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Clever und schwer jagdbar
Clever und schwer jagdbar

 

Der Hirsch ist mittlerweile für fast alle Entlebucher Jäger ein Thema. Weil deren Bestände stetig steigen, müssen mehr Tier erlegt werden.

 

Die wachsende Population des Rotwildes widerspiegelt sich in der Jagd: In den Neunzigerjahren wurden erste Hirsche erlegt. 2010 wurden im Kanton Luzern gut 30 Tiere gejagt. «Die Planung für die heurige Jagd sieht 150 Abschüsse vor», erklärt Wildhüter Daniel Schmid und fügt an, dass die Jägerschaft gut auf Kurs sei. Über 90 Prozent der geforderten Tiere seien bereits erlegt worden und die Jagd daure im Kanton Luzern noch bis Mitte Dezember an. 

100 Hirsche werden im Entlebuch erlegt 

Weil sich der Hirsch – im Unterschied etwa zum Reh – nicht ständig in einem bestimmten Territorium aufhält, wird die so genannte Jagdstrecke nicht in jedem Revier organisiert, sondern in einer kantonsübergreifenden Planung. Die Hotspots bezüglich Rotwild sind das obere Entlebuch sowie die Region Pilatus. Allein im Entlebuch sollen mehr als 100 Stück Rotwild erlegt werden. Aber das ist gar nicht so einfach. 

«Die Hirschjagd ist sehr aufwändig», meint der erfahrene Jäger Peter Thalmann. «Der Hirsch ist schlau und verfügt über sehr gute Sinne, insbesondere sein Riechsinn ist ausserordentlich ausgeprägt.» Man könne nicht einfach sagen, an dem Tag gehe ich auf Hirschjagd – man müsse auf die Pirsch gehen, wenn sich die Tiere zeigen würden. Oftmals sei das während der Jagdzeit kurz vor dem Eindunkeln. 

Wissen die Tiere denn, wann Jagdzeit ist und wann nicht? «Das Rotwild ist in der Tat sehr, sehr clever», hat Wildhüter Daniel Schmid die Erfahrung gemacht. Während der Schonzeit können in ungestörten Gegenden oftmals auch tagsüber grosse Gruppen beobachtet werden – während der Jagd kein einziges Tier. «Die Tiere können durchaus einen Pilzsammler von einem Jäger unterscheiden. Der Pilzsammler ist tagsüber im Wald unterwegs und verhält sich für den Hirsch unauffällig. Beim Jäger hingegen reicht es schon, dass er beim Besteigen des Hochsitzes ein Geräusch macht und weg sind die Hirsche.» 

«Die Hirschjagd erfordert von der Jägerschaft eine hohe Konzentration und Disziplin», bestätigt Peter Thalmann, welcher diesen Herbst bereits erfolgreich war. Das fange schon beim in Waidmannssprache «Ansprechen» genannte Beobachten an.  Dabei müsse der Jäger bestimmen, ob die angepirschte Hirschkuh «nicht führend» sei, also kein Junges bei sich habe.  

Mal hat dieser Glück, mal jener 

Gibt es unter den Jägern wegen der Hirsche eine gewisse Rivalität? Schliesslich winken wesentlich imposantere Trophäen als etwa von Rehen oder Gämsen. «In unserem Revier überhaupt nicht», meint Peter Thalmann. «Mal hat dieser Glück, mal jener. Das gleicht sich über die Jahre aus. Wir sind wegen der Hirsche sogar mehr aufeinander angewiesen: Je nach Lage, wo ein Hirsch erlegt wurde, braucht es schon drei, vier Kollegen, um das Tier zu bergen.» Grundsätzlich finde er es interessant, dass sich eine weitere Tierart in der Region angesiedelt habe.   

Nicht überall sind die stolzen Tiere willkommen. «Obwalden hat derzeit wohl die grössten Probleme mit Rotwild», erklärt der Wildhüter. «Dort sind die Wintereinstandsgebiete vieler Hirsche; auch von einem grossen Teil der Tiere, die sich im Sommer und Herbst im oberen Entlebuch oder auch im Emmental aufhalten.» Weil den Hirschen die Kantonsgrenzen egal sind, koordinieren die Kantone Luzern, Bern sowie Ob- und Nidwalden das Management des Rotwildes gemeinsam. «Wir arbeiten bei der Bestandesaufnahme zusammen, aber auch bei der Bestimmung der Abschussquote», erklärt Daniel Schmid. Besonders wohl fühlen sich die Hirsche während der Sommermonate in den beiden aneinander grenzenden eidgenössischen Jagdbanngebieten Tannhorn (Gemeinde Flühli) sowie Augstmatthorn (nordwestlich des Brienzersees). «Erfahrene Hirschkühe wissen genau, dass sie dort ungestört leben können», weiss der Wildhüter. 

Im Artikel 5a der Verordnung über die eidgenössischen Jagdbanngebiete steht denn auch kurz und bündig: «Die Jagd ist verboten.» Es gibt aber Ausnahmen: «Die Kantone sorgen dafür, dass die Bestände jagdbarer Huftierarten in den Banngebieten stets den örtlichen Verhältnissen angepasst sind und eine natürliche Alters- und Geschlechtsklassenstruktur aufweisen. Sie berücksichtigen dabei die Anliegen der Landwirtschaft, des Natur- und Landschaftsschutzes und der Walderhaltung», lautet der Artikel 9. 

Unterschiedlichste Interessen

Die Kunst ist, zu bestimmen, wann der Bestand den örtlichen Verhältnissen angepasst ist und wann nicht – und dabei die Anliegen aller Parteien auf einen Nenner zu bringen. «Es finden regelmässig über die Kantonsgrenzen hinweg Gespräche statt», sagt Wildhüter Schmid. Die Land- und Forstwirtschaft fordere ein konsequentes Bejagen, während Natur- und Tierschützer tendenziell gegen jagdliche Eingriffe im Jagdbanngebiet seien. Zwar sind die Kantone für die jagdlichen Massnahmen zuständig, sie brauchen aber auch den Segen des Bundesamtes für Umwelt. «Wir konnten in den letzten Jahren mehrere Vergrämungsabschüsse im Jagdbanngebiet vornehmen, welche gut gewirkt haben», berichtet der Wildhüter. Das heisst, dass die Tiere für eine Zeit lang das Gebiet gemieden und sich auf eine viel grössere Fläche verteilt haben. «Dadurch sind auch die Schäden kleiner geworden», hat Schmid die Erfahrung gemacht. Er hofft deshalb, im kommenden Jahr erneut im Jagdbanngebiet Einzelabschüsse mit Vergrämungswirkung durchführen zu können. Eine entsprechende Verfügung sei in Vorbereitung. «Gezielte Abschüsse sind auch wichtig anderen Arten gegenüber», fügt der Wildhüter an. «In manchen Gegenden verdrängen die Hirsche zunehmend die Gämsen.» Somit steht Rotwild an gewissen Orten in direkter Lebensraumkonkurrenz mit dem Gämswild, das nun gezwungen ist, in ungünstigere Lebensräume zu ziehen. 

Auch die Gämsen – nicht nur die Jägerschaft – mussten sich also rasch auf die neuen Mitbewohner einstellen. Im Beschrieb zum Jagdbanngebiet Tannhorn, welcher aus dem Jahr 2010 stammt, ist zu lesen, dass die Gäms-, Reh- und Steinbockbestände so reguliert werden sollen, dass sie nicht weiter zunehmen. Und die Hirsche? Dazu ist lediglich zu lesen, dass die Entwicklung des Rothirschbestandes besonders genau verfolgt werden müsse – gut möglich, dass der Beschrieb bald angepasst werden muss. 

Wenn 30, 40 oder noch mehr Hirsche am Grasen sind

«Wir haben die Hirsche schon beobachtet, wie sie gemütlich in Einerkolonne einmarschierten», berichtet Matthias Gfeller, Landwirt auf dem Hof Schönisey, zwei Kilometer östlich des Kemmeribodenbads. Zwei Drittel des Betriebes liegen im Jagdbanngebiet. Sobald an den sonnseitigen Hängen das erste Grün spriesst sind die Hirsche da. Obschon manchmal 30, 40 oder noch mehr Hirsche auf seinen Matten weiden, relativiert der Landwirt: «Ende April und im Mai ist das Wachstum beim Gras so gut, dass die Verluste quasi kompensiert werden können.» Die Quantität ist also nicht das Problem – aber die Qualität. Die Hirsche fressen nicht nur, sie koten auch. «Wir haben festgestellt, dass die Grassilage nach Kot stinkt, was die Kühe im Winter natürlich überhaupt nicht schätzen», sagt der Viehzüchter. Wegen der Hirsche hat die Bauernfamilie auch mehr zu tun. «Beispielsweise müssen wir die Zäune täglich kontrollieren.» Generell habe er heuer – wohl wegen des guten Wetters – weniger Hirschschäden zu beklagen als in anderen Jahren. Dank des schönen Wetters hätten sich die Hirsche in höher gelegenen Gebieten aufgehalten und die Futterernte sei insgesamt auch sehr gut ausgefallen. «Wir haben irgendwie gelernt mit dem Hirsch zu leben», sagt Matthias Gfeller, welcher seinerseits 1990 erstmals einen Hirsch beobachtet hatte. «Aber manchmal fühlen wir uns schon etwas alleingelassen.»

08.11.2018 :: Bruno Zürcher
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