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Bald 80 Jahre alt und noch immer im Klettergurt an der Felswand
Bald 80 Jahre alt und noch immer  im Klettergurt an der Felswand Langnau:

Seraphin Müller wird nächstes Jahr 80 Jahre alt. Das hält ihn nicht davon ab, weiterhin schwierige Klettertouren in senkrechten Felswänden zu unternehmen.

Mit breiten Schultern steht Seraphin Müller im Rahmen seiner Kellertür im Haus ob Langnau. Er streckt die Arme aus und greift mit den Fingern in den Kletterbalken oberhalb der Tür. Scheinbar mühelos zieht er sich daran hoch, legt seine Füsse auf die danebenstehende Waschmaschine und macht ein paar straffe Klimmzüge. Seraphin Müller ist nicht etwa ein junger Mann in den Zwanzigern, sondern wird nächstes Jahr 80 Jahre alt. Für den Hobbykletterer noch lange kein Grund, die Kletterfinken in die Ecke zu stellen. Rund zwei Mal in zehn Tagen geht er auf eine Klettertour oder in eine Kletterhalle, hangelt sich von Haken zu Haken in luftiger Höhe. Dazu kommen täglich je rund 20 Liegestützen und Klimmzüge sowie Bergwanderungen und Mountainbike-Ausflüge.

Als Seilerster auf Tour

«Auf den Touren im Fels will ich immer noch Seilerster sein», sagt Seraphin Müller mit dem Ehrgeiz eines ambitionierten Sportlers. Das sei die grösste Herausforderung. Der Seilerste ist jener, der den Felsen analysiert, den Weg wählt und das Sicherungsseil in den Haken befestigt – gefolgt von den anderen Kletterern in der Seilschaft. Er wählt zudem schwierige Kletterrouten im Schwierigkeitsgrad sechs. Ob er die Kletterfinken an den Nagel hängt, wenn er eines Tages nicht mehr zuvorderst sein und schwierige Routen klettern kann, lässt er offen. Ans Aufhören denkt der Langnauer vorläufig nicht.

Klettern sei «nichts Rechtes»

Seit rund 65 Jahren steigt Müller Felswände hoch. Als er 15 Jahre alt war, nahmen ihn ein paar ältere Bergsteiger im Jura mit auf eine Tour. Die Eltern hätten keine Freude gehabt an seinem Hobby, zu gefährlich und «nichts Rechtes» sei es für sie gewesen, erinnert er sich. Doch Seraphin Müller ging seinen Weg unbeirrt weiter – in den harten Schuhen und mit dem schwerem Material von damals. «Heute sind es eher Ballettschuhe», sagt er und blickt auf die Schuhe an seinen Füssen, die er zuhause wie Finken trägt. 

Seine zig Klettertouren führten ihn in den heimischen Jura, in die meisten Berge der Schweiz, auf den Mont Blanc, den Wilden Kaiser und in die Dolomiten. Diesen Frühling reiste er mit einer Klettergruppe nach Sizilien. «Am Flughafen haben sich die anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmer wahrscheinlich gefragt, was dieser alte Mann da wolle», sagt er, während er sich durch den dichten, weissen Haarschopf fährt. «Aber ich kann gut mit den Jüngeren mithalten.» Vielleicht sei er wegen der immer noch grossen Kraft in seinen Fingern und Armen und der Routine sogar besser. 

Klettern ist Kopfsache

«Dank dieser Routine habe ich schon oft schwierige Situationen gemeistert», erklärt Müller. Also Momente, in welchen er sich in schwindelerregender Höhe an der Felsstruktur festhält und vorübergehend keinen Weg sieht, um zum nächsten Sicherungspunkt zu gelangen. «Da muss man die Ruhe bewahren können.» Ohnehin sei das Mentale beim Klettern entscheidend. Das grösste Abenteuer war für Seraphin Müller die Expedition 1973 in Spitzbergen in der Arktis. «Ein befreundeter Bergführer hat diese geleitet und ich war seine rechte Hand.» Die schönsten Touren bis ins Landesinnere hätten sie gemacht, ohne GPS, ohne Funk – und ohne Gewehr. «Dass uns dort Eisbären begegnen könnten, daran hatten wir doch nicht gedacht», blickt er zurück. Tatsächlich hätten sie dann von weitem einen gesehen, gefährlich wurde er ihnen jedoch nicht. 

Gefährten verloren

Seilgefährten von früher hat Seraphin Müller nicht mehr. Einige sind in den Bergen verunglückt. So zum Beispiel jener Kollege, mit welchem er zweimal die fünfhundert Meter hohe Tälllistock-Südwand in den Gadmerflühen (BE) durchstiegen hat oder am Westgrat im Salbitschijen (UR) geklettert ist. Ein anderer wird vermisst, seit er bei einem Eisabbruch verunglückte. Müller selber hat glücklicherweise nie einen schlimmen Unfall gehabt und ist gesund geblieben. 

«Ich kann es selber fast nicht glauben, dass ich immer noch schwierige Touren machen kann», sagt er. Einiges habe sich aber schon geändert. Lange Zustiege und hohe Gipfel vermeidet er, zu viel könne er sich nicht mehr zumuten. Und plötzlich hat er auch ein Auge für das, was ihm damals, als er nur das Klettern im Kopf hatte, verborgen blieb. «Ich sehe die Bergblumen am Wegrand und die Stimmung in den Bergen, das geniesse ich sehr.» In diesen Momenten denke er jeweils, dass man dankbar für das Erlebte sein sollte.

13.09.2018 :: Cornelia Jost
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