pferdeanstalt) als Pferdekrankenpfleger ein, später wechselte er in die Abteilung Einkauf Armeematerial. Er gründete eine Familie. 

Wider das Vergessen

Seine Vergangenheit als Verdingkind hat Hans F. nie verschwiegen. Es sei ihm gelungen, das Erlebte zu verarbeiten und damit zu leben. Er hat mehrmals in den Medien Stellung genommen und seine Geschichte erzählt. «Das hat mich mit der Zeit aber zu sehr aufgewühlt, so dass ich nicht mehr schlafen konnte.» Deshalb habe er Distanz gebraucht und sich nicht um das Gesuch um den Solidaritätsbeitrag kümmern mögen. Doch nun ist er froh, es ausgefüllt zu haben. Die finanzielle Entschädigung steht für ihn nicht im Vordergrund. Wiedergutmachen könne man das Geschehene nicht. «Aber es ist ein Zeichen, dass die Opfer nicht vergessen sind und eine Anerkennung des erlittenen Unrechts.» Hans F. findet es wichtig, dass dieses düstere Kapitel der Schweizer Geschichte aufgearbeitet wird. «So etwas darf nie wieder geschehen.»


 

Das Gesetz und die Hilfe beim Ausfüllen

Das Bundesgesetz über die «Aufarbeitung der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen vor 1981» trat am 1. April 2017 in Kraft. Es sieht neben der ausdrücklichen Anerkennung des von den Opfern erlittenen Unrechts und einer umfassenden wissenschaftlichen Aufarbeitung insbesondere auch die Auszahlung eines Solidaritätsbeitrages an die Opfer vor. Dafür hat das Parlament einen Zahlungsrahmen von 300 Millionen Franken bewilligt. Alle Opfer, deren Gesuch gutgeheissen wird, erhalten den gleichen Betrag. Die 300 Millionen werden durch die Gesamtzahl der bewilligten Gesuche geteilt, der Maximalbetrag beläuft sich auf 25’000 Franken. 

Das Gesuchsformular und die Wegleitung sind beim Bundesamtes für Justiz erhältlich: www.bj.admin.ch. Solidaritätsbeiträge, 058 462 42 84. Betroffene erhalten beim Ausfüllen des Gesuchs unter anderem bei folgenden Stellen Unterstützung:

• Opferhilfe Bern, 

 Seftigenstrasse 41, 

 3007 Bern, 031 370 30 70
beratungsstelle@opferhilfe-bern.ch

• Opferhilfe Luzern, 

 Obergrundstrasse 70, 

 6003 Luzern, 

 041 228 74 00,

 opferberatung@lu.ch

 

01.03.2018 :: Silvia Ben el Warda-Wullschläger
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