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«Das war nicht recht, dagegen musste man sich wehren»
«Das war nicht recht, dagegen  musste man sich wehren» Sumiswald:

Mit einer kleinen Feier ehrte die Gewerkschaft Unia Oberaargau-Emmental ihre langjährigen Mitglieder – so auch Ernst Dubach, der seit 74 Jahren Gewerkschafter ist.

Was um alles in der Welt bringt einen 17-jährigen Burschen, der normalerweise doch alles andere im Kopf hat, dazu, der Gewerkschaft beizutreten? Diese Frage stellt sich, wenn man heute dem Mann mit Jahrgang 1926, der immer noch aktiver Gewerkschafter ist, am Tisch gegenüber sitzt. «Es waren böse Zeiten», beginnt Ernst Dubach zu erklären. «Es war Krieg, der Vater kam schwer krank aus dem Aktivdienst zurück und musste zur Kur in ein Sanatorium. Mutter hatte einen kleinen Verdienst in einer Gärtnerei, aber mit fünf minderjährigen Kindern reichte es nirgends hin.» So musste sie notgedrungen ihre zwei Ältesten zu Bauern verdingen, wo sie noch während der Schulzeit für Kost und Logis arbeiteten. Weder die Krankenkasse noch der ehemalige Arbeitgeber – wo Vaters Lungenleiden wegen des Staubes womöglich den Anfang genommen hatte – halfen, die Schulden tragen. Wollte man nicht die Schande der Armenge-nössigkeit riskieren, musste man sich bei allem einschränken. «Freizeit und Ferien waren Fremdwörter für uns, nicht einmal einen Beruf durfte ich erlernen. Für den Konfirmationsanzug musste ich noch ein halbes Jahr beim Bauern arbeiten. Dann hiess es, eine Stelle als Hilfsarbeiter suchen», erinnert sich der alte Mann. Das war bitter, das hat ihn geprägt.

60-Stunden-Woche

Ernst Dubach fand in der Nähe des Wohnorts eine Stelle, beim Metallverarbeiter Fritz Leibundgut. Für einen Stundenlohn von 60 Rappen arbeitete er zehn Stunden pro Tag, auch am Samstag. Das war damals normal für «Büezer», vor allem auf dem Land. Er brachte die 150 Franken Lohn der Mutter – wie aber hätte eine Familie davon leben sollen? Ernst Dubach trat der Gewerkschaft Schweizerischer Metall- und Uhrenarbeiter (Smuv), Sektion Sumiswald, bei. Er wollte, dass Arbeiter genug zum Leben verdienten und nicht beim geringsten Anlass wie Hunde davon gejagt wurden. Frauen hatten damals kaum die Möglichkeit, etwas zu verdienen. Sie bewirtschafteten den Pflanzblätz, betreuten die meist grosse Kinderschar, flickten Kleider, strickten Strümpfe, kochten und heizten mit Holz. 

Nicht für sich gestritten

In der Gewerkschaft wählte man den klugen, engagierten Burschen gleich nach der Rekrutenschule in den Vorstand, wo er bis zum Zusammenschluss mit der Unia verblieb, elf Jahre sogar als Präsident. Leider sind die vielen Sitzungsprotokolle, die Ernst Dubach erst von Hand, später auf einer mechanischen Schreibma-schine verfasste, verschwunden. «Persönlich hatte ich kaum Grund zur Klage, mein Arbeitgeber behandelte mich den Umständen entsprechend  gerecht und beförderte mich nach einiger Zeit sogar zum Speditionsleiter. So blieb ich ihm bis zur Pensionierung treu. Aber ich hörte von Arbeitern, denen der Chef nahelegte, bei der Gemeinde betteln zu gehen, anstatt ein wenig mehr zu zahlen. Das war nicht recht, dagegen musste man sich wehren.»

Als «Linker» in der Gemeindepolitik

Ernst Dubach trat auch der Sozialdemokratischen Partei bei. Das machte ihn im von der Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei (BGB) geprägten Dorf nicht beliebt, man munkelte sogar von Kommunist. Als er jedoch in den Gemeinderat gewählt wurde, habe man sachlich und fair politisiert, sagt er. «All die Ämter, die mir so viel bedeuteten, konnte ich nur ausüben, weil meine Frau Trudi sich um alles kümmerte und mich gehen liess», sagt er. Die Familie lebte mit drei Kindern im kleinen Häuschen von Dubachs Eltern am Steilhang, wo sie noch einen Gemüsegarten und Schafe hatten. 

Viel erreicht

Die Gewerkschaft habe viel erreicht, schaut Ernst Dubach mit Befriedigung zurück. Nach dem Krieg wurde die AHV eingeführt, später die -Arbeitslosenversicherung und Pensionskasse, auch Krankenkasse, Unfall- und Invalidenversicherung wurden obligatorisch. Der freie Samstag gab viel zu reden, die 42-Stunden-Woche auch und der Mutterschaftsurlaub erst recht. Heute sind aus einer Woche Ferien deren fünf geworden und man spricht sogar von Vaterschaftsurlaub. Dubach ist mit 91 Jahren noch immer aktiver Gewerkschafter. Er weiss Bescheid, macht sich Sorgen wegen der Auslagerung von Produktionen ins Ausland und der Vernichtung von Arbeitsplätzen. Und nicht zuletzt bedeutet ihm das Zusammensein mit den Kameraden viel. Also kann er womöglich dieses Jahr nebst dem 70. Hochzeitstag auch noch 75 Jahre Gewerkschaft feiern.

05.01.2018 :: Gertrud Lehmann
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