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Gediegene ­Arbeiten
Gediegene ­Arbeiten Langnau:

Vor 110 Jahren – lange vor der OGA – fand in Langnau eine grosse Industrie- und Gewerbeausstellung statt. Diese dauerte nicht weniger als fünf Wochen! 



«Um die Ausstellung eventuell nicht zu überladen, empfehlen wir den Ausstellern, nicht allzu viel, dagegen gediegenere Ar-beiten zu bieten, wenn immer möglich, etwas Originelles und Modernes. Wir möchten eben die Ausstellung qualitativ mehr zur Geltung bringen als quantitativ.» Diese Empfehlung steht ganz am Ende unter «NB» im Reglement für die Teilnehmer der Industrie- und Gewerbeausstellung von 1907. Dass die Gewerbetreibenden den Rat des Organisations- und des Ausstellungskomitees beherzigt haben, beweisen die Fotografien, welche im Archiv des Langnauer Gewerbevereins lagern. Fein säuberlich aufgereihte, geschmiedete Gertel, Kärste und Äxte zeigt beispielsweise das Bild einer Eisenwarenhandlung, deren Namen leider nicht entziffert werden kann. 

In und um das Sekundarschulhaus

Die Aussteller schleppten zum Teil ganze Schlafzimmermöblierungen ins Sekundarschulhaus, wo die Ausstellung während nicht weniger als fünf Wochen stattfand. Schreinereien sind auf den Fotos gleich mehrere zu sehen. Einen zentralen Platz in der Ausstellung hat auch das Langnauer Geschirr eingenommen, das auf mehreren Fotografien festgehalten wurde. Die Schlosserei von Louis Lauber – Vorgängerfirma der heutigen Sanitär- und Spenglereifirma Jürg Kühni – richtete in einem Zimmer des Sekundarschulhauses ein topmodernes Bad ein – samt Boiler und einer Toilette mit Spülung!  

Treibende Kraft hinter der Ausstellung war der Handwerker- und Gewerbeverein Langnau, wie aus den Protokollen hervorgeht. Aus der Mitte dieses Vereins sei «die Frage aufgeworfen worden, ob es nicht angezeigt wäre, in Langnau wieder einmal eine Industrie- & Gewerbe-Ausstellung anzuordnen», steht im ersten Protokoll. Immerhin seien seit der letzten derartigen Ausstellung bereits 25 Jahre vergangen. 

Am 2. Dezember – also knapp sieben Monate vor dem Start der Ausstellung – fand eine öffentliche Versammlung statt, an der «ca. 130 Personen aus nahezu sämtlichen Gemeinden des Amtsbezirks» anwesend waren. An der Versammlung stellte «Herr Grossrat Berger» den Antrag, die Ausstellung um ein Jahr zu verschieben und dafür eine «emmentalische Ausstellung» durchzuführen. Für diesen Antrag seien nur «ganz wenige Stimmen» eingegangen. Der Entschluss beweist das Selbstbewusstsein der Oberemmentaler. Langnau war ein sehr bedeutendes wirtschaftliches Zentrum des Kantons Bern. So kam es den Langnauer Gewerbetreibenden nicht in den Sinn, mit Burgdorf zusammenzuspannen, wo ein Jahr später die oberaargauisch-unteremmentalische Gewerbe- und Industrieausstellung stattfand. Wohl aber haben die Oberemmentaler im Jahr 1908 die Ausstellung in Burgdorf besucht. 

Ein detailliertes Verzeichnis aller Firmen, welche sich an der Ausstellung in Langnau beteiligt hatten, findet sich in den 24 Protokollen nicht. Es darf angenommen werden, dass der Grossteil aus der Gemeinde Langau stammte. Im Organisationskomitee, das der Unternehmer Friedrich Zweiacker präsidierte, stammt lediglich ein Mitglied nicht aus Langnau oder Bärau; es handelt sich um den Schreinermeister Gottfried Bärtschi aus Trubschachen. 

392’702 Franken Umsatz!

Detailliert festgehalten sind die Finanzen. Ein Jahr nach der Ausstellung zogen die Organisatoren Bilanz: «Der Gesamt-Umsatz beläuft sich auf Fr. 392’702.20 und der Reingewinn auf Fr. 10’479.35», ist zu lesen. Ein Teil des Gewinns wurde als «Vergabungen» gespendet; den grössten Betrag, 1000 Franken, für «die zu erstellende Wetterstation im Dorfe Langnau». Der Umsatz von fast 400’000 Franken erstaunt umso mehr, betrachtet man die Eintrittspreise: Eine erwachsene Person zahlte 50 Rappen, «Kinder und Militärs die Hälfte». Tiefer als heute an der OGA waren auch die Preise für die Aussteller: Anno 1907 zahlte ein Mitglied des Handwerkervereins Langnau pro Quadratmeter einen Franken, Nichtmitglieder das Doppelte. Heute liegt der Preis bei 150 bis 175 Franken.


08.06.2017 :: Bruno Zürcher
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