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Dank einer zweiten Chance zu einer soliden Berufsausbildung
Dank einer zweiten Chance zu einer soliden Berufsausbildung Walkringen:

Die Stanley Thomas Johnson Stiftung ermöglicht 34 Menschen, eine Erstausbildung zu machen. Etha Varone beginnt im Rüttihubelbad ihre Ausbildung zur Fachfrau Hauswirtschaft.

«Wie viele Flaschen von der Handdesinfektion brauchen wir?» Etha Varone steht mit einem Klemmbord im Hauptlager für Putzmittel im Keller der Stiftung Rüttihubelbad. Gemeinsam mit Janine Amstutz bestückt sie einen Reinigungswagen mit den unterschiedlichsten Putzmitteln. «Die Ware verteilen wir nun auf die verschiedenen Putzräume im gesamten Gebäude. Pro Stock hat es meistens ein Lager, wo sich das Putzpersonal die benötigten Mittel zur Reinigung holen kann», erklärt Etha Varone. Sie nimmt teil an dem Pilotprojekt «2. Chance auf eine 1. Ausbildung». Im Vorfeld ihrer dreijährigen Ausbildung zur Fachfrau Hauswirtschaft EFZ hat sie im März mit einem Praktikum begonnen. 

Zuerst ein dreitägiges Schnuppern

«Ich hatte eigentlich keine Hoffnung mehr, dass ich mich noch einer Lehre stellen würde. Mein Selbstbewusstsein war nicht gut und ich wusste nicht, was mich wirklich interessiert», berichtet die 37-Jährige und holt eine Grosspackung Papierhandtücher aus dem Regal. «Ich sprach mit meiner Cousine, die sich in der Ausbildung zur Fachfrau Hauswirtschaft befindet. Sie erklärte mir, auf was sie bei den unterschiedlichen Bodenmaterialen achten müsse wie zum Beispiel bei Platten aus Keramik.» Sie sei hellhörig geworden und habe begonnen, ihrer Cousine über den Beruf auszufragen. «Plötzlich wusste ich, was mir gefallen könnte.» Der Zufall wollte es, dass Etha Varone die Ausschreibung der Stanley Thomas Johnson Stiftung in die Hände kam. Die Stiftung richtete sich im vergangenen Frühling gemeinsam mit dem Mittelschul- und Berufsbildungsamt an Menschen, die älter als 25 Jahre sind und eine Erstausbildung machen wollen. «Ich bewarb mich und wurde mit 33 anderen aus über 300 Interessenten ausgewählt. Das hat mich motiviert und ich bewarb mich auf eine freie Lehrstelle in der Hauswirtschaft im Rüttihubelbad», erinnert sie sich. Sie wurde daraufhin zu einem dreitägigen Schnuppern eingeladen. Mit Regina Rüfenacht, der Verantwortlichen für die Lernenden, wurde dann ein sechsmonatiges Praktikum vereinbart. 

Labyrinthartiges Gebäude

Mittlerweile sind die beiden Frauen im Putzmittellager des Alterswohn- und Pflegeheims angekommen. «Zu Beginn war es für mich schwierig, mich in dem Gebäude zurechtzufinden – es erschien mir wie ein Labyrinth. Mittlerweile ist das kein Problem mehr», meint Etha Varone erleichtert. Auf einer Liste notiert sie gewissenhaft, welche Produkte sie im Lager der jeweiligen Abteilungen deponiert hat. «Anhand dieser Liste wird dann zum Beispiel eine Rechnung für das Hotel oder das Altersheim ausgestellt», erklärt sie den Grund für diesen Arbeitsschritt. Etha Varone ist heute zum ersten Mal auf dem «Putzmittelcheer», wie ihn die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nennen. Begleitet wird sie von der Hotelfachfrau Janine Amstutz. «Ich kann von ihrer Erfahrung profitieren, zum Beispiel wie viele Handseifen oder Abfallsäcke wo benötigt werden.» 

Solide Ausbildung gibt Sicherheit

Während ihres Praktikums arbeitete sie je einen Monat in der Reinigung und Wäscherei, je zwei Wochen in der Küche, im Service im Speisesaal und am Buffet sowie einen Tag in der Blumenwerkstatt und in der Backwerkstatt. «Ich erhielt einen Einblick in viele Arbeitsbereiche und weiss nun, dass mir dieser vielseitige Beruf gefällt.» Am 14. August beginnt für Etha Varone nahtlos ans Praktikum die dreijährige Ausbildung – und zwar mit einem ersten Schultag an der Gewerbeschule in Bern. 

Während des Praktikums und der Lehre wird Etha Varone von der Stanley Thomas Johnson Stiftung finanziell unterstützt: Sie erhält den Ausgleich zwischen dem Lehrlingslohn und dem Existenzminimum. «Für diese Chance, diese zweite Chance, bin ich sehr dankbar. Mein Ziel ist es, die Ausbildung abzuschliessen und danach noch zwei Jahre weiterzuarbeiten», verrät sie. Dann möchte sie auf eine längere Reise gehen mit dem beruhigenden Gedanken im Hinterkopf: «Ich habe einen soliden Beruf in der Tasche, das gibt mir Sicherheit.»


Später Einstieg in die Berufswelt

Die Stanley Thomas Johnson Stiftung trägt Projekte mit, die Menschen beim Zugang zu Schul- und Berufsausbildung helfen sowie solche, die Betroffene von Konflikten oder Gewalt unterstützen. Auch Menschen, die in darstellender und bildender Kunst tätig sind, können ein Gesuch einreichen. 

Mit dem erstmaligen Projekt «2. Chance auf eine 1. Ausbildung» bietet die Stiftung in Zusammenarbeit mit der Erziehungsdirektion des Kantons Bern rund 30 Personen die Möglichkeit, eine Ausbildung nachzuholen. «Das Projekt richtet sich an Menschen, die 25 Jahre alt oder älter, im Kanton Bern wohnhaft sind und keine Berufsausbildung abgeschlossen haben», schreibt die Stiftung auf ihrer Webseite. 


27.07.2017 :: Veruschka Jonutis
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