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Brauchen die Feuerwehren neue Leute oder sind die Bestände sogar zu gross?
Brauchen die Feuerwehren neue Leute oder sind die Bestände sogar zu gross? Emmental: Manche Feuerwehren haben Mühe, Abgänge zu ersetzen und tagsüber genügend Leute aufbieten zu können. Die GVB rät, Bestände zu reduzieren und zusammenzuarbeiten.

Aufs Jahresende hin führen viele Feuerwehren Rekrutierungsanlässe durch, so auch am 25. Oktober jene in Grosshöchstetten. «Wir brauchen dich», lautet die Ausschreibung. Das Problem, genügend Leute zu finden, habe sich in den letzten Jahren verschärft, sagt Niklaus Kirchhofer, stellvertretender Kommandant der Feuerwehr Grosshöchstetten und dort seit 20 Jahren aktiv. Mittlerweile verzeichneten sie mehr Aus- als Eintritte. «Nach der Fusion mit den Feuerwehren Schlosswil und Oberthal fiel das nicht ins Gewicht, da wir Personal abbauen mussten. Doch nun sind wir bei einem Bestand von etwa 80 angelangt, und den sollten wir halten können.» Weil demnächst starke Jahrgänge aus dem Dienst ausscheiden würden, werde sich das Problem verschärfen.

Freizeit nicht opfern

Die Gründe für die Rekrutierungsschwierigkeiten seien vielfältig, betont Kirchhofer, der das Problem mit Verantwortlichen anderer Feuerwehren erörtert hat. Längst nicht mehr alle Arbeitgeber seien heute bereit, ihre Mitarbeiter für die Feuerwehr freizustellen. Fehlzeiten für Ausbildung und Einsätze müssten vielerorts mit Ferien oder Überzeit kompensiert werden oder es entfalle während dieser Zeit der Lohn. Das könne mit dem Sold nicht aufgefangen werden. «Der Hauptgrund ist aber, dass immer weniger Leute bereit sind, ihre Freizeit für einen solchen Dienst an der Gesellschaft zu opfern», erklärt Niklaus Kirchhofer. Dies umso mehr, als das Mitmachen in der Feuerwehr verbindlich sei. An Übungen fehlen, geht nur in Ausnahmefällen, schliesslich muss der Ernstfall geübt werden. Um dafür fit zu sein, sei der Aufwand beträchtlich, sagt Kirchhofer: pro Monat je nach Funktion ein oder mehrmals Übung, zusätzlich noch die Einsätze. «Das ist zwar streng, schweisst aber auch zusammen. Die Kameradschaft ist einer der wichtigsten Pluspunkte der Feuerwehr. Jeder kann sich auf den anderen verlassen.» Ob die Ortsfeuerwehren längerfristig Bestand haben, bezweifelt er. «Früher oder später wird es wahrscheinlich zu weiteren Zusammenschlüssen kommen.»

 

Probleme am Tag

Zur Regiofeuerwehr Sumiswald fusioniert haben Affoltern, Trachselwald und Sumiswald, unter anderem aus Personalgründen. Trotzdem spricht Feuerwehrkommandant Heinrich Grossenbacher von einem grossen Aufwand, den sie betreiben würden, um Abgänge zu ersetzen. Das Vorgehen ist gleich wie in Grosshöchstetten: jährliche Infoanlässe, so auch am 20. Oktober, das direkte Ansprechen von Leuten oder das Angebot einer Jugendfeuerwehr. «Die grösste Herausforderung stellt es dar, genügend Leute zu finden, die tagsüber verfügbar sind, da viele Leute auswärts arbeiten», ergänzt Grossenbacher.

 

Zu viele Interessenten

Die Tagesverfügbarkeit ist auch bei der Feuerwehr Region Langnau ein Thema, vor allem in Dörfern mit vielen Pendlern wie Bowil oder Signau. Dank der Regionalisierung stelle dies aber kein Problem dar, sagt der hauptamtliche Kommandant Werner Eberle. «In Langnau stehen immer 20 bis 30 Personen zur Verfügung.» Mühe, neue Leute zu finden, hat die grösste Feuerwehr im oberen Emmental nicht. Im Gegenteil: «Wir erhalten alle zwei, drei Wochen Anfragen, können aber unter dem Jahr keine neuen Mitglieder aufnehmen», so Eberle. Bei der Fusion der fünf Feuerwehren betrug der Bestand 500, heute noch 155. 

Freude ob solcher Entwicklungen bekundet die Gebäudeversicherung Bern (GVB), die zuständig ist für die strategische Aufsicht der bernischen Feuerwehren. «Die Aussage, dass die Feuerwehren keine Leute finden, stimmt so nicht», sagt der kantonale Feuerwehrinspektor Peter Frick. In vielen Feuerwehren seien die Bestände nämlich nach wie vor zu hoch und es würden pro Ereignis oft noch zu viele Leute aufgeboten. Gemäss schweizerischen Standards müssten bei einem Ersteinsatz in dicht besiedeltem Gebiet innert zehn Minuten acht bis zehn Leute vor Ort sein, in dünn besiedelten Regionen innert 15 Minuten. «Wenn bei einem Wohnungsbrand 40 Leute ausrücken, ist das nicht zeitgemäss», betont Frick, ohne dabei auf eine der befragten Feuerwehren anzuspielen. Dank besserer Ausrüstung und Ausbildung, grösserer Mobilität und regional verfügbaren Spezialgeräten würden die Feuerwehren heute generell mit weniger Leuten effizienter arbeiten.

 

Noch mehr abbauen

Die Reduktion ist nach Ansicht von Peter Frick noch nicht abgeschlossen. Der Bestand im Kanton Bern habe sich in den letzten 30 Jahren auf 12’500 Personen halbiert. «Die GVB geht davon aus, dass die Aufgaben dereinst mit 7000 bis 8000 Feuerwehrangehörigen erfüllt werden können.» Um dem Problem der Tagesverfügbarkeit zu begegnen, gebe es neue Lösungsansätze, etwa einen Mix von Berufs- und Milizfeuerwehr. «Haupteinsatzkräfte würden an Werktagen tagsüber ein grösseres Gebiet abdecken und nachts sowie an Wochenenden von Milizionären ergänzt», erklärt Frick. Zudem werde man nicht drum herumkommen, weitere Zusammenschlüsse zu tätigen. «Da besteht im Emmental noch Potenzial.» Gefordert seien die Gemeinden, welche die Mittel für ihre Feuerwehr zur Verfügung stellten.

 




12.10.2017 :: Silvia Ben el Warda-Wullschläger
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