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Die Bauernfamilie als Therapiebegleiter
Die Bauernfamilie  als Therapiebegleiter Emmental: Sandra und Roland Reusser leben mit ihren vier Kindern in Aeschlen bei Oberdiessbach. Seit 2013 sind sie eine der Gastfamilien des Projekts Alp, das junge Menschen in Krisensituationen Aufenthalte auf Bauernhöfen vermittelt.
Der Bauernhof der Familie Reusser liegt in der Bergzone 1. Neben Aufzuchtrindern, Mastrindern für Weide-Beef, drei Kühen und drei Schweinen bringen allerlei Kleintiere Leben auf den Betrieb. Sandra Reusser erklärt: «Für viele unserer Betreuten ist es wichtig, Verantwortung für ein Tier übernehmen zu können. Da sind die Kleintiere ideal.» Besonders beliebt seien die Alpakas. Aber auch die Wachteln, Kaninchen, Hühner, Katzen und der Hund brauchen täglich Futter und Pflege. «Das Wichtigste, das wir unseren Klienten vermitteln können, ist eine Tagesstruktur», bemerkt Sandra Reusser. Häufig fehle es ihnen an «Boden», um ihre Schwierigkeiten zu bewältigen.

Probleme direkt ansprechen
Die Reussers haben bis jetzt mit der Organisation «Projekt Alp» nur gute Erfahrungen gemacht. «Man muss einfach gegenüber den sozialtherapeutischen Mitarbeitern ehrlich sein und offen heikle Punkte ansprechen.» Jeder Klient, wie er von der Gastfamilie bezeichnet wird, habe seinen eigenen Mitarbeiter, der ihn betreue. In einem Wochengespräch auf dem Hof könnten Probleme angesprochen und neue Abmachungen getroffen werden. «Seit August 2013 lebt ein 26-jähriger Mann bei uns, der momentan bei einer anderen Gastfamilie auf der Alp die Ferien verbringt.» Die restliche Zeit gehöre der Klient aber zur Familie, auch an den Wochenenden. «Unsere Aufgabe ist es, einfach da zu sein und ein offenes Ohr zu haben.» Die Begleitung durch die Fachleute des Projekts sei sehr wertvoll. «Wir hatten zu Beginn schon Angst, dass etwas nicht klappen und ein Klient verschwinden könnte», erinnert sich Sandra Reusser. Da sei es fast erleichternd gewesen, dass dies schon bei der ersten Person passiert sei und man diese Erfahrung schon früh gemacht habe. Beim Gastfamilientreffen oder in Kursen könne man sich zusätzlich weiterbilden oder austauschen. Das sei hilfreich.

«Wir sind auf einem guten Weg»
Ab August 2014 werden alle vier Kinder von Reussers die Schule in Oberdiessbach besuchen. Während die drei jüngeren mit dem Schulbus fahren können, wird die 12-jährige Laura vorzeitig die Mofa-Prüfung absolvieren und dann selber den Schulweg zurücklegen. Für die vier Kinder ist es normal, dass «fremde» Leute auf dem Hof leben. Seit vier Jahren betreut Sandra Reus-
ser ausserdem sechs Tageskinder, vom Baby bis zum Neunjährigen. «Eigentlich hätte ich gerne Kleinkindererzieherin gelernt, aber dann wurde ich Betriebsassistentin bei der Post», erzählt Sandra Reusser und lacht. Nun könne sie ihr soziales Engagement auf dem Hof leben. Sie habe in dieser Zeit schon viel über sich und ihr Zusammenleben als Familie gelernt. Auch die Erkenntnis, dass sie und ihre Familie eigentlich auf einem guten Weg seien.

Nicht wegen dem Geld
Der 39-jährige Roland Reusser arbeitet seit rund drei Monaten zu 70 Prozent als Wegmeister bei der Gemeinde Oberdiessbach. «Eine optimale Lösung», betont er. Vorher war er 18 Jahre bei der Landi in Linden beschäftigt. Seine neue Stelle erlaube ihm ein flexibleres Einteilen der Arbeitszeit. Mit den 13 Hektaren Land seien sie wie viele andere Bauernfamilien auf ein zusätzliches Einkommen angewiesen. Aber die Mitarbeit beim Projekt Alp sei definitiv kein Geldentscheid gewesen. «Zum ersten Mal haben wir vor über zehn Jahren an einer Ausstellung Unterlagen über das Projekt gesehen», erinnert sich Roland Reusser. «Es war aber noch zu früh und wir waren zu jung.» Nach elf Jahren Erfahrung mit Landdienst-Einsätzen erfolgte dann eine Anfrage einer Heilpädagogin, ob man nicht auch einen Jugendlichen ausserhalb des Landdienstes betreuen könnte. «Wir haben spontan zugesagt, das war der Anfang.» Roland Reussers Eltern sind durch die ersten Erfahrungen auch positiv gestimmt worden, das war wichtig, weil beide auf dem Hof wohnen.
Nach einigen Abklärungen als Familie, Leumundszeugnissen, Bewilligungen von Gemeinde und anderen Stellen seien sie dann vertraglich als Gastfamilie ins Projekt Alp aufgenommen worden. «Wichtig ist, dass wir auf dem Bauernhof Arbeiten anbieten, die sinnvoll sind und die unsere Klienten nicht überfordern.» Im Notfall müssten alle Pflichten von der Familie selber geleistet werden. Der zehnjährige Patrick ist gar nicht traurig, wenn ihm die Arbeit mit Hühnern und Wachteln abgenommen wird. Die Federtiere gehören nicht zu seinen Favoriten. Der achtjährige Levin und die sechsjährige Jana sind da schon flexibler. Aber auch sie sind nicht traurig, wenn ihr Gast wieder von der Alp auf den Hof zurückkehrt und sie von den Ämtli ein bisschen entlastet werden.

Aus Anlass des internationalen Jahres der bäuerlichen
Familienbetriebe beleuchten wir in dieser Serie verschiedene Aspekte der heutigen Bauernfamilie.
Projekt Alp
Das Projekt Alp ist ein zertifiziertes Unternehmen im Gesundheitsbereich und bietet fachlich betreute Einzelplätze in dafür geeigneten Gastfamilien in Landwirtschaftsbetrieben im Kanton Bern.
Dabei handelt es sich sowohl um längere Aufenthalte als auch um Time-Outs und Übergangslösungen. Das Projekt unterscheidet zwischen den Bereichen Sucht, Jugend und Psychiatrie. Das Ziel ist immer, die Klienten in ein möglichst selbständiges und finanziell unabhängiges Leben zu entlassen.
2013 trafen beim Projekt Alp knapp 300 Anfragen ein, woraus 52 Eintritte erfolgten. Mit 11’300 Belegungstagen lag die Gesamtauslastung bei 96,5 Prozent.
Infos unter www.projektalp.ch
In der Region vermitteln auch andere Institutionen wie beispielsweise die OGG und «Integration Emmental» Plätze auf Bauernhöfen. www.ogg.ch und www.jugendhilfe-integration.ch
24.07.2014 :: Kathrin Schneider
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